JEAN PAUL GAULTIER: FREAK & CHIC Kinostart: 2.7. 2020 (Dokumentation)

Die Dokumentation folgt der aufregenden zweijährigen Entstehung von Gaultiers glamouröser „Fashion Freak Show“ auf der legendären Pariser Varietébühne Folies Bergère. Ein Rückblick auf 50 Jahre seines Schaffens. Gaultier hat sich damit 2018 einen Traum erfüllt. Der Dokumentarfilmer Yann L`Hénoret hat ihn zwei Jahre lang begleitet und den Entstehungsprozess des prunkvollen Musicals dokumentiert. Herausgekommen ist eine bunte Mixtour aus Tanz, Gesang und Videomaterial, in dem jede Menge Stars zu Worte kommen, die ihn wegen seiner irrwitzigen Kostüme und Modeschöpfungen lieben und verehren. Natürlich kommt auch der Meister selbst zu Wort. Unter anderem, erzählt er, dass er von seinen Mitschülern abgelehnt wurde und seinen Beruf gewählt hat, um geliebt zu werden. Ohne seine Arbeit wäre er nichts. Kostüme zu machen, ist wie eine Inszenierung. Alle Elemente müssen stimmen.Noch heute besitzt er seinen Teddy aus Kindheitstagen. Viele werden sich an seine Teddy-Revue erinnern. Er macht auch keinen Hehl daraus, dass er eine Vorliebe für die SM-Szene hat.

FREAK AND CHIC ist sein bislang skandalösestes Projekt. Nile Rodgers, der u.a. mit Diana Ross, Madonna, David Bowie und Daft Punk zusammengearbeitet hat, entwarf den Sondtrack für die „Fashion Freak Show“, eine bunt schillernde, verrückte Nummernrevue.. Ein grandioser, visueller Leckerbissen.

SUICIDE TOURIST – ES GIBT KEIN ENTKOMMEN Kinostart: 2. Juli 2020

Der Film beginnt mit einem Video. Ein Mann spricht in die Kamera: „Wenn sie das hier sehen, bin ich bereits tot“.

Ausgerechnet an seinem Geburtstag erfährt der Versicherungsagent Max Isaksen, dass sein Gehirntumor unheilbar ist und er damit rechnen muss, dass sich seine Persönlichkeit im Laufe der Zeit verändern wird, da er die Kontrolle über sich und seine Wahrnehmung verliert. Er beschliesst, sich umzubringen. Es bleibt bei zwei Versuchen. Als eine seiner Kundinnen ihm den Nachweis über den Tod ihres Mannes vorlegt, ein Abschiedsvideo, aufgenommen in einem Luxushotel, das seinen Gästen maßgeschneiderte, würdevolle Selbstmorde anbietet.

Obwohl Max in einer glücklichen Beziehung mit seiner Freundin Laerke (Tuva Novotny) lebt, macht er sich heimlich davon und checkt im Hotel AURORA ein. In dem herrlich gelegenen Berghotel hofft nun auch er, in Frieden zu sterben. Der quälende Gedanke, dass er zu einem Pflegefall wird und er Laerke das Leid seiner Pflege mit seinem vorzeitigen Tod abnimmt, beruhigt ihn. Doch sein Aufenthalt, stellt sich als Albtraum heraus. In Statuten der Sterbeorganisation steht unmissverständlich, wer sich zur Sterbehilfe bei ihnen entschlossen hat, kommt hier nicht mehr raus.

„Game of Thrones“- Star Nikolaj Coster-Waldau spielt den schwermütigen Max sehr zurückgenommen und minimalistisch. Als sein Todesdatum immer näher rückt, gerät er in einen Konflikt. Seine Gefühle geraten in Wallungen. Da ist die Liebe zu seiner Freundin, dann der Wunsch, seinem bevorstehendem Leiden ein Ende zu setzen und der schmerzende Gedanke, nicht Abschied genommen zu haben. Er zweifelt an seiner Entscheidung.

Jonas Alexander Arnby („When Animals Dream“) macht es dem Zuschauer nicht leicht. Die düsteren , teils surrealen Bilder und die verschachtelte Erzählweise erschweren die Orientierung.

Er verbindet Drama mit Genre. Erst gegen Ende, versteht man, warum. Insgesamt ist der Film sehr ruhig gestaltet. Die unheimliche Musik und die eingstreuten Mystery-Momente, wie düstere Bilder und das Geschehen in den Katakomben im Hause AURORA, das nichts Gutes ahnen laesst, machen zwar aus dem Drama keinen atemraubenden Thriller, überzeugen aber atmosphärisch durch den surrealen Genremix und audiovisuell.

