ICH WAR NOCH NIEMALS IN NEW YORK Start: 17.10. 2019

„Ich war noch niemals in New York“ ist einer von vielen Hits von Schlagerstar Udo Jürgens. Er hätte bestimmt viel Freude an der quietschbunten, turbulentenVerfilmung des gleichnamigen Musicals, unter der Regie von Philipp Stölzl („Der Medicus“) gehabt.

Es beginnt mit dem Sturz der einsamen Maria (Katharina Thalbach), der Mutter von der erfolgsverwöhnten, zickigen TV-Moderatorin Lisa Wartberg (Heike Makatsch), deren Laune nicht die beste ist, da ihre Sendung sich in einem Quotentief befindet. Als Maria im Krankenhaus erwacht, kann sie sich an nichts erinnern, ausser, das sie noch niemals in New York war. Heimlich büxt sie aus und schmuggelt sich als blinde Passagierin an Bord eines luxuriösen Kreuzfahrtschiffes, mit dem Ziel New York. Gemeinsam mit ihrem Maskenbildner Fred (Michael Ostrowski) hetzt Lisa ihrer verwirrten Mutter hinterher, um sie zurüchzuholen. Zu spät, das Schiff ist kurz vor`m auslaufen. Der Kapitän drückt ein Auge zu und lässt die drei „blinden Passgiere“ an Bord. Tagsüber müssen sie arbeiten und übernachten müssen sie in den schäbigen Kabinen der Bediensteten unter Deck. Dort geht es nach Feierabend lustig zu. Gerne wird getanzt zu „Griechischer Wein“ und so manches Glas zu viel getrunken. Je länger sie an Bord sind, um so mehr vergessen sie die Zwänge und Sorgen ihres Alltags. Während der Überfahrt machen sie alte und neue Bekanntschaften, die ihr Leben verändern werden.

Lisa lernt Axel Staudach ((Moritz Bleibtreu) und seinen Sohn Florian (Marlon Schramm) kennen. Dieser Axel ist überhaupt nicht ihr Typ, da sie auf Männer mit Glamour steht. Fred verliebt sich in den schwulen griechischen Bordzauberer Costa (Pasquale Aleardi) und Maria verknallt sich in den schrillen, gealterten Gigolo und Eintänzer Otto (Uwe Ochsenknecht), den sie schon aus ihrer Jugend kennt, sich aber wegen ihrer Amnesie, nicht erinnern kann.

Und da es ja ein Musical ist, darf hier jeder mit sichtlichem Spass, in nostalgisch bunten Schiffskulissen und rot-orangefarbenen Sonnenuntergängen, singen und tanzen. Natürlich nach den Ohrwürmern von Udo Jürgens. Geschickt hat Stölzl die Liedtexte passend zu den einzelnen, zwischenmenschlichen Szenen ausgesucht und ab und zu den Text verändert. Das alle keine Gesangsstars sind, stört nicht, da Stölzl sie mit Augenzwinkern inszeniert hat. Hinter dem schrill bunten Spektakel verbirgt sich auch eine Ernsthaftigkeit, die durch Jürgens Liedtexte und den Geschichten seiner Protagonisten, bedingt ist.

Erfreulich ist, dass das schwule Paar nicht, wie leider sehr oft, überzogen tuntig, in Szene gesetzt wurde. Das Katharina Thalbach, geradeso am chargieren vorbeischrammt, ist auch erfreulich.

Ein überdrehtes Melodram, das für Entspannung sorgt. Darauf ein Glas griechischer Wein. Zum Wohl.

Werbeanzeigen

NEVRLAND Start: 10.10.2019

În NEVRLAND verarbeitet der Wiener Regisseur Gregor Schmidinger seine Angststsörungen unter denen er 10 Jahre lang litt.

