EIN MANN NAMENS OTTO (TRAGIKOMÖDIE) Kinostart: 2.2. 23

Marc Forster („Monster Balls“) verfilmte die Buchadaption „Ein Mann namens Ove“ von 2015 neu.

Der Film war in Schweden einer der erfogreichsten Filme aller Zeiten.

Nun schlüpft Tom Hanks als Otto in die Rolle des Stinkstiefels vor dem Herrn, ganz und gar kein nice Guy, als den wir ihn sonst kennen. Eher eine tragische Figur. Man kann es auch so ausdrücken: Hanks löst Rolf Lassgard ab.

Weil sich Otto in der Firma nicht mehr wohlfühlt, geht er vorzeitig in den Ruhestand, kündigt all seine Verträge, die Torte, die man ihm zum Abschied schenkt, will er nicht. Im Baumarkt hat er Seil und Ösen gekauft aber nicht, ohne den Verkäufer in den Wahnsinn zu treiben. Er hat vor, sich zu erhängen. Er hat schon die Schlinge um den Hals gelegt, als es draussen kracht. Wütend steigt er von seinem Stuhl und rennt raus, weil in seiner Straße ein Auto mit Anhänger parken will, obwohl Autofahrern das Parken in der Straße streng verboten ist. Ein Paar mit zwei Kindern ist dabei umzuziehen. Otto ist ein mürrischer Pedant, der die ganze Nachbarschaft mit seinem Kontrollwahn drangsaliert.

Seit er seine Frau verloren hat, ist ihm jede Lebensfreude verloren gegangen. Noch wissen die neuen Nachbarn nicht, mit wem sie es da zu tun kriegen. Die aus Mexiko stammende, schwangere Marisol (Mariana Trevino), die mit ihrer Familie einzieht, begrüßt ihn total herzlich und überreicht ihm später als Willkommensgeschenk einen Topf mit einem selbstgekochten Essen, mexikanisches Chili – Hühnchen. Er ist schon wieder dabei, sich das Leben zu nehmen. Es ist nicht sein letzter Versuch, bei dem er gestört wird. Die Sache wird zum „Running Gag“. Es ist laut seit dem Marisol mit ihren zwei Kindern eingezogen ist. Und da ihr Mann auch noch handwerklich total unbegabt ist, regt sich Otto auf, weil er ihm behilflich sein muss. Sein krankhafter Ordnungssinn zwingt ihn quasi dazu. Mit ihrer unbefangenen, lateinamerikanischen Lebensfreude, nimmt Marisol dem notorischen Quengler den Wind aus den Segeln. Otto wird sogar zum Babysitter der neuen Nachbarn.

In berührenden Rückblenden erfährt man den Grund, warum er den Kontakt zu der Außenwelt immer mehr verlor. Und dann ist ja da auch noch der herzlose Immobilienriese, der die älteren Bewohner los werden will, um den Ort zu gentrifizieren, was Otto ganz und gar nicht gefällt.

In den Rückblenden spielt Toms Sohn Truman, in seiner ersten größeren Rolle, den jungen Otto, in einer der berührensten Kennlerngeschichten eines jungen Paares, an der Seite von Rachel Keller.

Es macht Freude zu sehen, dass Marisol und ihre Familie keine Angst vor Ottos Verhalten haben, sondern anerkennen, was er für die Nachbarschaft leistet und letztendlich sein gutes Herz erkennen. Für Otto sind die neuen Nachbarn ein regelrechter Glückstreffer.

„Ein Mann namens Otto“ versprüht eine wohltuende Herzenswärme, die man nicht so oft in amerikanischen Filmen sieht. Traurig, zartes Gefühlskino mit einem glaubwürdigen Hauptdarsteller.

OT: A Man Called Otto; USA 2023; 126 Min.; R: Marc Forster; D: Tom Hanks, Truman Hanks, Mariana Trevino, Rachel Keller, Manuel Garcia- Rulfo, Cameron Britton, Mike Birbiglia, Christiana Montoya

Werbung

THE SON (Ein Familiendrama über die Hilflosigkeit der Angehörigen) Kinostart: 26.1. 2023

Kate (Laura Dern) wendet sich in ihrer Verzweiflung an ihren geschiedenen Mann Peter (Hugh Jackman), der inzwischen eine neue Familie gegründet hat. Sie hat herausgefunden, dass ihr gemeinsamer Sohn Nicholas (Zen McGrath) der nach der Scheidung bei ihr lebt, schon wochenlang nicht in der Schule war und sie bei allen Versuchen mit ihm zu reden, nicht an in heran kommt. Peter nimmt sich des Jungen an, lässt ihn bei sich und seiner zweiten, weitaus jüngeren Frau Beth (Vanessa Kirby) und dem gemeinsamen Baby, wohnen. Mit Beth darüber gesprochen hat er nicht. Sie wohnen in einer luxuriösen Loft-Wohnung in New York. Peter ist ein angesehener Anwalt und so wie es aussieht, steigt er bald in die Politik ein. Der siebzehnjährige Nick, wie ihn alle nennen, fühlt sich anfänglich ganz wohl, doch unterschwellig leidet er weiterhin unter einem nicht endenden Seelenschmerz.

