GENERATION BEZIEHUNGSUNFÄHIG Kinostart: 29.7. 2021 Liebeskomödie

Der Autor Tim (Frederick Lau) gehört zu der Generation, die die Kennlernplattformen Tinder, Parship und wie sie alle heissen, ausgiebig nutzt. Er arbeitet gerade an einem Manuskript über einen Mann, der nicht an die Liebe glaubt, dem Frauen mit ihren Wünschen zu anstrengend sind und der seine Freizeit mit wechselnden Partnerinnen verbringt. Es werden Telefonnummern ausgetauscht, anstandshalber, aber nie zurückgerufen. Ab und zu landet man auch auf gefakten Seiten. Das geht eine Weile gut, doch dann hat es ihn erwischt. Er hat sich in die coole Daterin Ghost (Luise Heyer) verliebt. Ghost steht für Ghosting, so nennt man das erklärungslose Verschwinden aus dem Leben eines Partners, denn man weiss ja nie, durch das reichhaltige Angebot der entsprechenden Kennenlernforen und Dating-Apps, noch jemand besseren zu finden. Also gibt man sich der oberflächlichen, sexuellen Freiheit hin. Tim ist verwirrt. Eine so ungstüme Frau wie Ghost, ist ihm bisher noch nicht über den Weg gelaufen. Sie verhält sich so, wie es üblicherweise nur Männer tun. Auch sie nimmt sich, was ihr gefällt und das war`s auch schon. (Anmerkung: Stracciatella-Eis spielt eine besondere Rolle bei ihrem Kennenlernen.) Wenn sich ein Mann in sie verliebt, verliebt sie sich noch lange nicht in ihn.

Tim hat jetzt ein Problem. Jetzt ist er es, der nicht locker lässt. Ich verrate nicht zu viel, wenn ich behaupte, dass jeder von uns letztendlich, so auch Tim an die Liebe glaubt. Man sollte es ruhig dem Zufall überlassen und wenn es dann passiert, sich von seinem vorhergehenden Lebensmodell verabschieden. Man muss ja nicht gleich heiraten. Wie sagt Ghost an einer Stelle: „Reicht es nicht, wenn man sonntags spazieren geht. Muß man da noch heiraten“?

„Generation Bezihungsunfähig“ ist höchst vergnüglich inszeniert ohne die Protagonisten bloßzustellen, ganz im Gegenteil, Regisseurin Helena Hufnagel („Einmal bitte alles“) nimmt die Angst vor Gefühlen ihrer Personen sehr ernst. Ich wette, dass der Wiedererkennungseffekt bei den Zuschauern, so manchen zum Nachdenken anregt. So….oder so……Nach dem gleichnamigen Roman von Michael Nast.

Deutschland 2021 Min.84 D: Frederick Lau, Luise Heyer, Henriette Confurius, Verena Altenberger

DIE ADERN DER WELT (Drama) Kinostart: 29.7.2021 Nach einem schweren Schicksalsschlag kämpft ein Nomaden – Junge um die Erhaltung seines Lebensraumes

In der mongolischen Steppe lebt der zwölfjährige Amra (Bat-Ireedui Batmunkh) mit seiner Mutter Zaya (EnerelTumen), seinem Vater Erdene (Yalalt Namsrai) und seiner kleinen Schwester Altaa (Algirchamin Baattarsuren) ein traditionales Nomadenleben. Zaya kümmert sich um die Ziegenherde. Erdene verkauft den Ziegenkäse seiner Frau in der Stadt, arbeitet als Automechaniker und ist ganz stolz auf sein selbst zusammen gebautes Cabrio mit Mercedesstern, in dem er Amra täglich zur Schule fährt. Amra macht das, was alle Jungen in seinem Alter tun: Auf ihren Handys Youtube-Videos schauen. Er träumt davon im Fernsehen bei der „Mongolia`s Got Talent“ Show aufzutreten. Doch vorher muss er an einem Casting teilnehmen, für das er die Unterschrift seiner Eltern braucht. Nachmittags hilft er seiner Mutter bei der Versorgung der Ziegen und begleitet seinen Vater zum Gebetsritual an dem heiligen Kraftbaum. Es scheint ein friedliches und unbeschwertes Leben im Einklang mit der Natur zu sein. Man fühlt sich wie in einer unberührten Welt. Ihr friedliches Leben ist bedroht. Internationale und auch staatliche Konzerne wollen in der Steppe nach Gold und anderen Bodenschätzen buddeln. Den Nomaden bieten sie eine finanzielle Entschädigung an, wenn sie das Land schnellst möglich verlassen.

Erdene will mit dem Rat der Nomaden um den Erhalt ihres Lebensraumes kämpfen. Für seine Frau erscheint der Kampf aussichtslos. Sie ist dafür, das Weideland ihrer Ziegen zu verkaufen und wegzuziehen. Sie glaubt an das Versprechen der Minengesellschaft, dass das ausgebeutete Land renaturiert wird und sie zurückkehren können. Dann sind da auch noch die Wildschürfer, „Ninjas“ genannt, denen das Schicksal der Nomaden völlig egal ist.