Der 17-jährige Jakob (Simon Frühwirth) dessen Mutter die Familie schon früh verlassen hat, lebt mit seinem überforderten Vater (Josef Hader) und dem pflegebedürftigen Großvater (Wolfgang Hübsch), der an schwerer Demenz erkrankt ist, zusammen. Viel gespochen wird in dieser Gemeinschaft nicht. Stattdessen läuft der Fernseher. Jakob, der an einer massiven Angststörung leidet, arbeitet im Schlachthaus seines Vaters, ein Ort, der nur schwer zu ertragen ist. Für Jakob die reinste Hölle. Das Blut und die Angstschreie der Tiere lösen bei ihm furchtbare Panikattacken aus. Er sucht die Hilfe eines Therapeuten. Auf einem Stuhl sitzend, soll er die Position seiner Angst im Raum beschreiben. Sie sei direkt hinter ihm, sagt er.

Die Angst ist nicht nur in seinem Kopf, sie breitet sich im ganzen Körper aus und führt oftmals zu Blackouts. Berührungen erträgt er nicht, Freunde hat er auch nicht. Zuhause flüchtet er in eine virtuelle Welt. In dieser Parallelwelt, klickt er Gay-Porn-Seiten anund chattet stundenlang mit Männern. Dort trifft er auf den amerikanischen Kunststudenten Kristjan (Paul Forman), der es schafft, Jakob zu einem realen Treffen zu bewegen. Kristjan nimmt ihn mit in eine Welt voller Drogen,Techno- Beats, flackerndem Stroboskoplicht und Sex, wo die Grenze zwischen Realität und Fantasie zusehends verschwindet. Ein Trip nach Nevrland, zu den eigenen Ängsten, der Auseinandersetzung mit den Wunden der Vergangenheit und zu sich selbst.

Schmidinger:„Angststörungen sind die am häufigsten diagnostizierte psychische Erkrankung in der westlichen Welt. Bedingt durch meine eigene Krankheit, war NEVRLAND eine Möglichkeit, mich auf künstlerische Art mit dem Thema Angst zu beschäftigen und zugleich mit dem Thema der Selbstwerdung. Schon der Psychoanalytiker Wilhelm Reich beschrieb Angst und Sexualität als zwei Seiten einer Medaille und die Triebfedern des Lebens. Er verstand die Angst als den das Leben schützenden und die Sexualität als den dem Leben zugewandten Impuls. Mir war es wichtig, Sexualität zeitgenössisch darzustellen, also auch den Einfluss von Pornografie und der digitalen Medien zu zeigen, unter dem sie heute steht. Ich wollte einen Film aus der POST-GAY-PERSPEKTIVE machen, d.h. die Homosexualität der Hauptfigur nicht ins Zentrum des Films zu rücken oder gar zu problematisieren bzw. das Coming-out zum grossen Thema zu machen.“

NEVRLAND ist eine visuell packende, filmische Erfahrung, die körperlich und emotional durchlebt wird. Die intensive Bildsprache und surrealen Visionen werden gepusht von den Techno-Beats des Meat Market Labels, dem Urgestein der schwulen Technoszene.

Simon Frühwirth stand zum ersten Mal vor der Kamera und das macht er grossartig. Belohnt wurde er mit dem Max-Ophüls-Preis 2019.

DEM HORIZONT SO NAH Start:10.10.2019 (DRAMA)

DEM HORIZONT SO NAH basiert auf dem gleichnamigen Bestseller von Jessica Koch, einem Drama zwischen Liebe und Tod, was sie selbst vor 20 Jahren erlebt hat, und mit dem Schreiben verarbeitet hat.