„Das Leben erdrückt mich. Ich möchte bei Dir und meinem kleinen Bruder leben. Ich kann es nicht in Worte fassen, was mit mir ist“, gesteht er seinem Vater. Obwohl Beth nicht gerade begeistert ist, beschliessen sie beide, Nick so gut wie möglich zur Seite zu stehen.

Schon in seinem Spielfilmdebüt „The Father“ hat Florian Zeller bemerkenswert beschrieben, was es mit einem macht, wenn man die Kontrolle über sein Leben verliert. In „The Father“ ging es ihm um die Erkrankung fortschreitender Demenz, in „The Son“ um die Auswirkungen einer Depression.

Kate, die den Schmerz ihrer Scheidung noch nicht überwunden hat, leidet nun unter der Trennung ihres Sohnes. Beth ist entsetzt als Nick ihr vorwirft, Schuld an der Trennung seiner Eltern zu sein. Als sie ein Messer im Bett des verstörten Jungen findet, bekommt sie Angst, das Baby mit Nick allein zu lassen. Peter, der sich bemüht, seinen Sohn zu verstehen , scheitert an seiner rationalen Denkweise, die er von seinem Vater eingebläut bekam. Er beginnt die lieblose Beziehung zu seinem eigenen Vater (Anthony Hopkins) zu reflektieren und seine Schuldgefühle in den Griff zu bekommen. Ausserdem droht seine neue Familie unter diesem Druck zu zerbrechen. Zeller interessiert weniger die Krankheit des Jungen, sondern er nimmt die Perspektive der Erwachsenen ein, die viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind, um ihren verzweifelten Sohn mit elterlicher Verantwortung verstehen zu können. Es ist ein Psychiater, der endlich diesen verborgenen Narzissmus entlarft, mit dem Satz: „Liebe allein genügt nicht.“

Jackman brilliert in der Rolle eines Mannes, der alles richtig machen will und nie so werden wollte wie sein hartherziger Vater, es aber nicht kann. Drohen Söhne wirklich so, wie ihre Väter zu werden?

Rückblenden zeigen die Millers, Kate Nick und Peter, in glücklicher Ferienlaune. Man fragt sich, war es wirklich so oder ist es womöglich eine nachträgliche Korrektur, um sein Gewissen zu beruhigen?

Zeller erzählt dieses Drama auf unsentimentale Weise und entlässt den Zuschauer mit einem tiefgehenden Schmerz.

Großbritannien/Frankreich 2022; 122 Min.; R: Florian Zeller; D: Hugh Jackman, Zen McGrath, Vanessa Kirby, Laura Dern, Anthony Hopkins

CAVEMAN (Der Kampf der Geschlechter) Kinostart: 26.1.2023

Eigentlich sollte es ein ganz großer Tag für den erfolglosen Autoverkäufer Bobby Müller (Moritz Bleibtreu) werden.

Schon als Kind wollte er Comedian werden. Endlich hat er beim öffentlichen Abend des lokalen Comedy-Clubs die Chance erhalten, aufzutreten. Ein Treffen mit seinem imaginären Freund aus der Steinzeit, dem Höhlenmenschen, hat ihn auf die Idee gebracht, sein Programm den Unterschieden zwischen Mann und Frau zu widmen. „Ich Jäger, du Sammlerin“.

Dann jedoch muß er sein Konzept ändern. 15 Minuten vor Beginn der Vorstellung hat ihn seine Frau Claudia (Laura Tonke) wegen eines Streits verlassen. Er schleppt sich nur noch auf die Bühne und lamentiert über die Unvereinbarkeit zwischen Frauen und Männern, wobei er am Ende das Publikum entscheiden lässt, ob er in seiner Beziehung ein Idiot ist oder nicht.

Laura Lackmann hat aus dem One-Man-Erfolgsstück „Defending the Caveman“ von Rob Becker einen Ensemble- Film gemacht, ein Stoff, der schon ganz viele Jahre auf dem Buckel hat. Seit 1991 haben etwa 14 Millionen Menschen in zig Ländern die klischeebeladene Geschlechterkomödie gesehen. Bobbys Stand-up Auftritt bildet den erzählerischen Rahmen für die unterschiedlichen Auftritte der Schauspieler:innen um Bleibtreu und Tonke herum, wie Wotan Wilke Möhring, der Bobbys besten Freund spielt, der eine Cunnilingus- App erfunden hat, Thomas Herrmanns, der sich selbst spielen darf, Jürgen Vogel, Martina Hill und Guido Maria Kretschmer, der sich auch selbst spielen darf.

Schade eigentlich, dass so viele wohlbekannte Platttüden übernommen wurden, wie: „Wenn man unfähig ist zu shoppen, ist man kein richtiger Mann“, oder „Man guckt nicht in die Handtasche einer Frau“, „Männer reden weniger als Frauen“, „Frauen haben immer verständnisvolle Freundinnen und sammeln Schuhe“u.s.w. Behauptungen, die viele von uns bestätigen können (oder auch nicht) und die in schon so manchen Komödien verarbeitet wurden. Interessanter wäre es gewesen die Filmadaption einer neuen Generation anzupassen, in dem man vielschichtigeres und klügeres Material findet, welches die junge Generation mit ihren Macken zeigt.

