INNEN LEBEN ( INSYRIATED) START: 22.6.2017

In Syrien tobt der Krieg und ein Ende ist nicht abzusehen und damit auch der Flüchtlingsstrom. Aber wie geht es den Daheimgebliebenen? INNEN LEBEN zeigt auf bedrückende Weise das entsetzliche Leid der Zivilbevölkerung anhand einer Grossfamilie, die sich in ihrer Wohnung in Damaskus verbarrikadiert und versucht, den Alltag einigermassen zu bewältigen. Es gibt kaum Wasser, Telefonleitungen funktionieren mal ja, mal nein und die Beschaffung von Lebensmitteln ist nur unter grösster Gefahr möglich. Auf den Dächern lauern Scharfschützen. Die energische Oum Yazan (Hiam Abbass),  wir kennen sie aus „LemonTree“ und „Paradise Now“, versucht einen Hauch von Normalität zu wahren. Die junge Halima und ihr Freund Samir haben mit ihrem Baby die Flucht nach Europa gründlich vorbereitet. Salima verlässt nur noch kurz das Haus und wird im Hof erschossen. Niemand der Eingeschlossenen wagt es, der jungen Frau, die auf gepackten Koffern sitzt, die Hiobsbotschaft zu vermitteln. Oum Yazan hat die junge Familie bei sich aufgenommen, denn sie sind die letzten in dem leerstehenden Haus. Gedämpft sind die Frauen mit der Vorbereitung der Mahlzeit, dem Wasserholen, dem Tischdecken in der Küche beschäftigt, während von draussen die bedrohlichen Geräusche des Krieges zu hören sind. Plünderer treiben ihr Unwesen, klopfen an die Tür, auf der Suche nach eventuellen Wertsachen. Als das Dienstmädchen ans Fenster tritt, um zu sehen, ob der Leichnam noch im Hof liegt, sagt der Grossvater resigniert: „Was schaust  du aus dem Fenster. Vergiess die Welt da draussen“. Fünf abgedunkelte Räume, eine Küche und ein Bad, ist der beklemmende Schauplatz dieses klaustrophobischen Kammerspiels. Als zwei Männer sich mit Gewalt Zugang zur Wohnung verschaffen, verstecken sich alle Bewohner verängstigt in der Küche. Es ist ausgerechnet Halima, die von den Männern geschlagen und vergewaltigt wird. Vor Angst erstarrt, werden sie hörbare Zeugen des brutalen Verbrechens. Es ist eine hochbrisante Frage, die der belgische Regisseur Philippe Van Leeuw in den Raum stellt. Hätte Oum Yazan eingreifen sollen und ihre Kinder zu Opfern der brutalen Gangster werden lassen?

„Insyriated“, so der Originaltitel, lässt die Frage offen. Der Zuschauer ist gefordert, selbst zu entscheiden. Soll eine Familie einen der ihren opfern, um das Leben eines anderen zu schützen?

„Innen Leben“ handelt von dem Dilemma unter unmenschlichen Bedingungen nicht menschlich bleiben zu können.Es sind nicht nur die da draussen, die traumatisiert und verletzt zurückbleiben, nein, auch die drinnen werden zu traumatisierten Opfern eines unbarmherzigen Krieges.

LOVING START: 15.6.2017

Eine Ehe einzugehen, ist für die meisten Menschen das Schönste auf der Welt. So auch für den weissen Bauarbeiter Richard Loving und seine zukünftige schwarze Braut Mildred Jeter. Voller Stolz und Freude zeigt er ihr das Stück Land, auf dem er ein Haus für sich und seine Familie bauen will.

LOVING, Buch und Regie Jeff Nichols , der schon in TAKE SHELTER einen Helden zeigt, der seine Familie vor übersinnlichen Mächten beschützt, widmet sich nun , nach einer wahren Geschichte, dem „Bösen“ in Gestalt des amerikanischen Staates. Ende der Fünfzigerjahre ist es im Staate Virginia gesetzlich verboten eine Ehe zwischen Schwarz und Weiss einzugehen. Loving (Joel Edgerton) und seine bezaubernde Frau Mildred (Ruth Negga) widersetzen sich dem Verbot. Ihr sehnlichster Wunsch ist es, ein Haus zu bauen, Kinder zu bekommen und nahe bei ihren Familien und Freunden ein friedliches Leben zu führen. Mitten in der Nacht holt die Polizei die Lovings wie zwei Schwerverbrecher ab. Sie werden vor die Wahl gestellt: Entweder wandern sie ins Gefängnis oder sie müssen ihren Heimatort für 25 Jahre verlassen. Der einfach gestrikte Arbeiter Richard versteht die Welt nicht mehr. Er und seine schwangere Frau wählen das Exil.Dort bekommen sie Kontakt zu Menschenrechtsanwälten, die sich für sie einsetzen. Doch bis es 1967 endlich zu einem bahnbrechenden Grundsatzurteil kommt, die Rechtmässigkeit ihrer Ehe anerkannt wird, müssen die Lovings noch so manche unfreiwillige Hürde überwinden.