Amra hat ganz andere Sorgen. Die Frist für das unterschriebene Formular für die Teilnahme am Casting läuft in Kürze ab. Er muss einen geeigneten Moment finden, seinem belasteten Vater den Zettel zum Unterschreiben vorzulegen. Gerade noch rechtzeitig unterschreibt Erdene die Anmeldung zum Contest und gibt Amra sogar noch seinen Talismann aus dem Auto mit. Amra ist glücklich darüber, dass sein Vater bei der Vorauswahl dabei ist und zuhört. Amra ist unsicher ob sein Lied „Adern aus Gold“ überhaupt ankommt. Ein Lied nach einer alten mongolischen Sage.

Auf der Heimfahrt spricht ihm sein Vater gut zu. Da stürzt das Auto in ein illegales Bohrloch. Sein Vater wollte eine Abkürzung nehmen, um schneller daheim zu sein. Am heiligen Kraftbaum versammelt sich die Familie und die anderen Nomaden und betrauern Erdenes Tod. Amra hat nur einige Blessuren davongetragen. Er hat grosse Schuldgefühle. „Wenn ich nicht gesungen hätte, wäre Papa nicht gestorben“.

Der zwölfjährige Junge muss jetzt einen Weg finden mit seiner Trauer fertig zu werden und die Verantwortung für die Familie an Vaters Stelle zu übernehmen. Die Fußstapfen die er hinterlassen hat, sind nicht klein. Sein Fernsehauftritt rückt in den Hintergrund. Die Raupen und Bohrer kommen immer näher.

Mit der hinreissenden Dokumentation „Die Geschichte vom weinenden Kamel“ (2004) erhielt Byambasuren Davaa eine Nominierung für den Oscar, in der sie sich mit den Traditionen ihrer Heimat auseinandersetzte. In „Die Adern der Welt“ ist es der Raubbau und die damit verbundene Verdrängung der Nomaden aus ihrem Heimatland. „Zurzeit ist mehr als ein Fünftel der Mongolei für den Rohstoffabbauausgewiesen“. So steht es im Abspann. Ihr Film ist ein Aufschrei gegen die Ausbeuter, deren Gier den Lebensraum der Nomaden auf der ganzen Welt zerstört. Gleichzeitig behandelt sie die Coming-of- Age-Geschichte eines Jungen, der mit den Mitteln eines Zwölfjährigen das Erbe seines Vaters antritt: Den Widerstand gegen den Raubbau in seiner Heimat. Umrahmt von wunderschönen Naturaufnahmen.

Deutschland / Mongolei 2020, Länge: 95 Minuten

GASMANN (Eine Parodie über das Theater) Kinostart: 22.7.2021 Berlinpremiere am 29.7. 2021 im KLICK Kino um 20:00 in Anwesenheit des Regisseurs und Hauptdarstellers, sowie weiteren Darstellern.

Bernd (Rafael Stachowiak) ist Schauspieler. Er war immer nur als Support-Schauspieler unterwegs und wartet noch immer auf eine Hauptrolle. Als ihm am St.Pauli-Theater in Hamburg eine Rolle als „Gasmann“, ein SS-Offizier, angeboten wird, zögert er erst, sagt dann aber doch zu. Aufregend ist sein Leben gerade nicht. Er ist geschieden, ab und zu sieht er seinen kleinen Sohn und seine einzigen Freunde sind die verschrobenen Mitglieder eines Literaturzirkels, von denen Uli, der älteste, als Hitlerjunge noch den Krieg miterlebt hat. Hier blüht er etwas auf, wenn sie über ihre pseudointellektuellen Texte, wichtigtuerisch diskutieren.

Schon zur ersten Probe kommt er zu spät, was ihn der eitle Regisseur Frank, mit einer spitzen Bemerkung ankreidet. Eigentlich hasst Bernd das Stück. Aber wie heisst es so schön: „Versuch macht klug“.

Vier Jahre lang hat Frank (Steffen Jürgens) an dem Stück geschrieben. Er ist überzeugt, dass es der Knaller wird, pures Entertainment“.

„Der Nationalsozialismus ist überhaupt das Ur-Ereignis der deutschen Geschichte. Das bringe ich jetzt ins Theater. Bei den Körpern und Kostümen arbeiten wir mit der Realität, bei den Requisiten arbeiten wir mit Abstraktion“ erklärt er Bernd, der sich über den Gaswagen lustig macht. „Das ist doch kein Gaswagen. Der sieht aus wie ein Bollerwagen mit vier Rädern“. Der Gaswagen soll eine mobile Gaskammer darstellen, mit der die Gasmänner durchs Land ziehen und Homosexuelle und Behinderte einsammeln sollen.

Bernds Begeisterungsfähigkeit für das Stück ist gering. An seiner Seite, der unterwürfige Kollege Mathis (Kristof van Bovan) der ihn als Schrottschauspieler tituliert, nachdem Bernd einen Satz mindestens zwanzigmal in verschiedenen Tonarten sprechen muss, bis er zu brüllen anfängt. Man merkt dem Regisseur an, wie er seine Macht geniesst.

Oh je, die Premiere muss aus Termingründen vorgezogen werden. Die Generalprobe: Ein Fiasko.