Es ist die Geschichte der jungen Jessica (Luna Wedler), die sich Hals über Kopf in das Männermodel Danny (Jannik Schümann) verliebt. Er sieht blendend aus und erinnert einen an den jungen James Dean. Noch ahnt das junge Madchen, dass in der Cateringfirma ihrer Eltern arbeitet nicht, das der durchtrainierte Typ, der sich mit Kickboxen fit hält, die Liebe ihres jungen Lebens wird. Sie staunt nicht schlecht als er sie in seinem chicen Cabrio abholt, um mit ihr in einem Luxusrestaurant essen zu gehen. Er erzählt ihr, dass er viel Geld als Unterwäsche-Model verdient. Jessica realisiert, dass sie und Danny in zwei total unterschiedlichen Welten leben. Aber welch junges Mädchen fühlt sich nicht geschmeichelt, von einem so gut aussehenden Jungen ausgeführt zu werden. „Mein Leben ist in Wirklichkeit eine einzige Katastrophe. Wenn du klug bist, dann rennst du ganz weit weg, solange du noch kannst“, rät er ihr. Worte, die sie wie einen Keulenschlag treffen. Doch es ist zu spät. Sie hat sich bereits in ihn verliebt.

Jetzt muss ich leider Spoilern.

Später erzählt Danny ihr seine Geschichte. Er wurde von seinem Vater mißbraucht und ist seit dem HIV- infiziert. Jessica ist im ersten Moment erschüttert. Sie wirft ihm vor, warum er ihr das nicht früher gesagt hat, um eine Ansteckung zu vermeiden. Doch sie hält zu ihm. Danny weiss bereits seit 10 Jahren, dass er infiziert ist, hat sich aber nie behandeln lassen, da er glücklicherweise Von HIV- bedingten Krankheitssymptomen verschont blieb, noch ist er total fit. Jessica ist klug genug und sucht eine Beratungsstelle auf, um sich zu informieren. Wirklich aufgeklärt über die Möglichkeiten einer HIV – Therapie wird sie nicht. 1999, das Jahr in dem der Film offensichtlich spielt, gab es schon seit drei Jahren die sogenannte hochaktive antiretrovirale Therapie (HAART), die allein in Deutschland tausende Menschen mit HIV davor bewahrte an AIDS zu erkranken und zu sterben.

Eigentlich ist es medizinisch äußerst unwahrscheinlich, so plötzlich an einer durch AIDS ausbrechenden Störung des zentralen Nervensystems zu erkranken. Längst hätte er eine HIV- Therapie beginnen können, um die Folgen seiner Erkrankung zu verhindern. Statt dessen wählt er den Freitod.

Es ist schon merkwürdig, warum Jessica Koch, den schon damals wissenschaftlichen Fortschritt für die Behandlung von HIV ausklammert. Womöglich um die Dramatik der Liebesgeschichte besonders tragisch zu gestalten. Vielleicht hat sie auch nur nicht ausführlich genug recherchiert. Und wenn es dann so ist, wie es ist, warum wird mit keinem Wort erwähnt, warum Danny sich nicht behandeln ließ.

Im Vergleich zu dem verfilmten Roman „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“, der eine ähnliche Thematik beinhaltet, fehlt dem verfilmten Roman „Dem Horizont so nah“ eine emotionale Tiefe, noch Momente eines sensiblen Herantasten an den nahen Tod. Es fehlt das Gespür für feinsinnige Zwischentöne.

Regisseur Tim Trachte hat das Drama auf die Zielgruppe der etwa 13-bis 16-jährigen Mädchen zugeschnitten. Schlußbild: Großaufnahme Danny. Mit glücklichem Lächeln vor einem sonnendurchflutenden Horizont.

Eine derartige Verherrlichung des Freitods, in anbetracht des überwiegend jugendlichen Publikums, ist pädagogisch äusserst fragwürdig.

Einziger Lichtblick: Die Wandlungsfähigkeit von Luna Wedler (DAS SCHÖNSTE MÄDCHEN DER WELT)

DER GLANZ DER UNSICHTBAREN Start: 10.10. 2019

Regisseur Louis-Julien Petit: „Ich wollte in meinem Film „Der Glanz des Unsichtbaren“ von jenen Frauen erzählen, die von der Gesellschaft ausgeblendet werden, und jenen, die tagtäglich bei ihnen sind. Ich wollte zeigen, dass sie trotz der Rückschläge, die sie auf ihrem Weg erlitten haben, nichts von ihrer Persönlichkeit, ihrer Würde, ihren Wünschen und ihren Träumen eingebüßt haben“.