Zumindestens ist es mutig von Laura Lackmann („Mängelexemplar“)mit Bobby einen Comedian zu zeigen, der nicht lustig ist. Naja, über Humor lässt sich ja nun mal streiten. Ich bin überzeugt, bei dieser Ausgabe von „Caveman“ werden sich viele Zuschauer köstlich amüsieren oder auch nachdenklich gestimmt werden. Und das ist auch gut so.

Deutschland 2021; 105 Min.; R: Laura Lackmann; D: Moritz Bleibtreu, Laura Tonke, Wotan wilke Möhring, Martina Hill, Leni Riedel, Jürgen Vogel

TILL – KAMPF UM DIE WAHRHEIT (Die schwarze Bürgerrechtlerin Mamie Till-Mobley sucht nach Gerechtigkeit für ihren ermordeten Sohn. Eine wahre Geschichte) Kinostart: 26.1.2023

Mitte der 50er Jahre in Chicago. Hier leben Emmet Till und seine Mutter Mamie Till- Mobley. Beide haben ein inniges Verhältnis zueinander. Mamie macht sich große Sorgen. Ihr 14-jähriger Sohn will nach Mississippi reisen, um seine dort lebenden Cousins zu besuchen. Ihre Sorge ist nicht unbegründet, denn dort ist der Rassenhass weitaus spürbarer als in Chicago, wenn nicht gar lebensbedrohlich. Sie gibt dem unbefangenen und naiven Jungen ganz viele Verhaltensregeln mit auf den Weg. Während seine Großmutter (Whoopi Golberg) ihn bei seinem Vorhaben unterstützt, kann sich seine Mutter (DanielleDeadwyler) nur schweren Herzens von ihrem Sohn (Jalyn Hall), genannt Bo,trennen. Dort angekommen, hilft Bo seinen Cousins auf ihrem Baumwollfeld. Auch sie ermahnen ihn, sich so unauffällig wie möglich zu verhalten. Wie soll er auch begreifen, dass hier ein Neger wegen einer Kleinigkeit getötet werden kann.

Und dann passiert es. Der Lynchmord an dem Jungen wird im Film nicht gezeigt. Es ist dunkel, eine Weitwinkelaufnahme zeigt den Tatort, auf der Tonspur hört man Bos` markerschütternde Schreie.

Seine Mutter, die bei der Air Force arbeitet, besteht darauf, dass der Leichnam nach Chicago überführt wird, dass sie ihn fotografieren kann so, wie er vor ihr liegt, ungeschönt, um den geschändeten Leichnam der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Die afroamerikanische Regisseurin Chinonye Chukwu („Clemency) hat sich bei dieser wahren Geschichte ganz auf die Gefühle der Mutter und ihren Aufstieg zur Aktivistin konzentriert.

Schon am Beginn des Dramas sieht man sie mit ihrem Sohn in einem Luxuskaufhaus, wie ihr Einkauf von arroganten und misstrauischen Blicken der weissen Verkäuferin begleitet wird. Sie hat ihren Sohn in dem Bewusstsein erzogen, dass ihm niemand seinen Platz in der Gesellschaft streitig machen kann. Mit dieser Unbefangenheit betritt er einen Laden in einer Kleinstadt in Mississippi, wo er seine Familienangehörigen besucht und sein naives Verhalten diesen kaum vorstellbaren Mord zur Folge hat. Die Zeugenaussage der Verkäuferin ist erstunken und erlogen. Es ist ganz großartig mitanzusehen, wie Mamie Till-Mobleys Kräfte anwachsen, je mehr Ungeheuerlichkeiten sie erfährt. Es ist das Einzige, was sie hat, um den Tod ihres „Babys“ zu verkraften und ein Zeichen zu setzen. Sie wird zur Ikone der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Bos Großmutter macht sich schwere Vorwürfe, ihrem Enkel zu seiner Reise noch zugeredet zu haben. Das ist jetzt 67 Jahre her und wie wir alle wissen, in anbetracht von Polizeigewalt, noch längst nicht vorüber.

USA 2022; 130 Min.; R: Chinonye Chukwu; D: Danielle Deadwyler, Jalyn Hall, Frankie Faison, Hley Bennett, Whoopi Golberg, Sean Patrick Thomas.

CLOSE ( Ein berührendes Drama über Freundschaft und Verlust ) Kinostart: 26.1. 2023

Rémi und Léo sind enge Freunde, die ganz viel Zeit miteinander verbringen. Sie tollen durch üppige Blumenfelder auf dem belgischen Land, die von Léos Eltern bewirtschaftet werden, verbringen die Nächte oft gemeinsam, mal bei dem einen, mal bei dem anderen, schmiegen sich gern aneinander und schmieden Pläne, was sie mal machen, wenn sie groß sind. Léo will in die Ferne reisen, Rémis verspricht mit ihm zu gehen. Zwei unbefangene Teenager-Jungen, sogenannte „Best Friends“, verbunden in einer innigen Freundschaft, die viel lachen und sich mit einer unbefangenen Selbstverständlichkeit in den Arm nehmen. Auch die Eltern der beiden erfreuen sich an ihrer Freundschaft. Rémis Mutter bezeichnet Léo sogar als ihren Herzenssohn. Léo steckt voller Phantasie, erfindet Geschichten und Spiele, Rémi ist etwas zurückhaltend, spielt mit Hingabe auf seiner Oboe, wenn er übt, darf ihm nur Léo zuhören.