Der von sich überzeugte Frank, hat dafür gesorgt, dass sich Gasmänner und Opfer, bei der letzten Probe vor der Premiere, zum ersten mal auf der Bühne sehen und hören. Ob der Glaube daran, dass, wenn eine Generalprobe daneben geht, die Premiere um so besser wird, ist in diesem Fall, äusserst zweifelhaft.

Bei Bernd scheint sich eine Annäherung an seine Nazirolle vollzogen zu haben.

Die Proben sind eine amüsante Parodie auf das Theater. „Alle Texte raus! Wir machen jetzt nur noch Körper und Raum“. Oder Mathis süffisanter Spruch: „Weisst du Bernd. Das Problem mit euch Deutschen ist, ihr seht einfach super aus in euren Uniformen.Du auch Bernd, das ist die Rache der Gene“.

Aber in jeder Parodie steckt auch ein Quentchen Wahrheit. Es gibt mehr als genug Schauspieler, die sich von Stück zu Stück hangeln, ähnliches erleben aber den Glaube an einen Durchbruch noch nicht verloren haben, die die Zähne zusammenbeissen, egal, wie sie behandelt werden. Bernd, gehört nicht zu ihnen, seine Begeisterungfähigkeit hat auch im wahren Leben gelitten. Das zeigt sich, als er mit seinen Literatukumpeln in ein Landhaus fährt und leider nur eine kurz andauernde Energie entwickelt. Eigentlich tragisch.

Deutschland 2019 Regie::Arne Körner.Buch: Arne Körner, Akin Sipal Darsteller: Rafael Stachowiak, Harry Baer, Dietrich Kuhlbrodt , Charles Toulouse

Verleih: missingFilms Länge: 87 Minuten

IN THE HEIGHTS Kinostart: 22.7. 2021 (Mitreissendes, verfilmtes Broadway- Musical)

2008 feierte „In the Heights“ des Schauspielers und Komponisten Lin-Manuel Miranda seine Premiere am Broadway. Darin schildert der Sohn puerto-ricanischer Eltern den Alltag der hispanischen Gemeinde im New Yorker Einwanderungsviertel Washington Heights.

Unter der Regie von Jon M. Chu kommt das gleichnamige, knallbunte Musical jetzt in unsere Kinos. Es führt uns für zweieinhalb Stunden in die Strassen von Washington Heights, einem Viertel nördlich von Harlem an der 155. Strasse in New York.

Es ist ein heisser Sommer und die Bewohner müssen sich mit der fortschreitenden Gentrifizierung herumschlagen. Das tut der überschwänglichen Lebensfreude der Latinos, die überwiegend aus der Dominikanischen Republik und anderen Gegenden der Karibik eingewandert sind, keinen Abbruch.

Sie haben einen Ort gefunden, den sie zu ihrer Heimat gemacht haben. Für die Bewohner zählt nur das Heute.

Im Mittelpunkt des bunten Treibens steht der Bodega-Besitzer Usnavi de la Vega (Anthony Ramos). Als Erzähler führt er den Zuschauer durch sein Viertel. Wir lernen die Kubanerin Abuela Claudia, bei der Usnavi aufgewachsen ist, kennen. Erleben die Friseurin Daniela (Daphne Rubin Vega), die wegen einer horrenden Mieterhöhung mit ihrem Schönheitssalon in die Bronx umziehen muss und den Taxiunternehmer Kevin Rosario (Jimmy Smits), dessen Tochter Nina (Leslie Grace), die ihr Studium in Stanford abgebrochen hat, weil man sie für eine Diebin hielt.

Usnavi träumt davon in seine Heimat die Dominikanische Republik, die er mit acht Jahren verlassen hat, zurückzukehren um dort eine Strandbar zu eröffnen. Er ist in die Nageldesignerin Vanessa (Melissa Barrera) verliebt und steht vor einem Konflikt. Trotz Sommerhitze und Stromausfall sind die Strassen belebt mit singenden und tanzenden Menschen, die in ihren Songs ihren Sorgen und Sehnsüchten Ausdruck verleihen. Melodien sind, wie eine andere Sprache. Je beschwerlicher ihr Alltag ist, desto grösser ist die Solidarität in der bunten Community. Eine der mitreißenden Szenen ist, wie 85 Tänzer und 500 Statisten in einem Pool nach dem Song „96.000“ beschwingt tanzen und davon träumen, was sie mit so viel Geld anfangen würden. Usnavi hat in seinem Laden ein Los verkauft mit dem Gewinn von 96.000 Dollar. Keiner weiss, wer der glückliche Gewinner ist. Es könnte jeder von ihnen sein. Die Spannung ist groß.

Gedreht wurde ausschließlch in den Strassen von New York, mit einer Unmenge von Statisten, von jung und alt, dick und dünn, hell-und dunkelhäutig. Das macht das liebenswerte, optimistische Musikspektakel besonders authentisch. Usnavi, der seinen Laden aufgibt: „Wer vermisst schon seinen Laden, wenn die Hipster kommen“?

USA 2021 141 Min.