Eine Tageseinrichtung in Nordfrankreich, in der sich obdachlose Frauen tagtäglich treffen, soll geschlossen werden. Eine willkürliche Maßnahme der Behörden, die der Meinung sind, das zu wenige von ihnen, die sich dort aufhalten, einen Arbeitsplatz bekommen. Gerade mal 3 Monate bleiben den Sozialarbeiterinnen, um die Einrichtung zu retten. Wo die Frauen nachts unterkommen, interessiert die Behörden eh nicht.

Lady Di, Edith Piaf, Salma Hayek, Brigitte Macron, Marie-Josèe Nat. Einige von den Frauen haben sich glanzvolle Namen ihrer Vorbilder gegeben und das schon bei einem Workshop zu denen Petit die Frauen, die echte Frauen von der Strasse sind, vor den Dreharbeiten eingeladen hat.

Jetzt müssen sich die Betreuerinnen mächtig ins Zeug legen, um möglichst vielen Frauen einen Job zu besorgen. Eine von ihnen ist Chantal. Wenn in der Tagesstätte irgendein ein Gerät kaputt geht, sei es die Waschmaschine, oder die Spielekonsole, findet sie den Fehler und repariert das Teil. Wenn sie sich bei einem Arbeitgeber vorstellt und der wissen will, wo sie das Reparieren von Elektrogeräten gelernt hat, erzählt sie ganz ehrlich und trocken, im Knast. Dort war sie, weil sie ihren prügelnden Mann erschossen hat. Aufgrund ihrer Ehrlichkeit stellt man sie nicht ein. Nun muss sie mit den Betreuerinnen ein Bewerbungstraining machen und die Kunst des Weglassens lernen, ohne zu lügen. Dann gibt es noch die Immobilienfachfrau, die gerademal einen Tag gearbeitet hat, eine ehemalige Strassenhändlerin, eine Ex-Domina und eine ehemalige Psychotherapeutin. Sie alle haben wirklich auf der Strasse gelebt. Nachdem die Stadt auch noch ein abgelegenes Zeltlager, wo die Frauen übernachtet haben, räumen lässt, müssen die Sozialarbeiterinnen alles Erdenkliche tun, damit die Frauen, die in der Gesellschaft meistens als „Pennerinnen“ abgewertet werden, nicht auch noch ihre Tagesunterkunft verlieren. Jetzt müssen die Betreuerinnen herausfinden, was die Frauen überhaupt können. Mit viel Mut setzen sich die vier Sozialbetreuerinnen Audrey (Audrey Lami), Angélique (Déborah Lukumuena), Manu (Corinne Masiero) Und Hélène (Noémie Lvovsky) für ihre Schützlinge ein. Flugs wird die Tagesstätte besetzt und die Frauen werden geschult. Schminkkurse werden angeboten, Vor laufender Kamera wird ein effizientes Bewerbungstraining geprobt und eine Job- und Partnerbörse wird eingerichtet. Mit viel Humor und zivilem Ungehorsam, entwickelt sich eine kollegiale Solidarität zwischen allen Beteiligten.

Mit Empathie und viel Herz für sein gesamtes Ensemble, besonders für seine Laiendarstellerinnen, die die Obdachlosigkeit an eigenem Leib erfahren mussten, gwinnt sein Film eine grossartige Authentizität, weit entfernt von einem Elendsdrama. Er gibt den Unsichtbaren ein Gesicht und würdigt den aufopferungsvollen Einsatz der vier Frauen, die nicht weggucken. Eine dramatische Komödie, komisch und bewegend zugleich.