Nicht ohne Grund, ist der Titel des Films CLOSE. (Nah). Nicht nur ihre Freundschaft drückt sich durch ihre Nähe zueinander aus, auch die Kamera ist ganz nah bei den beiden Jungen, die ein großartiges Schauspieler-Debüt liefern. Gustav de Waele und Eden Dambrine.

Als die beiden Dreizehnjährigen von der Grundschule aufs Gymnasium wechseln, stellt am ersten Tag ein Mädchen fest, dass sie enger wirken als nur gute Freunde. Anscheinend gibt es in der Schule keinen Platz für eine derartig innere Vebundenheit zwischen zwei Jungen. Léo streitet es sofort ab und geht auf Distanz zu Rémi. Er will nicht mehr mit ihm zur Schule radeln, sich nicht mehr treffen und meldet sich in einer Eishockeymannschaft an. Er übt sich jetzt in Männlichkeit. Rémi versteht nicht, warum sein Freund plötzlich so anders ist, er versucht um die Freundschaft zu kämpfen, denn er leidet unter Léos schlagartiger Ablehnung. Es kommt zu einer unvorhergesehenen Katastrophe, die alles verändert. Rémis Gefühlswelt ist völlig durcheinander. Léos Versuch, sich aufeinmal neu zu orientieren, hinterlässt tiefe Wunden.

Mit einer unglaublichen Präsenz verkörpert der junge Eden Dambrine die Figur des Léo, ohne viel Worte, sondern mit einer stillen Wahrhaftigkeit, die nicht nur herzzereissend ist, sondern auch total glaubhaft.

In Cannes gab es für dieses berührende Drama den großen Preis der Jury. Nun geht der Film für Belgien ins Oscarrennen.

CLOSE ist der zweite Film des Belgiers Lukas Dhont. Schon mit GIRL (2018) hat er bewiesen, mit welcher Feinfühligkeit er sich besonderen Figuren annähert, wie dem 15-jährigen Transmädchens, dass unbedingt Ballerina werden will und nicht warten kann, bis sie alt genug für eine geschlechtsumwandelnde Operation ist. Auch bei diesem Schicksal blieb er ganz nah an seiner Protagonistin.

Belgien, Niederlande, Frankreich 2022; 105 Min.; R: Lukas Dhont; D: Eden Dambrine, Gustav de Waele, Émilie Dequenne, Léa Drucker

MIDWIVES (Dokumentarfilm) Kinostart: 26.1.2023

Myanmar, das frühere Burma, ist ein südostasiatischer Staat mit Grenzen zu Indien, Bangladesch, China, Laos und Thailand, in dem mehr als 100 ethnische Volksgruppen leben. Am meisten vertreten sind die Buddhisten. Eine muslimische Minderheit sind die Rohingya, eine der meist verfolgten Minderheiten auf dieser Welt.

Zwei Hebammen versorgen die in Myanmar verfolgten Rohyngia in der Rakhaing Provinz. Die junge Muslima Nyo Nyo, die noch in der Ausbildung ist und ihre buddhistische Lehrerin HLA, die trotz ihrer unterschiedlichen religiösen Zugehörigkeit zusammenarbeiten, ermöglichen den verfolgten Rohingya, die auch nicht reisen dürfen, eine medizinische Versorgung. HLA hat die kleine Klinik zusammen mit ihrem Mann gegründet. Die Belastung im täglichen Klinikalltag ist groß. HLA ist froh, dass Nyo Nyo da ist, nicht nur weil sie ihren Beruf ernst nimmt, sondern auch weil sie die Sprache der Rohingya versteht und vermitteln kann, denn es ist die einzige Klinik im Ort, zu der sie Zugang haben.

Obwohl Nyo Nyos Familie schon seit Generationen in der Region lebt, werden sie noch immer als Eindringlinge betrachtet.

Es gab eine Zeit, da waren Buddhisten mit Muslimen befreundet. Später wurden dem Militär ethinsche Säuberungsaktionen gegen die Muslime vorgeworfen. Unter dem Vorwand nach muslimischen Terroristen zu suchen, steckten die Nichtmuslime deren Häuser an. Es gab keine Hebammen, die Kinder wurden ohne geboren.

Seit den Unruhen ist es schwierig füt Nyo Nyo. Sie möchte und soll in die Stadt, um eine Schwesternausbildung zu machen, denn ihr Traum ist es, eines Tages eine eigene Klinik zu eröffnen.

„Wir wollen keine Unterstützer der muslimischen Terroristen und Mördern“.

Muslimische Kinder dürfen seit dem Konflikt keine staatlichen Schulen mehr besuchen.

Es gibt Phasen, da ist Nyo Nyo todunglücklich und möcht am liebsten in der Stadt das Leben einer modernen Frau führen. Auch, weil die Männer den Frauen kaum bei der Arbeit behilflich sind. Wegen der Unruhen, soll auch noch die Klinik für eine Zeit geschlossen werden. Der oberste General sollte beim Gerichtshof für Menschenrechte angeklagt werden. Die Muslime werden als „Kalar“ (Farbige) bezeichnet.