Es geht den beiden einfachen Menschen nicht um Politik. Sie wollen nur in Frieden leben und tun dafür nichts anderes als das, was zu tun ist. LOVING gehört für mich zu einem der besten Filme in diesem Jahr. Schon allein wegen der beiden Hauptdarsteller. Besonders das ausdrucksstarke Gesicht der Schauspielerin Ruth Negga, die für ihr Spiel für einen Oscar nominiert wurde. Auch Joel Edgerton berührt durch sein zurückgenommenes Auftreten. Er spielt Richard als einen Menschen, der mit Worten schwer umgehen kann aber ein herzensgutes Wesen hat. Nichols erzählt das Drama völlig unaufgeregt und zurückgenommen. Er zeigt, wie empathielose politische Anordnungen das private Leben von Menschen zerstören können. Und immer noch gibt es Systeme, die den Bürgern vorschreiben, wen sie lieben dürfen und wen nicht. Eine Schande ist das.

WHITNEY – CAN I BE ME START: 08.06. 17

Soweit ich mich erinnere, hat Whitney Houston nur drei Konzerte in Berlin gegeben. Nun kehrt sie zurück in dem berührenden Dokumentarfilm „Whitney-Can I be me“. Anschaulich aufgeschlüsselt wird ihr trauriger Weg zum Star anhand von Interviews ihrer zahlreichen Weggefährten. „I always love You“ kann als Hymne ihres Lebens bezeichnet werden. Whitney, die aus einfachen Verhältnissen stammt, war ursprünglich eine leidenschaftliche R&B Sängerin. Aufgebaut wurde sie für das weisse Publikum, massiv vorangetrieben von ihrer Mutter, die sehr wohl von ihrer Drogensucht wusste. Der Weg in eine Entzugsklinik war ihr verbaut, denn zu viele Menschen verdienten an ihr und ein Ausfall hätte erhebliche finanzielle Einbußen zur Folge gehabt. Ihre Liebe gehörte der schwarzen Robyn Crawford, ihrer Jugendfreundin, späteren Assistentin und vertrauten Wegbegleiterin. Als sie den schwarzen Sänger Bobby Brown kennenlernte und heiratete, reagierte die weisse Geschäftswelt der Produzenten und Management sichtlich erleichtert, denn so konnte man den Gerüchten über ihre Homosexualität einen Riegel vorschieben. Der unbarmherzige Druck der auf ihr lastete und sie zwang ihre Authentizität zu leugnen, trieb sie verstärkt in die Drogensucht. Als Robyn sie verliess, da auch sie den Anfeindungen nicht mehr standhalten konnte, mutmasst man, dass sie letzlich an gebrochenem Herzen gestorben ist. Nick Broomfield („Kurt & Courtney) hat sich weniger ihrer Musik gewidmet, sondern sich auf bisher unveröffentliches und brisantes Filmmaterial konzentriert, in dem klar erkennbar ist: Whitney Houston wurde zweifelsfrei das Opfer einer unbarmherzigen Showbranche.