JOKER Start: 10.10.2019 (Der beste Joker aller Zeiten)

Drei Jahre hat Todd Phillips („Hang Over“) an seinem Projekt „Joker“ gearbeitet. Das Drehbuch schrieb er zusammen mit Scott Silver („The Fighter“). Eine typische Comicverfilmung ist „Joker“ nicht. „Batman“ ist in Phillips „Joker“ noch ein kleines Kind. Zum ersten Mal hat er in seiner Heimatstadt New York gedreht. Anfang der 80-Jahre war die Stadt hochverschuldet, versank im Dreck, die Infrastruktur war marode und die Kriminalitätsrate beängstigend hoch. Die Metropole steht für Gotham City 1981. Die Ähnlichkeiten mit „Taxi Driver“ und der tragischen Showbiz-Satire „The King of Comedy“ sind nicht zu übersehen.

Phillips taucht in seinem Drama tief in die Seele seiner erbärmlichen und geschundenen Figur Arthur Fleck, „Joker“ (Joaquin Phoenix) ein. Fleck, der bei seiner Mutter (Frances Conroy) wohnt, die ihn „Happy“ nennt und sich von ihm in der Badewanne die Haare waschen lässt und ihm erklärt, dass seine Bestimmung „Lachen und Freude in die Welt zu bringen“ ist. Viel zu lachen hat er allerdings nicht. Er schlägt sich als Kinderclown im Krankenhaus und als Stand-up-Komiker durch, in der Hoffnung eine Karriere als bewunderter Comedian zu machen. Gleich am Anfang sieht man, wie Fleck mit einem Werbeschild durch die vermüllten Strassen von Gotham läuft,und von einer Gruppe Jugendlicher verspottet und verprügelt wird, wobei sein Werbeschild zerbricht und das er auf seine Kosten ersetzen soll. Später sieht man, wie er von betrunkenen Yuppies in der U-Bahn verhöhnt und drangsaliert wird. Es folgt eine Demütigung nach der anderen. Als auch noch der von ihm verehrte Talkshow Moderator und Comedy-Star Murray Franklin (Robert de Niro) ihn in seine Show einlädt und ihn vor seinem Live-Publikum lächerlich macht, ist seine Verzweiflung kaum noch mitanzusehen. Wegen massiver Sozialkürzungen, bekommt der psychisch labile Fleck keine Therapie mehr und auch keine Psychopharmaka mehr. Ein Arbeitskollege schenkt ihm eine Waffe, die ihm ausgerechnet aus der Hosentasche rutscht, während er im Krankenhaus Kinder in seinem Clownsaufzug bespasst. Ein Job, bei dem er aufblüht und beinahe glücklich wirkt. Er wird gefeuert. Es ist der Beginn seines fatalen Absturzes.

Phoenix, der für seine Rolle zwischen Wahn und Wirklichkeit, mehr als 20 Kilogramm abgenommen hat, spielt die zu Tränen rührende Figur mit einer unglaublichen Hingabe. Seine trostlose Kindheit, gezeichnet durch die Abwesenheit seines Vaters, sein Leben mit der schizophrenen Mutter und den Nachwirkungen des frühen sexuellen Missbrauchs. Seine Enttäuschungen, seine Verzweiflung, die ständigen Demütigungen, entladen sich in einer Lache, die einem durch Mark und Bein geht. Sie überträgt sich auf seinen ausgemergelten Körper, der regelrecht geschüttelt wird von diesem qualvollen Gelächter, indem sich die gesamte Trostlosigkeit seines hoffnungslosen Daseins entlädt.