(Anmerkung: Es gibt eine Szene, in der Max sich mit der angestellten Hausprostituierten unterhält. Sie: „Männer stehen auf Hure oder Heilige. Entweder wollen sie einen Orgasmus oder in Mamas Armen liegen. Es ist erschütternd, dass ein ganzes Geschlecht so fantasielos ist“.) Ich lass das mal unkommentiert so stehen.

Dänemark, Norwegen, Deutschland 90 Min.

DER FALL RICHARD JEWELL (Eine wahre Geschichte) Kinostart: 2. Juli 2020

Atlanta, 27.Juli 1996. Während einer Feier im Rahmen der Olympischen Sommerspiele entdeckt Richard Jewell, Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma, einen verdächtigen Rucksack, der eine Nagelbombe enthält. Er informiert sofort die Polizei und hilft bei der Evakuierung. Als die Bombe explodiert, sterben zwei Menschen und 111 werden verletzt. Ohne sein beherztes Eingreifen, wären es womöglich hunderte von Opfern gewesen. Presse und Medien feiern ihn tagelang zum Helden. Man bietet ihm sogar an, seine Biografie zu schreiben. Plötzlich wird aus dem Helden ein Hassobjekt. Durch eine Denunzierung und weil die Ermittlungen ins Stocken geraten sind, hält das FBI Jewell selbst zum Täter. Plötzlich passt er in das Profil eines Bombenattentäters. Er ist ein dicker, frustrierter, weisser Mann, ein Waffennarr, der noch immer bei seiner Mutter (Kathy Bates) lebt und der aus dem Polizeidienst entlassen wurde. Ausserdem soll er sich gerne als Held aufspielen. Die Information sickert schnell durch, Medien und Öffentlichkeit stürzen sich auf den ungeschickten, dicken Mann, auf den eine gnadenlose Hetzjagd beginnt, gegen die er sich alleine nicht mehr wehren kann. In seiner Verzweiflung wendet er sich an den heruntergekommenen Anwalt Watson Bryant (Sam Rockwell).

Clint Eastwood, der sich seit jeher für Alltagshelden interessiert („Sully“, „The Mule“), hat „Der Fall Richard Jewell“ packend und hochemotional verfilmt, mit einem sensationellen Titelhelden Paul Walter Hauser und einer grossartigen Kathy Bates als seine Mutter.

Ein wütendmachendes Beispiel gegen die Zerstörungskraft öffentlicher Diffamierung.

AUDRE LORDE – THE BERLIN YEARS 1984 – 1992 (Dokumentation) Der Salzgeber Club stellt den Film ab 18.6.2020 weltweit auf Vimeo als VoD frei.

Audre Lorde (1934 – 1992), Tochter von Immigranten aus der Karibik, wuchs in N.Y. auf. Sie studierte an der Columbia University und wurde später Professorin für Enlische Literatur am Hunter College. Sie veröffentlichte 15 Gedichtbände, einen Roman und mehrere Essaysammlungen.

1991 erhielt Lorde die Walt Whitman Citation of Merit und damit von 1991 – 1993 den Titel „Poet of the State of New York. Ihre prägnanten, oft zornigen und auch lyrische Texte und zahlreiche Vorträge inspirierten seit den 70er Jahren amerikanische Feministinnen, Lesben African – American Women und Women of Color Bewegungen.

In dem Dokumentarfilm AUDRE LORDE – THE BERLIN YEARS 1984 – 1992 wird ein bisher unbekanntes Kapitel aus ihrem Leben dokumentiert. Lorde bekam eine Gastprofessur für African-American Literature and Creative Writing am John-F.-Kennedy Institut für Nordamerkastudien an der Freien Universität in Berlin.