THE DINNER START: 08.06.2017

Man trifft sich in einem hocheleganten Restaurant mit exellenter Küche. Der Abend wird alles andere als beschaulich. Paul (Steve Coogan) und seine Gattin Claire (Laura Linney) treffen sich mit Pauls älterem Bruder Stan (Richard Gere) und dessen junger Ehefrau Katelyn (Rebecca Hall) zum Abendessen. Alle Beteiligten ahnen, dass es mehr als ungemütlich wird. Das Verhältnis der Brüder ist konfliktbeladen und zerüttet. Stan, der weltgewandte und charmante einflussreiche Politiker, stand schon immer auf der Sonnenseite des Lebens. Paul benutzt das ungewollte Treffen um den ungeliebten Bruder mit zynischen Bemerkungen zu attackieren. Je später der Abend desto klarer wird der Grund ihres Beisammenseins. Die beiden 16-jährigen Söhne der Paare haben ein entsetzliches Verbrechen begangen und es auf einem Video festgehalten. Noch weiss die Polizei nicht, wer die Täter waren. Der zermürbende Abend kreist um die Frage, ob sie die Tat vertuschen sollen, denn schliesslich steht die Karriere Stans auf dem Spiel. Der Abend entwickelt sich immer mehr zu einem makaberen Psychoduell. Katelyn, die eh nicht gut auf ihren Mann zu sprechen ist und Claire neigen zur Vertuschung. Wie weit gehen die Eltern, um ihre Kinder zu schützen und auch das berufliche Ansehen des Herrn Kongressabgeordneten nicht zu zerstören. Über den Umgang mit dieser moralischen Frage ist man sich total uneinig. Oren Movermanns verbaler Schlagabtausch ist schauspielerisch grandios inszeniert, bei der Schauspielerriege nicht anders zu erwarten. Es ist spannend mitanzusehen, wie die Masken aller Beteiligten immer mehr fallen und die seelischen Abgründe immer stärker zum Vorschein kommen. In etwas anstrengenden Rückblenden , wird der Zuschauer nicht nur mit dem ungeheuerlichen Verbrechen, sondern auch mit den Hintergründen der kaputten Beziehung der Brüder konfrontiert. Ein hochbrisantes Drama über Wohlstandsverwahrlosung und ihre bitteren Folgen und Ignoranz jeglicher Moral.

Als Vorlage dient der weltweite Bestseller ANGERICHTET von Herman Koch.

BORN TO BE BLUE START: 8.6.2017

Chet Baker, der legendäre Jazztrompeter, wurde 1929 in Yale geboren. Berühmt wurde er mit der Musicalballade „My Funny Valentine“. Da war er 23. Sein früher Erfolg stürzte ihn in eine fatale Heroinabhängigkeit. In „Born to be Blue“ schlüpft Ethan Hawke in die Rolle des „James Dean of Jazz“, der mühsahmst versucht, die Kontrolle über sein Leben zurückzugewinnen.Baker galt als bester Jazz-Trompeter der Welt.Es ist das Jahr 1966 und es sieht so aus, als bekäme Baker seine Drogensucht nicht mehr in den Griff. 12 Jahre ist es her, als er als Erfinder desWest Coast Swing im legendären New Yorke Birdland auftrat. Das Publikum war ausser sich und belohnte ihn mit tosendem Beifall. Miles Davis, der ebenfalls im Club ein-und ausging, sah in ihm einen weissen Kokurrenten, machte seine Musik schlecht und schürte bei Baker enorme Selbstzweifel. Der schmale Grat zwischen Erfolg und eventueller Sich-Selbst- Überschätzung seines Talents, wurde zum Nährboden seiner Drogensucht.Sein Leben war überschattet von Drogenaffairen und zeitweiligen Gefängnisaufenthalten. Er wurde immer zerbrechlicher und schwankte zwischen seiner Liebe zur Trompete und dem täglichen Schuss Heroin.Vor einer Bowlinghalle wird er von einer Gruppe brutaler Dealer derartig zusammengeschlagen, wobei er mehrere Zähne verliert. Zäh kämpft er mit lästigem Gebiss unter Blut und Schmerzen dem geliebten Instrument wieder Ton für Ton zu entlocken und sich nach und nach auf ein Comeback vorzubereiten. An seiner Seite seine Freundin Jane (Carmen Ejogo), die ihn auf dem schweren Weg begleitet. Dank ihrer Zuneigung, lernt er wieder, an sich zu glauben. Er bekommt nochmals die Chance im „Birdland“ aufzutreten, obwohl sein Produzent Dick Bock (Callum Keith Rennie) äusserst skeptisch ist. Und wieder trifft er auf Miles Davis.

Ethan Hawke verkörpert Baker mit einer grossartigen Hingabe und eindrucksvollem Charisma.Man kann sagen, er spielt ihn nicht. Er ist Baker. In keiner seiner Rollen war er jemals so verletzlich wie hier. Zu den bekanntesten Songs, die Regisseur Robert Budreau für den Film ausgewählt hat, gehören „Summertime“, „Over the Rainbow“, „Let´s Get Lost, „There´s a Small Hotel“ und natürlich „My Funny Valentine“, von Ethan Hawke selbst gesungen.