ANMASSUNG (Dokumentation) Kinostart: 22.7. 2021 Protagonist, ein Inhaftierter in der JVA Brandenburg

Die beiden Regisseure Chris Wright und Stefan Kolbe sehen den Strafgegefangenen Stefan S. zum ersten Mal In der JVA Brandenburg in einer Gesprächsgruppe mit 12 Männern, 8 davon Gewalt-und Sexualstraftäter. Stefan ist Teilnehmer der Verhaltenstherapeutischen Maßnahme: Männlichkeit und Identität. Auf die beiden Filmemacher wirkt Stefan S. Total nett. Ein Vollzugsbeamter antwortet: „Stefan S. ist ein eiskalter Frauenmörder“.

Die beiden Regisseure wollen keinen Film über Stefan machen, sondern, über was sehen wir, wenn wir, nichts sehen. Was machen wir uns für ein Bild von einem Menschen, der einen Mord begangen hat? Vier Jahre haben die beiden sich mit Stefan beschäftigt.

Da Stefan sich vor der Kamera unwohl fühlt und sein Gesicht nicht zeigen will, tritt an seine Stelle eine Puppe, die von zwei Puppenspielerinnen geführt wird. Eine stellt Fragen, die andere antwortet als Stefan. Das hat etwas befremdliches und gleichzeitig auch rührendes, wenn sich die kleine Figur in ihrem roten Pullover, den blauen Jeans und den hellgrauen Socken in den kleinen blauen Sneakern bewegt. Wäre da nicht der babyähnliche Kopf mit den durchdringenden blauen Augen und dem bösen Gesichtsausdruck und dem Hauch von Unsicherheit und Tragik.

Nach über 12 Jahren Haft begleitet das Filmteam Stefan bei seinem 2.Ausgang im Wald zum See. Er läuft so schnell, dass die beiden Justizbeamten kaum hinterherkommen. Danach erzählt er den Regisseuren seine Lebensgeschichte. Die einzelnen Stationen seines Lebens werden nachgestellt.

Stefan selbst, sieht man immer nur von hinten. Es hat viel Trauriges in seinem Leben stattgefunden. Es gibt nur wenige Momente, in denen er glücklich war. „Richtig wütend war ich nur einmal in meinem Leben und dann ist es schief gegangen“ erzählt er. Auch Sex hat er nie in seinem Leben gehabt, erzählt er. Als er nach fast 15 Jahren Haft im offenenVollzug ist, will ihm sein Therapeut eine Sexarbeiterin besorgen, damit er Sexualität „lernt“. Das Angebot erfüllte ihn mit Stolz, doch dann hat er es abgelehnt. Und immer wieder die Puppe, die von den Puppenspielerin je nach Gefühlslage entsprechend bewegt wird und die einen mit diesem unbeweglichen Gesicht und den eiskalten, blauen Augen anschaut. Es ist schwierig hinter die Fassade dieses Menschen zu schauen und zu verstehen, mit wem man es zu tun hat und was in seinem Innern wirklich vor sich geht. Hinzu kommt, dass Stefan sich kurz vor seiner Entlassung befindet, über die seine Therapeuten entscheiden müssen. Hat er es in der langen Haftzeit gelernt, sich anzupassen und immer das Richtige zu sagen? Nicht mal Therapeuten können darauf eine eindeutige Antwort geben.

Stefan darf die Regisseure jetzt einmal im Monat in Berlin besuchen. Er möchte so viel Sehenswürdigkeiten wie möglich sehen. Am liebsten würde er bei ihnen übernachten. Spätestens jetzt wird es auch den beiden Filmemachern mulmig. Sie fragen sich, was er eigentlich in ihnen sieht und warum macht er überhaupt bei ihnen mit? Auch das Vertrauen, was er ihnen schenkt, überfordert sie. Und wer weiss, ob er nicht wieder einen Mord begehen wird? Das Wright und Kolbe das Gerichtsprotokoll erst am ende ihrer Dokumentation vorlesen und man als Zuschauer erst jetzt den ganzen Sachverhalt erfährt, macht es nicht einfacher. Seine Tat wird minutiös geschildert. Nach 16 Jahren wird er entlassen. Steht aber noch unter Bewährung. All seine Sachen überlässt er Wright und Kolbe. Das Bild, was man sich von ihm bis jetzt gemacht hat, bekommt einen Riss.

Die Doku, die man vielleicht auch als Experiment bezeichnen kann, führt uns vor Augen, wie schwierig es ist, einen Menschen wirklich zu begreifen. Auch wenn man ihn jahrelang kennt, weiss man nicht wirklich, was in ihm vorgeht.

ANMASSUNG regt auf jeden Fall zum Grübeln an.

Stab, Regie, Buch: Stefan Kolbe, Chris Wright.