Obwohl die Bevölkerung mit den Nachwirkungen des Militärputsches und dem harten Vorgehen gegen Demonstranten zu kämpfen hat, stellen sich die beiden Frauen den widrigen Umständen mit aller Kraft entgegen, in dem die Geburt jedes gesunden Kindes, sie mit Glück erfüllt. Ihre kleine Klinik wird zu einem Ort der Hoffnung auf ein neues, friedliches Miteinander, während sich draußen das gesamte Land in einem Ausnahmezustand befindet.

Über fünf Jahre hat Regisseurin Snow Hnin Hlaing die Frauen bei ihren täglichen Herausforderungen, ihrer medizinischen Hilfe aber auch bei ihren Träumen und Hoffnungen, inmitten eines Umfeldes in dem Chaos und Gewalt stetig wachsen, beobachtet. Nyo Nyo hat eine Tochter geboren.Sie hofft, dass das Mädchen eine bessere Zukunft hat und vielleicht auch Hebamme wird.

Bis heute ist noch keine Besserung abzusehen. Es herrscht noch immer politische Instabilität und soziale Ungleichheit.

MIDWIVES (Hebammen) wurde auf dem Sundance Filmfestival mit dem World Cinema Documentary Award ausgezeichnet. Die evangelische Filmjury kürte den Film zum Film des Monats. Snow Hnin Ei Hlaing gibt in ihrem Debütlangfilm seltene und sehenswerte Einblicke in den ländlichen Alltag.

Buch und Regie: Snow Hnin Ei Hlaing L: 91 Min.

Kinotour mit Regisseurin Snow Hnin Ei Hlaing in Kooperation mit EZEF

Donnerstag, 19. Januar 2023

 HAMBURG, Metropolis, 19.00 Uhr 

(Premiere, in Kooperation mit dem Hebammenverband Hamburg)

Freitag, 20. Januar 2023

MÜNSTER, Cinema, 18.30 Uhr

Samstag, 21. Januar 2023

FRANKFURT, Orfeos Erben, 20.00 Uhr 

(Hessen-Premiere mit Sektempfang)

Sonntag, 22. Januar 2023

TÜBINGEN, Arsenal, 11.30 Uhr 

(Baden-Württemberg-Premiere)

Sonntag, 22. Januar 2023

ROTTENBURG, Kino im Waldhorn, 15.30 Uhr

Montag, 23. Januar 2023

FREIBURG, Kommunales Kino, 19.30 Uhr

Dienstag, 24. Januar 2023

NÜRNBERG, Filmhaus, 19.00 Uhr

Mittwoch, 25. Januar 2023

MÜNCHEN, Monopol, 18.30 Uhr

(In Kooperation mit Dok.fest München)

Freitag, 27. Januar 2023

BERLIN, Sputnik Kino, 17.00 Uhr 

Montag, 30. Januar 2023

BERLIN, Acud Kino, 19.00 Uhr

MARIA TRÄUMT – Oder: DIE KUNST DES NEUANFANGS Kinostart: 19 1. 2023

Nach mehr als 80 Filmen, zahllosen Preisen, darunter drei Césars, zählt die fast 57jährige Karin Viard aus Rouen zu Frankreichs größten Stars, mit einer vielseitigen emotionalen Bandbreite.

In „Maria träumt-oder: Die Kunst des Neuanfangs“ spielt sie eine biedere Haushälterin, verheiratet, die heimlich Gedichte schreibt und die wegen eines Todesfalls gerade ihren Job verloren hat. Nun sieht man wie Maria ihre Vorstellungsrede für einen neuen Job als Haushälterin probt. Sie findet eine Putzstelle an der renommierten Pariser Académie des Beaux Arts. Schon am nächsten Tag passiert ihr ein Malheur. Wenn sie putzt, dann gründlich. Beherzt wischt sie zerlaufene Butter von einem Sockel, die sich im Nachhinein als das Werk eines brasilianischen Künstlers entpuppt.

„Oh, die „Butterschmelze“ ist weg“, tönt es kurz durch`s Haus.

Hausmeister Hubert (Grégory Gadebois), gute Seele des Hauses und heimlicher Hobbytänzer, der sich Online – Tutoriels anschaut und den perfekten Hüftschwung übt, am liebsten nach dem Elvis Song: „It was a night oo oo what a night. It was it really was such a night…..rettet Maria. Später erzählt Maria ihrem Mann (Philippe Uchan), dass viele Kunstwerke aus Lebensmitteln bestehen. Doch der interessiert sich nicht für Kunst. Alles ist neu für Maria. Neugierig läuft sie durch die Räume, bestaunt die Avantgarde-Kunst und ist offen und hilfsbereit. Es dauert nicht lange und Maria freundet sich mit dem kauzigen Hausmeister an.