„Die Sucht wurde Baker Zeit seines Lebens nicht mehr los.Während seiner Europaaufenthalte kam er immer wieder wegen kleinerer Vergehen im Zusammenhang mit Drogen ins Gefängnis. Ende der sechziger Jahre gelang ihm mit der Unterstützung seines Musukerkollegen Dizzy Gillespie ein beachtliches Comeback. 1978 zog er dauerhaft nach Europa, wo er die produktivste Phase seiner Karriere erlebte. Während er in seiner Heimat zusehends in Vergessenheit geriet, erfreute sich Bakers Musik in Europa grosser Beliebtheit. Kurz vor seinem Tod 1988 drehte Star-und Modefotograf Bruce Weber den Dokumentarfilm LET´S GET LOST über das Leben des legendären Jazz-Trompeters. Weber lässt Baker, seine Freunde Weggefährten und Familie über sein Leben erzählen. Neben Aufnahmen, die sein begnadetes Talent und, als junger Mann in den fünfziger Jahren, seine atemberaubende Schönheit bezeugen, gibt es die erschütternden Geschichten von Drogenabstürzen, Schlägereien und Karriererückschlägen. Die Tragödie seines Lebens war später in seinem zerfurchten Gesicht abzulesen. Am 13.Mai 1988 starb Baker in Amsterdam nach einem Sturz aus einem Hotelfenster. Es blieb unklar, ob es sich um einen Unfall oder Suizid handelte. LET´S GET LOST hatte im gleichen Jahr Premiere bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig und gewann den Kritikerpreis. Im Jahr darauf wurde er für den Oscar nominiert. Einige kurze Schwarz-Weiss-Sequenzen aus Webers Doku sind in BORN TO BE BLUE eingearbeitet“.  ( Text übernommen aus Presseheft Born To Be Blue)

EIN KUSS VON BEATRICE START: 8.6.2017

Martin Provost, Jahrgang 1959, früher Schauspieler und Autor, inszenierte Anfang der Achtziger sein erstes Theaterstück „ Le Voyage Immobile“. Später wechselte er ganz ins Regiefach. Mit „Séraphine“ und „Violette“ hat er bereits starke und sensible Frauen in den Mittelpunkt seiner Handlung gesetzt. In „Sage Femme“, das französische Wort für Hebamme“, deutscher Filmtitel „Ein Kuss für Béatrice“, setzt seine Liebe für das angeblich „Schwache Geschlecht“ fort.

Ein Anruf wirbelt das geerdete Leben Claires (Catherine Frot) völlig durcheinander. Am Telefon Béatrice (Catherine Deneuve), die Geliebte ihres Vaters, die sich Ewigkeiten nicht gemeldet hat und damals sang-und klanglos aus dem Leben der Familie verschwand. Claire, die mit Leib und Seele den Beruf der Hebamme mit einer Leidenschaft und einer grossartigen Empathie ausübt, hat es wahrlich nicht leicht. Die im Alltag ziemlich verschlossene Frau ist alleinerziehend, der Sohn will sein Medizinstudium aufgeben, die Geburtsklinik steht vor der Insolvenz und das Aufleben der Vergangenheit in der Gestalt von Bèatrice, macht ihre Situation nicht besser.

Zum ersten Mal stehen sich zwei grossartige Frauen des französischen Films gemeinsam vor der Kamera gegenüber. Béatrice, eine femme fatale, die raucht und trinkt, die blutige Steaks liebt, in den Hinterzimmern irgendwelcher Kaschemmen als einzige Frau mit Männern leidenschaftlich zockt, das gewonnene Geld in ihrer Handtasche mit sich rumträgt, etwas zu dick geschminkt ist und trotz ihrer Krebserkrankung vom Aufgeben ihrer Laster absolut nichts wissen will.

Claire, verschlossen und kühl, vernüftig, lebt in der Provinz Mantes-La-Jolie, widmet sich in ihrer Freizeit ihrem Schrebergarten, wo sie gesundes Gemüse anbaut und Erholung von ihrem Beruf sucht.