Puppenspielerinnen: Nadia Ihjeij Josephine Hock

1 Std. 55 Minuten Der Film hatte seine Premiere 2021 auf der Berlinale in der Sektion: FORUM

NEBENAN (Eine Tragikomödie über Ossis und Wessis und bitteren Lebenslügen) Kinostart: 15. Juli 2021

Mit diesem Film gelingt mir der große Durchbruch, hofft Daniel (Daniel Brühl). Der Schauspieler soll in London für einen amerikanischen Superheldenfilm vorsprechen. Auf dem Weg zum Flughafen, macht er in einer Berliner Eckkneipe „Zur Brust“ halt. Vormittags ist seine Stammkneipe noch leer und er hat die nötige Ruhe, seinen Text noch zu verfestigen und und zu telefonieren, denn er will unbedingt herausfinden, wer seine Partner sind. So vermeidet er es, in der Flughafenlounge angestarrt zu werden. Doch mit der Ruhe haut es nicht hin. An der Theke sitzt Bruno (Peter Kurth) und verwickelt ihn in ein Gespräch. Daniel wohnt in einer luxuriösen Maisonettewohnung mit eigenem Außenaufzug, mitten in Prenzlauer Berg. Da seine beiden Söhne schon wach sind, hätte er zu hause nicht die nötige Ruhe gehabt.

Im Gespräch mit Bruno stellt sich heraus, dass er im selben Haus, mit dem Schnösel Daniel wohnt. Leider nur im Hinterhaus,ohne Fahrstuhl. In der luxussanierten Dachwohnung die Daniel nun bewohnt, hat früher Brunos Vater gewohnt. Er wurde von Spekulanten rausgekauft. „Jetzt ist mein Vater tot“, erzählt er.

Bruno kennt alle Filme von Daniel. Es bereitet ihm offensichtlich ein hämisches Vergnügen, sich über Daniels nicht vorhandene Schauspielkunst lustig zu machen. Auch wenn die Filmtitel verändert sind, weiss man, über welche Filme er abfällig spricht.

Kurth verkörpert den frustrierten Wendeverlierer, der den verhassten Gentrifizierer- Wessi mit ausgetüftelten Rachegelüsten regelrecht bombardiert. Er fängt klein an. Er starrt den Schauspieler eine ganze Weile an, dann bittet er um ein Autogramm, dann wischt er sich mit der Serviette, auf der das Autogramm steht, genüsslich den Bierschaum vom Mund. Dann nimmt er sich Daniels Filme vor, die er alle haargenau kennt und spöttelt, was das Zeug hält. Dann zückt Bruno sein letztes Ass. Er beginnt Daniel über sein eigenes Privatleben minutiös aufzuklären. Es ist nicht nur die Einsicht, die er wegen der bodentiefen Fenster in Daniels Wohnung hat, sondern weil er nachts dort sitzt, wo Daniel anruft, wenn seine Kreditkarte verloren geht. „Ich sehe alles, was auf deinem Konto passiert. Tschuldigung, dass ich du sage aber ich weiss so viel von ihnen. Ihr habt ja ständig das Fenster auf, ich höre alles.“ Bruno hört gar nicht auf, Details aus Daniels Leben runterzurattern.

„Denk mal darüber nach, ob das, was ich dir erzähle eine Lüge ist.“ die ausgedruckten Wahrheiten nimmt er mit. „Ach übrigens, über Denise, das Callgirl müssen wir auch noch reden“. Unterbrochen wird das abgründige Kammerspiel, wenn Daniel mit seinem Rollkoffer von dannen zieht, um wichtigtuerisch zu telefonieren und dann doch wieder erscheint.

Den beiden unterschiedlichen Männern in der kleinen Kneipe zuzusehen und zuzuhören ist ein köstliches Vergnügen, auch wenn es zwischendurch bitterböse wird. Bruno, der mit großer Gelassenheit seinen Hass gegen alles West-Deutsche an Daniel rauslässt und Daniel der durch und durch arrogant ist aber alles tut um nicht arrogant zu wirken, verkörpert den typischen Klischee-Wessie mit einer köstlichen Selbstironie. Oder ist es ein genialer Schachzug des Freundes und Drehbuchautors Daniel Kehlmann, denen, die Daniel Brühl nicht mögen, „den Wind aus den Segeln“ zu nehmen und ihre Häme zu schwächen. (Einige Beleidigungen in Kehlmanns Drehbuch basieren auf wahren Sprüchen, die Brühl sich anhören mußte.)

Brühls Regiedebüt ist nicht nur ein perfides Psychduell sondern auch eine Tragikomödie über Ossis und Wessis mit köstlichem Humor.

Deutschland 2021 92 Minuten Regie: Daniel Brühl. Drehbuch: Daniel Kehlmann Kamera: Jens Harant Darsteller: Daniel Brühl, Peter Kurth, Aenne Schwarz

IM FEUER – ZWEI SCHWESTERN (Migrations-Drama) Kinostart: 15.7. 2021

Rojda Xanin (Almila Bagriacik) ist Bundeswehrsoldatin und in Deutschland aufgewachsen. In einem griechischen Flüchtlingslager sucht sie ihre Mutter (Maryam Boubani), die sie mit nach Deutschland nehmen will. Nur ihr deutscher Pass ermöglicht eine Weiterreise. Was sie noch nicht weiss, ihre Mutter ist ohne ihre Schwester Dilan (Gonca de Haas) gekommen. Dilan ist im Irak geblieben.

Als Rojda die nötigen Formalitäten erledigen will und die Papiere für ihre Mutter verlangt, sitzt sie einem höchst arroganten Typ gegenüber. Er will ihr nicht glauben, dass sie die deutsche Staatsbürgerschaft hat. Er macht sich erst einmal lustig, indem er ihren Pass für gefälscht hält und lässt sie absichtlich zwei Stunden warten, bis er das Problem geklärt hat.