Damals gab es noch keine Black Community in Deutschland. Lorde sorgte dafür, dass schwarze Frauen aus ihrer Vereinzelung heraustraten und gründete mit ihnen die „Initiative Schwarze Frauen“. Vorher gab es nur die Begriffe: Neger, Mischling und Mulatten, wobei Mulatte aus dem portugiesischem Wortschatz stammt und Maulesel bedeutet. Schwarz und Weiß verhalten sich zueinander wie Esel und Pferd. Sie prägte den Begriff Afro-Deutsche und ihr Werk bestand darin, die Frauen zu ermutigen, auf sich aufmerksam zu machen, in einer Gesellschaft, in der sie bisher schweigsam und isoliert gelebt haben. Mit ihrem warmherzigen Engagement inspirierte und bestärkte sie die Afro-deutschen Frauen zu schreiben und zu publizieren und teilte ihr Wissen, ihre Weisheit, ihren Aktivismus und ihren wunderbaren Humor mit ihnen. Die Frauen wurden immer selbstbewußter und fanden den Mut, zu artikulieren, was sie nicht wollen. Auch forderte sie weiße deutsche Frauen heraus, über ihre Privilegien nachzudenken und konstruktiv damit umzugehen.

Der Mauerfall 1989 brachte leider intensive, soziale Veränderungen mit sich. Unter anderem ein Anstieg von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus.

Regisseurin Dagmar Schultz hatte das Privileg, Audre Lorde 1980 in Kopenhagen bei der Welt-Frauen-Konferenz kennen zu lernen. Sie war so beeindruckt von dem positiven Einfluss den Lorde auf die Schwarze Community und auf die weißen Frauen hatte, dass sie beschloss, Audres Wirken mit anderen zu teilen und diesen Film in Kooperation mit Ria Cheaton, Ika Hügel-Marshall und Aletta von Vietinghoff und der Salzgeber & Co Medien GmbH zu produzieren.

Diese weise, herzliche, humorvolle und kämpferische Frau verstarb ohne Bitterkeit an ihrem Krebsleiden am 17.11.1992.

Der Film hatte seine Weltpremiere auf der Berlinale 2012. Er wurde weltweit auf 68 Festivals gezeigt. Er erhielt 7 Filmpreise. Eine Dokumentation, die ihre Wichtigkeit bis heute nicht verloren hat.

SARITA – TELL ME WHO I AM (Ab 20.Juni 20.20 zum Weltflüchtlingstag Premiere auf kino-on-demand.com und als Sonderveranstaltung in ausgewählten Kinos

Am 20. Juni 2020, dem Weltflüchtlingstag, feiert das semidokumentarische Musical SARITA (orig. Dimmi chi sono)von Sergio Basso seine Premiere auf kino-on-demand.com Zusätzlich zur Verfügbarkeit über kino-on-demand.com wird der Film am 20.6. in Sonderveranstaltungen in ausgewählten Kinos für das Publikum vor Ort präsentiert.

1990 vertrieb das Königreich Bhutan hunderttausende Menschen, nur weil sie mehr Demokratie verlangten. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive eines 13-jährigen Mädchens. Zuflucht fanden die Menschen in Nepal in einem Flüchtlingscamp. Der italienische Regisseur Sergio Basso hat zehn Jahre lang das Schicksal der Lagerbewohner*innen gesammelt und erzählt in seinem Film „Sarita“, der Name des Mädchens, von dem schwierigen Alltag im Camp, ihrer Vergangenheit und ihren Hoffnungen. Er sprach auch mit Organisationen und Politikern über die Flüchtlinge und ihre Einstellung zu Bhutan, einem traurigen Thema, das in der breiten Öffentlichkeit kaum noch Gehör findet.

Sarita (Sasha Biswas), die im Camp geboren wurde, ist ein fröhliches Mädchen. Für sie ist das Camp, der beste Platz der Welt. Hier leben all ihre Freunde und das sie ohne Wasser und Strom leben, hat für sie etwas abenteuerliches. Singend und tanzend bewegt sie sich mit ihren Freunden durch das Camp. In der Schule lernt sie mit ihren gleichaltrigen Freunden viel über die Kultur Bhutans und die Sprache des Landes. Doch mit der Zeit hinterfragt sie die Ausführungen des Lehrers und die Zustände im Lager. Als sich dann auch noch, 2007, die Nachricht einer Umsiedlung ins ferne Ausland im Camp verbreitet, schwindet ihre Fröhlichkeit. Sie betet zu Shiva und bittet ihn um Hilfe. Als er plötzlich zu ihr spricht und um ihre Lage zu verbessern eine Amnesie über sie verhängt, kann sie sich an nichts mehr erinnern.

Ein geschickter Schachzug der Regie. Jetzt muss Sarita die Menschen um sich herum fragen, wer sie denn eigentlich sei. Die Suche nach ihrer Identität gibt jetzt den Ton an.