Als er absolut nicht mehr weiter weiß, mündet seine Ausweglosigkeit in schieren Wahnsinn und er greift zu seiner Waffe und schießt wie wild um sich. Ein Verzweiflungsakt eines Ausgestossenen, der in einer Gesellschaft lebt, die empathielos auf alles Andersartige und Fremde mit Hass und Erniedrigung reagiert. Gotham City, ein Ort, verkommen und verdreckt, in dem die sozialen Missstände für Aggresionen und Wut sorgen und den Unterprivilegierten eine grenzenlose Verachtung entgegenschlägt. „Geht es mir nur so, oder wird die Welt da draußen wirklich immer verrückter?“ fragt Fleck in einer Stelle. Eine wahre Überleitung in das Jahr 2019. Kümmern wir uns eigentlich noch um die Schwachen und Kranken? Werden bei uns nicht auch die Reichen immer reicher? Mit einer grenzenlosen Schamlosigkeit werden die Dritte-Welt-Länder ausgebeutet und irrsinnige Kriege, Hunger und Not führen zu Tausenden von Flüchtenden, denen eine Wellen von Hass entgegenschlägt.

Müssen wir erst wahnsinnig werden, so wie Arthur Fleck, um der verlorenen Empathielosigkeit endlich mit Widerstand zu begegnen, auch notfalls mit Gewalt?

„Joker“ ein emotional aufwühlendes und erschütterndes Psychogramm einer ausgestossenen Kreatur. Einfach grandios. Auch ohne seinen Gegenspieler Batman.

DEUTSCHSTUNDE Start: 3.10.2019 (Literaturverfilmung, Deutschstunde von Siegfried Lenz)

Christian Schwochow und seine Mutter Heide haben den berühmten Roman DEUTSCHSTUNDE von Siegfried Lenz (1926-2014) aus demJahr 1968 erneut für die Leinwand adaptiert. 1971 gab es eine Verfilmung für`s Fernsehen unter der Regie von Peter Beauvais mit Wolfgang Büttner als Maler Max Ludwig Nansen und Arno Assmann als Polizist Jepsen. In Schwochows Neuverfilmung werden Jepsen von Ulrich Noethen und Nansen von Tobias Moretti verkörpert.

Schwochos Beweggrund, das Drama jetzt nochmals zu verfilmen, ist die Tatsache, dass sich wieder verstärkt Rassismus, Diskriminierung und Antisemitismus in unsere Gesellschaft einschleicht und teilweise öffentlich artikuliert wird. Schwochow hält sich streng an das Buch. Neue Ideen entfaltet er nicht.

Deutschland, kurze Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Siggi Jepsen, der Sohn eines Dorfpolizisten, sitzt in einer Besserungsanstalt ein. Er soll in einem Aufsatz „Die Freuden der Pflicht“ beschreiben. Ihm fällt nichts ein. Eine nackte Leibesvisitation kommt einer Demütigung gleich. Nach einiger Zeit beginnt er sich an seine Kindheit am äussersten Rand von Schleswig Holstein, während des zweiten Weltkriegs, zu erinnern. Sein Vater, der Ordnungshüter Jens Ole Jepsen, für den der Begriff der Pflichterfüllung an oberster Stelle steht und der dafür sorgt, dass aus seinem Sohn etwas brauchbares wird, hat den Auftrag erhalten, dem Maler Max Ludwig Nansen ein Malverbot zu erteilen und es genauestens zu überwachen. „Ich tue nur meine Pflicht“, ein Satz, den er noch des öfteren gebetsmühlenhaft widerholt. Der elf-jährige Siggi, der bei seinem Patenonkel Nansen ein-und ausgeht, soll ihn oservieren. Der Junge gerät in einen schweren Gewissenskonflikt. Ist er nicht folgsam, wird auch schon mal seine Hand auf eine heisse Herdplatte gedrückt.

Nichtsdestotrotz, Siggi, für den Nansen ein Freund und Vertrauter ist, will ihn und seine Bilder vor dem strengen Vater schützen. Er schleppt die Bilder in ein verlassenes Haus. Er geht sogar so weit, dass er nach dem Krieg, bei einer Vernissage versucht, eins von Nansens Bildern zu stehlen, um es zu retten. Das ist der Grund, warum er in der Besserungsanstalt für schwer erziehbare Jugendliche landet.