Die bisexuelle Studentin Naomie (Noée Abita) plant eine Vulva- Ausstellung. Maria, die sich in ihrer offenen Art auch mit ihr angefreundet hat, erklärt dem Hausmeister, was es mit der Ausstellung auf sich hat und hilft ihm beim Befestigen der Schnüre. Zwischendurch passiert ihr mal wieder ein Mißgeschick, kurzerhand wird sie zum Teil einer Präsentation. Die künstlerische Atmosphäre in diesem Haus überträgt sich mehr und mehr auf Maria und ihre verborgenen Talente kommen immer öfter zum Vorschein, bis sie sogar den Mut fasst und als Aktmodell agiert. Die Unsicherheit vor ihrer Nacktheit schwindet immer mehr. Sie übt verschiedene Posen und wird dabei von dem Hausmeister, ohne, dass sie es ahnt, beobachtet. Dass zwischen den beiden eine starke Sympathie entstanden ist, ist unübersehbar. Dass sie seit 22 Jahren verheiratet ist, hat sie ihm gebeichtet. Es ist total erfrischend mitanzusehen, wie Karin Viard in der Rolle der Maria spielerisch immer mehr zu sich selbst findet und ihr altes Leben, nach durchaus nachdenklichen Momenten verlässt und sogar eine neue Liebe findet. Die Bildidee, wenn sich Maria und Hubert umarmen und dabei von einer digitalen Kamera aufgenommen und im selben Moment auf eine elektronische Leinwand verfremdet anzusehen sind und zu einer Einheit verschmelzen, lässt das Ende erahnen.

Das Regieduo Lauriane Escaffre und Yvonnick Muller haben auf beschwingt -romantische Weise mal wieder bewiesen, dass die sprichwörtlich französische Leichtigkeit, keine hohle Phrase ist. Beide tauchen in komödiantischen Nebenrollen auf.

Frankreich; 93 Min.

FCK 2020 – ZWEIEINHALB JAHRE MIT SCOOTER (Dokumentarfilm) Kinostart: 12.1. 2023

FCK2020-ZWEIEINHALB JAHRE MIT SCOOTER

Zweieinhalb Jahre hat Regisseurin Cordula Kablitz – Post die Technoband Scooter begleitet.

Eigentlich sollte es eine Tourbegleitung sein, doch Corona machte einen Strich durch dieses Vorhaben.

Ihr Film beginnt mit einem Konzert ohne sichtbares Publikum, denn man konnte die Show nur streamen. Statt dessen erlebt man H.P. Baxxter wie er selbstironisch Einblicke in sein Privatleben gibt, so etwa nach dem Motto: „Was ich schon immer über ihn wissen wollte“. Wie viele andere auch, gehörte ich nie zu zu den Fans dieser erfolgreichen Liveband. Wenn ich schon dieses „HyperHyper!“ hörte war ich bedient und Frontmann Baxxter gehörte nie zu meinen Idolen. Er wurde wohl öfter angefeindet, wie er in dieser Doku zugibt und darunter auch gelitten hat. Obwohl etwa 30 Millionen Tonträger der Technoband verkauft wurden, leben sie von ständigen Touren. Nun müssen sie sich in den Coronazeiten irgendwie zurechtfinden. Sie streamen Konzerte, Corona und Autokino lehnt Baxxter ab. Dann machen sie es In Ingolstadt doch, mit Tänzern und Pyrotechnik unter ohrenbetäubendem Lärm und wackelnden Autos. Sie sind ganz begeistert von der Atmosphäre.

Cordula Kablitz -Post hatte schon die Toten Hosen mit der Kamera begleitet. Baxxter war von ihrer Arbeit überzeugt und willigte ein, obwohl er eigentlich keine Homestorys erlaubt.

Und das war auch gut so. H.P. zeigt sich als offener Gesprächspartner, ohne Scheu lässt er Einblicke in sein Privatleben zu. Er zeigt sich beim Schminken, erzählt, dass er jede Woche zum Friseur muß, sonst fühle er sich ganz schlecht, erzählt, dass im Backstagebereich seine Gesetze gelten und dass er nach ihren Auftritten, den „Barzwang“mit Wokabesäufnis ausrief. Sein Zuhause ist ein luxuriöses Haus mit einem riesigen Garten. Im Haus, mit seinen Ölgemälden an den Wänden, alten Teppichen und grün gestrichenen Wänden, ist alles piccobello aufgeräumt, um seine innere Unordnung zu kompensieren. Selbst beim Feiern braucht er bestimmte Rituale, damit er im chaotischen Musikerleben, nicht aus der Bahn gerät. Auch über eine gescheiterte Beziehung redet er offen. Wie ihre merkwürdigen Lyrics „How much is the fish“ oder „The question is: What is the question ?“ oder „Hyper, Hyper“ entstehen, zeigt, mit welchem Vergnüge er und die Musiker sich diese merkwürdigen Zeilen ausdenken, fern von jeder Arroganz, die man ihm fälschlicherweise gerne unterstellte.

Hans Peter Geerdes ist sein richtiger Name. Er stammt aus dem ostfriesischen Leer, berichtet von seinen Anfängen, zeigt sich mit Mutti am Kaffeetisch und übt auch an Mitstreitern Kritik.

Einige Shows fanden in der Zeit nur im Ausland statt. In Tallinn (Estland) war ein Open-Air- Konzert geplant. Es gießt wie aus Eimern. Das Konzert findet trotzdem statt. Keiner trug eine Maske. Auch in Manchester gaben sie ein Konzert in einem Zelt. Es war brechend voll.

Im Januar 2022, endlich wieder ein Auftritt in Deutschland, Bremen. Sogar Baxxters Familie ist dabei. Ein Auftritt, auf den sie zweieinhalb Jahre gewartet haben. 90.000 Menschen bei „Rock im Park“. Die Menschenmenge tobt.