Die beiden Frauen sind in Rojdas Wohnung in Köln angekommen. Ihre Mutter macht sich große Sorgen um Dilan. Während sie mit ihr telefonieren, ist das Gespräch plötzlich abgebrochen. Am liebsten wäre auch ihre Mutter, die ihr altes Leben verloren hat, bei Dilan im Irak geblieben. Doch im Irak ist Krieg. Der IS wüted in kurdischen Regionen. Die Menschen flüchten. Wer nicht flieht, der kämpft, gegen die Islamisten, sowie Dilan, die in einer kurdischen Miliz, für ihre Heimat und das Überleben kämpft.

Mit eiserner Harnäckigkeit setzt Rojda es durch, in den Irak versetzt zu werden, um ihre Schwester zu suchen. Als Kurdin kann sie als Sprachvermittlerin gute Dienste leisten. In Erbil angekommen, eine kurdische Region, wo der IS vor kurzem verdrängt wurde, ist der deutsche Oberfeldwebel Alex Breitmeier (Christoph Letkowski) ihr Vorgesetzter. Die Bundeswehr bildet dort Peschmerga-Kämpferinnen aus, unter denen Rojda ihre Schwester vermutet. Stabsunteroffizier Rojda Xani kann ihm mit ihren Sprachkenntnissen nun gut dabei helfen, die Frauen zu verstehen, damit er sie nach seinen Vorstellungen ausbilden kann. Doch die Kämpferinnen haben ihre eigenen Vorstellungen.Rojda kann gut mit den Frauen kommunizieren und übersetzen.

Bei ihrem ersten Einsatz bot sich der Truppe ein trauriges Bild. Rojda hat ein Tuch gefunden, von dem sie glaubt, dass es ihrer Schwester gehört. In dieser Nacht bleibt sie im Camp der Frauen, obwohl es verboten ist. Breitmeier gibt nach und ordnet an, dass seine Kompanie draussen, in der Nähe der Frauen, schläft.

Es sind traurige Geschichten, die Rojda von den Frauen erfährt. Berivan, eine von ihnen, fasst sich ein Herz und sie bringen Rojda im Dunkeln zu ihrer Schwester. Sie geraten in einen Hinterhalt und es kommt zu einer Schießerei.

Regisseurin Daphne Charizani konzentriert sich auf die komplexen Aktivitäten der Figuren untereinander. Was bedeutet es als Soldatin in der männlich dominierten Bundeswehr zurechtzukommen.? Glücklicherweise hat Rojda in Breitmeier einen sympathischen Vorgesetzten gefunden. Wie gelingt es noch professionell zu bleiben, wenn sie, Rojda, die auf der Suche nach ihrer Schwester ist und als Einzige wirklich mit den überzeugten Kämpferinnen kommunizieren kann?

Charizani verzichtet bewusst auf dramatische Spannungsmomente und zeigt eine starke Heldin zwischen dem Hin-und Hergerissen-Sein zweier unterschiedlicher Kulturen.

Schon in „Nur eine Frau“ brillierte Almila Bagriacik und das tut sie hier wieder.

Deutschland /Griechenland 2020

THE LITTLE THINGS (Thriller) KINO-START: 8.7.2021

Der PSYCHO-THRILLER „THE LITTLE THINGS“ glänzt mit einem Super Cast.

Der in die Jahre gekommene Deputy Sheriff Joe Deacon (Denzel Washington) kommt für eine Routineuntersuchung aus der Provinz nach Los Angeles,wo ihn widererwarten die Vergangenheit einholt. Er wird in die Ermittlungen zu einem Serienmörder hineingezogen, der die Stadt terrorisiert.

Der ungelöste Fall eines Serienkillers brachte ihn vor fünf Jahren an den Rand seiner Ermittlungen.Er wurde suspendiert, litt unter einem Burnout, seine Ehe wurde geschieden und er musste drei Bypass-Operationen über sich ergehen lassen.

Sein Nachfolger, der geschniegelte junge Sergeant Jim Baxter (Rami Malek) zeigt sich beeindruckt von Deacons feinsinnigem Spürsinn, denn noch immer spricht man unter Polizeikollegen über seine ganz eigenen Methoden der Ermittlung. Sein Wahlspruch: „Es sind die kleinen Dinge, die wichtig sind“.

Baxter erhofft sich nun von seinem Vorgänger Hilfe bei der Aufklärung der Verbrechen, die an Deacons Fall von damals erinnern. Es wird höchste Zeit, denn die Zahl der Opfer hat sich auf sechs erhöht.

Während das ungleiche Paar die Ermittlungen aufnimmt, bemerkt Baxter, dass der „Provinzpolizist“ ein gg dunkles Geheimnis mit sich herumträgt.

Als die beiden den intelligenten Außenseiter Albert (Jared Leto) ins Visier nehmen, kommt es zu einem mörderischen Katz-und-Maus- Spiel.