Erzählt wir die tragische Geschichte eines Jungen, der zwischen zwei Männern steht, während der Faschismus sich immer weiter ausbreitet. Als sein Vater aus dem Krieg heimkommt, hat er nichts aus seinen Fehlern gelernt. Das ist das Bitterste, was der Film zeigt. Der gesamte Film ist in düstere Farben getaucht. Das Einzige an Buntheit sind Nansens Bilder.

Das Lenz die Figur des verfolgten Nansen an den Maler Emil Nolde anlehnt, dessen Werke von den Nazis als „entartete Kunst“ bezeichnet wurden, und das sich nach jüngsten Erkenntnissen herausstellt, dass er ein bekennender Nationalsozialist und Antisemit war, wird in Schwochos Film mit keinem Wort erwähnt. Insgesamt ist „Deutschstunde“ eine atmosphärisch dichte und handwerklich solide Neuverfilmung des legendären Romans.

D: Ulrich Noethen, Tobias Moretti, Levi Eisenblätter, Johanna Wokalek, Maria Dragus, Sonja Richter, Louis Hofmann, Tom Gronau. Länge: 125 Minuten.

SKIN Start: 3.10.2019 (Ein Film, der unter die Haut geht.)

Es war im Jahr 2000 als der 13-jährige Jamie Bell das Publikum als „Billy Elliot“ begeisterte. Er tanzte sich in ihre Herzen. In „Skin“ verwandelt sich der begnadete Schauspieler in eine tickende Haßbombe.

Bryon Wider ist Miglied des Vinlanders Social Clubs einer berüchtigten rechtsradikalen Gruppierung, die mit haßerfüllter Gewalt auf alles Fremde losgeht. Ein rechter Mob, der bei seinen Aufzügen „Verbrennt diese Erde“ grölt“. Bryons Körper ist von Kopf bis Fuss mit zahlreichen Nazisymbolen tätowiert. Sein Vorbild sind seine Zieheltern (Bill Kamp, Vera Farmiga), Anführer dieser widerwärtigen Vereinigung. Scheinheilig kümmern sie sich um verwahrloste Straßenkinder, die sie nach und nach indoktrinieren. Eines Tages lernt Bryon bei einem nordisch-völkischem Fest, die dreifache Mutter Julie (Danielle McDonald), die der rechten Szene gerade den Rücken gekehrt hat, kennen. Er verliebt sich in sie, zum Entsetzen seiner Eltern, die alles versuchen, um ihn davon abzubringen. Nicht nur sie, auch seine Mitstreiter fangen an, ihn regelrecht zu terrorisieren. Besonders in ihn, haben sie große Hoffnungen gesetzt.

Je öfter Bryon Julie und ihre Kinder trifft, desto mehr erwächst in ihm die Sehnsucht, nach einer normalen Familie. Bryon entschließt sich, seine Tätowierungen weglasern zu lassen. Eine äusserst schmerzhafte Prozedur, die sich über zwei Jahre hinzieht. Bei seinem schwierigen Ablösungsprozess, unterstützt ihn der afroamerikanische Menschenrechtsaktivist Daryle (Mike Colter), dem er bei einen ihrer Aufmärsche noch hasserfüllt gegenüberstand.

Der israelische Filmemacher Guy Nattiv erzählt in seinem ersten US-Spielfilm „Skin“, basierend auf seinem gleichnamigen, in diesem Jahr mit einem Oscar prämierten Kurzfilm, authentisch und ungeschönt die Geschichte des Szeneaussteigers Bryon „Babs“ Widner, der zu den meistgesuchten weißen Rechtsradikalen des FBI zählte. Nur durch die Hilfe des menschenrechtsaktivisten Daryle Jenkins war der Ausstieg möglich.

In Jamie Bell hat Nattiv einen herausragenden Darsteller gefunden, der die Wandlung zu einem Ex-Nazi überzeugend spielt. Ein Film , der unter die Haut geht. Erschütternd und aufwühlend.