FCK 2020 – der Titel des Scooter Songs ist auch Programm für den Film. Als die Pandemie 2020 ausbrach, dachte Baxxter, der Dreh ergebe nun keinen Sinn mehr..Das Gegenteil ist der Fall. Der Film zeigt, wie kreativ man sein muß, um diese Zeit zu überstehen, ohne in Depressionen zu verfallen. Ausserdem hat man einen Baxxter kennengelernt, den man so, wahrscheinlich sonst nicht kennengelernt hätte. Ein ganz nomaler Typ, humorvoll, eitel, kleine Macken, wie wir alle und ohne Arroganz. Hätte er auf Mutti gehört, wäre er heute Finanzbeamter. Dieses Kennenlernen hat mir Spass gemacht, obwohl der Hintergrund eigentlich traurig ist. Ich finde ihn jetzt sehr sympathisch. Der Film beinhaltet auch ein unterhaltsames Stück Musikgeschichte. Baxxter würde wohl zu den zweienhalb Jahren „FCK. It. sagen. Im Nachhinein.

Deutschland 2022; 113 Min.; R: Cordula Kablitz-Post; D: H.P. Baxxter, Michael Simon, Sebastian Schilde

HOLY SPIDER (Eine iranische Journalistin jagd einen Prostituiertenmörder) Ein Thriller, der angesichts der Proteste tiefe Einblicke in den Iran gibt. Kinostart: 12.1.2023

Iran 200/2001: Es kommt höchst selten vor, dass die Wirklichkeit ähnlich finster ist wie ein Spielfilm.

„Holy Spider“ sorgte schon bei seiner Weltpremiere in Cannes für Furore. Der Film erzählt die grausame Geschichte eines 16-fachen Frauenmörders, den die Polizei gewähren ließ und dessen dramatische Entstehung gleichwohl zeigt, wie stark die Freiheit im Iran unterdrückt wird. Seine Themen sind nicht nur beklemmend aktuell sondern auch äußerst schmerzhaft.

Ort der Handlung ist die heilige Stadt Maschhad im Iran, in der die 22-jährige Mahsa Amini von der Sittenpolizei ermordet wurde, weil sie ihr Kopftuch nicht vorschriftsmässig trug.

Zu Beginn des Films sieht man eine Prostituierte, die es sich im letzten Moment anders überlegt, umgebracht und wie Müll entsorgt wird. Angelehnt an wahre Ereignisse, handelt es sich bei dem Mörder um Saeed Hanei (Mehdi Bajestani), ein Kriegsveteran und tiefreligiöser Familienvater, der nach jedem Mord bei einem Journalisten anruft, um seine Taten zu erklären und auf keinen Fall Mörder genannt werden will, sondern „Sittenwächter“. Man spricht von ihm als den „Spinnenmörder“, der, wenn seine Familie ausser Haus war, nachts auf seinem Motorad herumfuhr, seine Opfer in die leere Wohnung lockte, quasi wie eine Spinne ins Netz und die Frauen mit ihren eigenen Kopftüchern strangulierte, immer fest in dem Glauben als Vertreter Gottes, die heilige Stadt von Abschaum zu befreien. Die engagierte Journalistin Rahimi (Zar Amir Ebrahimi) reist aus Teheran an, weil sie sich wundert, dass nach einigen Morden, die Polizei immer noch keine Spuren hat. Nun will sie eigenen Nachforschungen nachgehen, was den Behörden absolut nicht gefällt. Und weil sie eine Frau ist, legt man ihr so einige Steine in den Weg. Sie beschließt, sich des nachts als Lockvogel auf die Lauer zu legen.

Der iranische Regisseur Ali Abbasi, der in Dänemark lebt aber weiterhin seine iranische Staatsbürgerschaft besitzt, nimmt sich die Zeit, um die Lebenssituation der Frauen vor ihrer Ermordung zu schildern, die meistens in großer Armut leben. Dazu kommt, dass nicht nur Sexarbeiterinnen des nachts der Gewalt ausgeliefert sind, sondern alle Frauen.

Natürlich hat Abbasi nicht wirklich im Iran gedreht.Das Team wollte in der Türkei drehen. Als sie bereits bei den Proben waren, wurde ihnen die Drehgenehmigung entzogen und das Team wich nach Jordanien aus.

Die 48-jährige Schauspielerin Zar Amir Ebrahhimi, die 2008 aus dem Iran nach Paris floh, übernahm die Rolle der fiktiven Jouralistin, weil die iranische Schauspielerin, die sie für die Rolle gefunden hatten, eine Woche vor Drehbeginn in den Iran zurück fuhr. Amir wollte sich nur um das Casting kümmern. Auf die Frage wie sich das Leben als Frau im Iran anfühlt, antwortet sie: „So, wie im Film. Rahimi kann nicht allein in einem Hotel einchecken. Eine Frau kann Mutter sein aber im Beruf gibt es Schwierigkeiten, weil es eine patriarchalische Gesellschaft, eine totalitäre Regierung ist, der es um Tradition und Religion geht. Rahimi spürt Widerstände bei jedem Schritt.

Frauen haben zehnmal so viel Probleme im Iran wie Männer. Wir haben keine Stimme, nicht unseren Körper, wir haben keine Kontrolle über unser Leben“.