Regisseur John Lee Hancock („Blind Side-Die große Chance“) hat einen Noir-Thriller inszeniert, in dem es mehr darum geht, was Ermittlungsarbeit mit einem macht. Der Plot ist streckenweise ermüdend und wimmelt von Klischees. Zum Glück hat er seinen Film mit den drei Oscar-Preisträgern Washington, Leto und Malek („Bohemien Rhapsody) besetzt, die retten, was zu retten ist, indem sie sich ein gelungenes Psychoduell liefern. Gelungen auch, die düstere Atmosphäre, in der sich die drei bewegen.

Für seinen Part des unduchsichtigen Outlaws wurde Jared Leto in diesem Jahr für den Goldenen Globe nominiert. Er macht seine Sache grandios.

128 Minuten. USA 2021

SOMMER 85 (Eine leidenschaftliche Teen-Ager-Liebe endet auf tragische Weise) Kinostart: 8.7. 2021 OT: ÈTÉ 85

Der 16-jährige Alexis, der lieber Alex genannt werden will, wird in Handschellen abgeführt. Während er darauf wartet, von der Polizei verhört zu werden, berichtet er als Ich-Erzähler, wie alles geschah, vor einem halben Jahr in dem beschaulichen Küstenort der Normandie.

Alex (Félix Levebvre) ist mit einer kleinen Segeljolle unterwegs als ein Unwetter aufzieht und er kentert. Zum Glück kommt ihm der zwei Jahre ältere David ( Benjamin Voisin) zu Hilfe und rettet ihn. „Das ist er, der zukünftige Leichnam“wendet sich Alex direkt an das Publikum. Alex hat ein Faible für alles, was das Thema Tod betrifft.

David nimmt Alex mit zu sich nach Hause. Gibt ihm trockene Klamotten und will sich später um das gekenterte Boot kümmern. Davids leicht neurotische Mutter ( Valeria Bruni-Tedeschi) ist ganz begeistert von Alex, den er ihr als seinen besten Freund vorstellt. Sie findet, dass er ein ausgesprochenes Engelsgesicht hat. Sie reißt dem verdutzten Jungen die Kleider vom Leib, mustert ihn von Kopf bis Fuss und steckt ihn in die Badewanne. „Badewannen erinnern mich schon immer an Särge“ vertraut er dem Publikum an. Von nun an, sind die beiden unzertrennlich. Am nächsten Tag, gehen sie beide aus. David rettet einen Betrunkenen, der fast in ein Auto läuft. Alex, der Schulferien hat, kommt spät nach Hause. Sein Vater will, dass er sich während der Ferien einen Job sucht. Da passt es gut, dass David den Laden LA MARINE seines verstorbenen Vaters führt. Hilfsbereit wie er ist, bietet er Alex an, ihm im Geschäft zu helfen. Alex nimmt das Angebot gerne an. In ihrer Freizeit rasen sie auf Davids Suzuki, durch die Strassen, amüsieren sich auf dem Rummel. In der Disco setzt ihm David Kopfhörer auf, Alex bewegt sich nach Rod Stewarts Song: I am sailing. (Der Song taucht am Ende nochmal auf.)

David erzählt ihm, dass er sehr unter dem Tod seines Vaters leidet und von der Schule gegangen ist, um den Laden zu managen und das sein Lehrer sehr traurig darüber war. David schlägt Alex einen Plan vor: „Lass uns einen Pakt schliessen. Wer von uns beiden den anderen überlebt, verspricht ihm, auf dessen Grab zu tanzen“. Alex verspricht es dem Freund seines Lebens.

Und wieder wendet er sich an das Publikum: „Sie wollen wissen, was in jener Nacht hinter dieser Tür geschah? Das ist normal, Wir alle wollen die Geheimnisse hinter verschlossenen Türen erfahren. Aber ich verrate es nicht. Nur so viel: Es war die schönste Nacht meines Lebens und ich verbrachte sie mit David“.

Die leidenschaftliche Romanze nimmt ein bitteres Ende. Nach einer Bootsfahrt zu dritt, mit an Bord das attraktive Au-pair-Mädchen Kate (Philippine Velge), erfährt Alex, dass David die Nacht mit ihr verbracht hat. „6 Wochen, 1008 Stunden, 3.628.800 Sekunden hat unsere Beziehung gedauert“ rechnet Alex dem Publikum vor. „Du hast ihn umgebracht“, schreit Davids Mutter den unendlich traurigen Alex an. Es ist Kate, die dem trauernden Jungen einen riesigen Gefallen tut.

Eine Mitarbeiterin des Jugendamtes will unbedingt herausfinden, was passiert ist. Sie fleht Alex an, wenigsten seinem Lehrer, die Wahrheit zu erzählen.

Der kriminalstische Hintergrund steht nicht im Mittelpunkt dieses Dramas. Viel mehr liegt der Schwerpunkt von Francois Ozons Film, der auf dem Roman TANZ AUF MEINEM GRAB von dem Briten Aidan Chambers basiert, auf dem emotionalen Erleben seiner Protagonisten, welches er mit viel Empathie beschreibt. Mit seinem erzählerischen Trick, die Geschichte in einzelnen Puzzle-Stücken zu erzählen, erweckt er bei dem Zuschauer eine besondere Spannung, die es verbietet, das melodramatische Ende zu verraten. Sein Film umweht einen Hauch von 80- Jahre-Nostalgie. Kleiner Tipp: Taschentücher einpacken.