Claire überwindet sich, trifft sich mit Béatrice, erst zögerlich und verschlossen, doch dann nimmt sie die Todkranke bei sich auf. Ich verrate bestimmt nicht zu viel. Die beiden Frauen werden beste Freundinnen. Claire blüht regelrecht auf. Die Gegenwart der kapriziösen Béatrice tut ihr sichtlich gut. Catherine Frot spielt sich regelrecht in die Herzen der Zuschauer. Sie entwickelt eine bemerkenswerte Präsenz. Ihr schmallippiger Mund lernt wieder zu Lächeln, sie fängt eine Liebelei mit dem Lastwagenfahrer aus dem Schrebergarten nebendran an und der Schock über die Schwangerschaft der Freundin ihres Sohnes, wendet sich auch zum Guten. Ihre aufopferungsvolle Arbeit in der Klinik zeigt, mit welch liebevoller Fürsorge sie die Kinder auf die Welt holt. Die intensiven Gespräche der beiden Frauen vermitteln dem Zuschauer die Gründe und Begebenheiten ihrer Verhaltensweisen, die sie voreinander hinter ihren unterschiedlichen „Masken“ verborgen haben. Die fünf Geburten, die wir sehen, sind übrigens echt. Provost hat diesen liebenswerten Film seiner eigenen Hebamme gewidmet, die ihm bei seiner Geburt mit ihrem eigenen Blut das Leben rettete. Vergeblich hat er später nach ihr gesucht. Überraschend der Kurzauftritt der wunderbaren Mylène Demongeot, die inzwischen 81 ist und in mindestens 45 Filmen auf der Leinwand zu sehen war.

So plötzlich, wie Béatrice in Claires Leben trat, so plötzlich ist sie wieder verschwunden. Den ganzen Film über spürt man, wie sehr Provost seine Darsteller liebt und einfühlsam die Rollen für sie geschrieben hat.

IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS START: 01.06 2017

Eugen Ruges Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ bekam 2011 den Deutschen Buchpreis und stand danach mehr als 40 Wochen auf der Bestsellerliste des Spiegel. Kurz danach wurde er für das Theater adaptiert und jetzt von Matti Geschonneck für den Film. Geschonneck hat sich für die Leinwandfassung auf den Kern der Handlung konzentriert: Die Geburtstagsfeier des 90-jährigen knorrigen Familienpatriarchen Wilhelm Powileit ( Bruno Ganz). Powileit hat während der Nazizeit im kommunistischen Widerstand gekämpft, emigrierte dann nach Mexiko und machte nach seiner Rückkehr in der DDR Parteikarriere.

Ost-Berlin 1989. Seine Frau Charlotte (Hildgard Schmahl), die in einer Art Hassliebe mit ihm verbunden ist, richtet die Geburtstagsfeier für ihn aus. Irgendwie fühlte sie sich ständig zu kurz gekommen und rächt sich an ihrem langsam vergreisenden Mann. Es ist sein letzter Geburtstag im alten DDR-System, denn die Mauer steht kurz vor dem Fall. In seinem Ost-Berliner Domizil treffen sich Verwandte, Freunde und Repräsentanten des Arbeiter-und Bauernstaats. Alle bringen Blumen mit und halten Reden. Der linientreue Greis murmelt bei jedem Strauss: „Bringt das Gemüse auf den Friedhof“. Was er nicht weiss, sein Enkel Sascha ( Alexander Fehling) , der sich der Künstlerszene der DDR zugehörig fühlt, ist wenige Tage zuvor in den Westen abgehauen. Seine Aufgabe in dem parteikonformen Jubiläumsspektakel wäre der Aufbau des Tisches für das kalte Buffet gewesen. Anwesend sein Sohn Kurt ( Sylvester Groth) nicht ganz so linientreu wie der Vater.

Er hat in der Nachkriegszeit im russischen Arbeitslager die weniger erfreulichen Seiten des Kommunismus zu spüren bekommen.und arbeitet in Ostberlin als Historiker. Seine russische Ehefrau Irina ( Evgenia Dodina), die er heimlich betrügt, sorgt mit ihrem Wodka-Schwips für einen unfreiwilligen Höhepunkt auf der Feier. Während draussen vor der Tür die DDR zusammenbricht, machen die Gäste innen gute Miene zum bösen Spiel. Kurts Schwiegermutter singt besoffen russische Weisen, Haushaltshilfe Lisbeth (Natalia Belitzki), kehrt die Scherben des Geschirrs zusammen, der hölzerne „Nazi-Tisch“ ist beim Greifen nach einem Würstchen zusammengebrochen. Tragödie, Drama, Komödie und Satire prallen dicht aufeiander.Wolfgang Kohlhaase, eine wahre Filmlegende schrieb das Drehbuch. Seine Dialoge ….klug, lakonisch, sehr präzise, humorvoll und feinsinnig.

Eine ganz besondere Leistung des Films, ist die bemerkenswerte Zusammenstellung der Austattung.

Die Auflösung der DDR, am Beispiel einer sich auflösenden Familie.Ein klaustrophobisches Kammerspiel. Ein Zerfall,tragisch-komisch erzählt.

( Es ist Herbst und das Kartoffelkraut wird auf den Feldern verbrannt, ein alter Brauch in Slawa, dann beginnt die Zeit des abnehmenden Lichts)