Als Lockvogel hat Rahimi gute Arbeit geleistet. Jetzt wird es unerträglich. Nach Saeeds Festnahme, der Kriegsveteran mit PTBS, wurde er von seinen Anhängern als Held gefeiert. Seine Frau und sein kleiner Sohn sind stolz auf seine Taten.“Ich habe das alles für Gott getan“, sagt er vor Gericht. Im Gefängnis erzählt er dem Sohn wie er die Frauen umgebracht hat. Sein Sohn wurde von seinen Anhängern aufgefordert, in die Fußstapfen des Vaters zu treten.

Inspiriert zu diesem Film wurde Abbasi nachdem er eine Dokumentation über Saeed Hanaei gesehen hat. Dass Abbasi seinen Film wie einen düsteren Thriller mit drastischen Bildern gedreht hat, ist offensichtlich gewollt. So bekommt er hoffentlich eine größtmögliche Öffentlichkeit. Ali Abbasi: „Wenn du in einem Land lebst, in der sie einer Sechzehnjährigen ins Gesicht schießen, ihre Leiche zehn Tage später der Familie zeigen, dann die Leiche stehlen, heimlich beerdigen und auf die Verwandten schießen, die zum Trauern gekommen sind, um schließlich die Mutter zu foltern, damit sie im Fernsehen auftritt, dann hast du alle verdammten Grenzen, alle moralischen Linien überschritten.“

Zar Amir Ebrahimi wurde in Cannes für ihre Rolle als Journalistin als beste Schauspielerin ausgezeichnet.

DK/D/S/F 2022; 117 Min.; R: Ali Abbasi; D: Zar Amir Ebrahimi, Mehdi Bajestani, Arash Ashtiani, Forouzan Jamshidnejad, Sara Fazilat

PASSAGIERE DER NACHT (Eine Sternstunde des französischen Films) Kinostart: 5.1. 2023

„Passagiere der Nacht“, lief im letzten Jahr im Wettbewerb auf der Belinale, ging aber zum großen Erstaunen der Kritiker leer aus.

Paris 1981. Der Sozialist Francois Mitterand gewinnt die Präsidentschaftswahl. Auf den Straßen feiern seine Anhänger mit Champagner, hupenden Autokorsos und verteilen rote Nelken. Es herrscht eine hoffnungsvolle Aufbruchstimmung. Mit diesen Dokumentaraufnahmen beginnt Mikhael Hers` („Mein Leben mit Amanda“) Film „Passagiere der Nacht“. Im Gegensatz zu der freudigen Stimmung, erleben wir Elisabeth (Charlotte Gainsbourg), deren Ehe am Ende ist. Ihr Mann hat sie nach einer Krebsoperation verlassen. Nun muß sie für ihre beiden Teenagerkinder, Judith (Megan Northam) und Mathias (Quito Rayon-Richter) und sich alleine sorgen und ihr Leben neu ordnen und einen Job finden. Ihr Vater spricht ihr Mut zu und bietet ihr auch Unterstützung an. Auch sie ist eine Hörerin des beliebten Radio-Nighttalks „Passagiere der Nacht“, bei dem man in schlaflosen Nächten seine Sorgen erzählen kann und Zuspruch findet. Gerne würde sie dort arbeiten. Und es hat geklappt. Sie findet eine Anstellung in der Telefonzentrale der nächtlichen Radiosendung. Auch wenn die Bezahlung nicht gerade optimal ist, ist sie froh, dort mitarbeiten zu können.

Elisabeth trifft auf die heimatloseTalulah (Noée Abita), die Gast im Studio ist und der Chefin Vanda (Emmanuelle Béart) ihre traurige Geschichte erzählt, die über den Äther läuft. Elisabeth nimmt das wohnungslose Mädchen erst einmal, für einige Tage mit nach Hause. Talulah hat das Gefühl nirgends hinzugehören. Elisabeth, die noch zusätzlich in einer Bibliothek angelernt wird, freut sich dass ihr Sohn, der ein Träumer ist, sich um Talulah kümmert. Tochter Judith hat bereits eine eigene Wohnung. Ausgerechnet Talulah, die ein absoluter Freigeist ist und kommt und geht wie sie will, hilft Elisabeth und Mathias mit ihrer Art, ihr Leben neu zu erfinden. Es bildet sich so etwas wie eine neue Familie, in der jeder langsam zu sich selbst findet und zu der jetzt auch Talulah gehört. Auch wenn sie ab und zu mal verschwindet und plötzlich wieder auftaucht.

Zeitlich gesehen begleitet Hers seine Protagonisten drei Jahre lang bei ihrer Suche nach Selbstfindung und Emanzipation und den richtigen Antworten auf die Fragen des Lebens.Dabei verknotet er Archivbilder der Achtziger mit der Spielfilmgegenwart. Auch die Ausstattung ist total den Achtzigern nachempfunden. Sehr einfühlsam, in Bildern voller Melancholie, begleitet er die beiden unterschiedlichen, einsamen Frauen auf ihrer Suche, den für sie geeigneten Platz im Leben zu finden. Er verfolgt die Geschichten der Anrufer*innen aus dem Nighttalk Format und parallel dazu, Elisabeths Weg zurück zu sich selbst. Gegen Ende fällt der Satz: „Es wird bleiben, was wir für andere waren“. (….und überhaupt: „Reden hilft“)

Ot: Le passagers des la nuit; Frankreich2022; 111 Min.; R: Mikhael Hers; D: Charlotte Gainsbourgh, Noée Abita, Quito Rayon Richter, Megan Northam