Frankreich 2020 O.T: Èté 85 101 Minute

NOMADLAND Start: 1. Juli 2021 (Sechsfacher Oscar-Gewinner)

Die Hauptfigur Fern, gespielt von Frances McDormand, hat alles verloren: Ehemann, Job, Haus-und entdeckt ihr Leben neu. Als Nomadin im Wohnmobil. „Ich bin nicht obdachlos, ich bin hauslos“ sagt sie. Die sinkende Nachfrage nach Gipsplatten hat dazu geführt, dass die Gipsmine in Empire, Nevada, einem Kaff am Rande der Wüste, nach 88 Jahren, still gelegt wurde. Die Bewohner müssen ihre Häuser verlassen, aus der Arbeitersiedlung ist eine Geisterstadt geworden. Fern und ihr Mann haben dort gearbeitet.

Bei eisiger Kälte packt sie ihre Habseligkeiten in einen, von ihr ausgebauten Van, um in eine ungewisse Zukunft aufzubrechen. Nun gehört sie, wie so viele in Amerika, zu denen, die alles verloren haben und plötzlich auf sich allein gestellt sind. Moderne Nomaden, die als Saisonarbeiter durch die Vereinigten Staaten ziehen. Ihre Rente reicht nicht zum Überleben. 40 Jahre lebte sie mit ihrem Mann Bo zusammen, bis zu dessen Tod. Sie hatte ein festgefügtes Leben. Bis zu ihrem 61.Lebensjahr.

Sie packt Pakete bei Amazon, schrubbt Toiletten auf einem Campingplatz in den Badlands, erntet Rüben in Nebraska, frittiert Pommes in einer Restaurantküche. Arbeit für wenig Geld.

Fern trifft auf ihrem Trip andere Nomaden, wunderbare Menschen, die eine echte Gemeinschaft bilden. Nomaden, die sich selbst spielen. Linda May, eine Großmutter, die in einem alten Jeep lebt. Swankie, eine ältere Frau, die seit einem Jahrzehnt von Minijobs lebt und andere. Ein schöner Moment, als sich Fern und Linda May, draussen auf ihren Campingstühlen, eine Gesichtsmaske aus Gurkenscheiben und feuchtem Toilettenpapier gönnen. Dennoch zieht sie weiter. Fern ist gern alleine, wie viele von ihnen. Nach einiger Zeit, muss sie wieder hinaus in die Natur. Einmal im Jahr treffen sich alle in der Wüste, unter dem Motto: „Man sieht sich“ und geht danach wieder auseinander.

Die Nomaden, die sich Regisseurin Chloé Zhao für den Film ausgewählt hat und die sich nicht Nomaden sondern Van-Bewohner nennen und ihre Würde nicht verloren haben, sind mit ihrer Präsenz und Natürlichkeit ein besonderes Geschenk für dieses Roadmovie. David Strathairn, der im Film Dave spielt und ein Auge auf Fern geworfen hat, ist auch ein Schauspieler. Dave, der Großvater geworden ist, entscheidet sich für die Sesshaftigkeit. Er will einiges wieder gutmachen, von dem, was er bei seinem Sohn versäumt hat. Als Fern ihn besucht, bittet er sie doch zu bleiben.

Sie durchstreift das Haus, es fühlt sich fremd an. Sie steigt in ihren Van und fährt los. Ihr fällt das Handyvideo von Swankie ein. Es zeigt die Schwalbennester von der pazifischen Felsenküste, die die alte Frau noch einmal sehen möchte, bevor sie stirbt. Auch die Geisterstadt Empire sucht Fern noch einmal auf, betritt ihr verlorenes Zuhause, schaut durch`s Fenster zu den Bergen am Horizont in der dunstverhangenen Wüste…und fährt weiter.

„Nomadland“ ist kein anklagendes Zeitdokument, sondern ein Film von unerwarteter Poesie und wie man das Leben neu entdecken kann. In „Nomandland“ treffen wir auf Menschen, die sich für ein selbstbestimmtes Leben entschieden haben und nicht viel zum Überleben brauchen und in der unberührten Natur ihre Unabhängigkeit entdecken. Zhao nähert sich ihren Figuren mit großer Sensibilität.

Natürlich ist es ein Skandal, dass es in den USA eine Vielzahl von Obdachlosen gibt. Die Menschen die wir in „Nomadland“ sehen, sind nicht obdachlos, sie sind wohnungslos. Das ist für sie ein grosser Unterschied. Sie haben sich entschieden ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und ihr hart verdientes Geld nicht für Miete oder Hypotheken auszugeben. Auch Fern hat mit 61-Jahren diesen mutigen Schritt gewagt.

Kameramann Joshua James Richards sorgt für wunderschöne Naturaufnahmen.

(Die Filmaufnahmen in dem riesigen Warenlager und die harschen Arbeitsbedingungen bei Amazon, sind echt. Frances hat um eine Dreherlaubnis gebeten und Amazon hat die Erlaubnis gegeben).

USA 2020 108 Minuten. Der Film gewann im April 6 Oscars.