„Tell Me Who I Am“ („Sag mir, wer ich bin“) lautet der internationale Titel des Films. Jetzt erfährt sie die schrecklichen Fluchtgründe der Bewohner. Gefängnissaufenthalte, Folterungen, Zwangsarbeit, Vergewaltigung und schwere Traumata sind der Preis, für die Forderung nach einem demokratisch orientiertem Leben, den sie zahlen mussten.

Die an Bollywood erinnernden Tanzszenen und die gesungenen Schilderungen der Fluchtursachen nehmen dem Film einiges von der Ungeheuerlichkeit seiner Thematik.

Als bei einer Versammlung ein Beamter über die Vorteile der Umsiedlung singend und tanzend berichtet, darf auch ruhig gelacht werden, ohne dass die traurige Ernsthaftigkeit verloren geht.

Basso zeigt zwischendurch den ganz normalen Alltag im Lager. Frauen die weben und spinnen, Kinder, die mit dem wenigen, was sie haben, glücklich spielen, Männer, die arbeiten gehen, Menschen, die Musik machen. Sarita hat Freude daran gefunden, ihre Gesprächspartner mit der Kamera aufzunehmen, sie nimmt Lieder auf und filmt Fotos, die für die Besitzer wertvolle Erinnerungen darstellen, Kinder, die neugierig in die Kamera schauen. Langsam stellt sich auch ihr Erinnerungsvermögen wieder ein. An einer Stelle sagt sie: „Man würde uns mehr beachten, wenn wir bedrohte Tiere wären“.

Basso hat mit den Lagerbewohnern ein Musical entwickelt, in dem es um den Verlust der Heimat geht, um Vertreibung, den Alltag in einem Lager aber auch um die Hoffnung auf eventuelle Rückkehr, oder vielleicht, auf einen Neuanfang in einem fremden Land.

„Man kann den Menschen zwar die Heimat nehmen, aber nicht das Andenken daran“.

Sarita geht nach Oslo. Es leben dort nur 300 Bhutaner. Während sie ihre Verzweiflung mit einem anhaltenden stummen Schrei kundtut, bleibt die geliebte Grossmutter in Nepal zurück. Sie sitzt unter einem Baum, dessen Zweige mit Fotos aus ihrem Leben behängt sind. Sie bewegen sich wie Blätter im Wind.

LICHTES MEER (dt. /frz. /engl. OF mit deutschen Untertiteln. Als DVD und VoD im Salzgeber Club. (www. salzgeber.de)

Der junge Marek (Martin Sznur) ist wohl behütet auf dem Bauernhof seiner Eltern in Vorpommern aufgewachsen. Voller Vorfreude verlässt er den Hof und heuert in St.Nazaire auf einem 197 Meter langen und 30 Meter breiten Containerschiff an, um ein Praktikum zu machen. Er interessiert sich für die unterschiedlichen Berufsmöglichkeiten, die man auf einem Schiff ergreifen kann. Fünf mal hat er sich den Film „Das Boot“ angeschaut und nun wird ein Traum für ihn wahr. Er ist Teil einer Mannschaft an Bord. Das Ziel ist die Karibikinsel Martinique. Gerne würde er im Maschinenraum arbeiten, stattdessen wird er als Steward zugeteilt. Das heisst putzen. Marek verliebt sich in den geheimnisvollen Matrosen Jean (Jules Léo Sagot), der seit er sechzehn ist, auf Schiffen arbeitet. Für Marek offensichtlich die erste grosse Liebe. Er ist beseelt von romantischen Gefühlen. Als er Jean fragt, ob er ihn liebt und dass er sich wünscht, für immer beisammen zu bleiben, lacht Jean mit den Worten: „Jetzt klingst du, wie ein kleiner Junge. Mit siebzehn hatte ich meinen ersten Freund und danach nichts Festes mehr.“ Jean scheint nur auf eine körperliche Affaire aus zu sein. Es kommt zu häufigen Streitereien. Beide verbringen noch einige Tage auf Martinique, bis Marek den Entschluss fast, zu gehen und die Seefahrt und damit auch Jean aufgibt. „Bei jeder Windböe wird mir schlecht und nur Toiletten putzen und Klo-Papier zu verteilen, macht mir auch keinen Spass.“ Die abenteuerliche Fahrt über den Atlantik hat ihn einer Illusion beraubt aber er ist erwachsen geworden. Statt nach Salz riecht es nun wieder nach Stall.

Für seinen zweiten Spielfilm nach „Sleepless Knights“ begab sich Regisseur Stefan Butzmühlen für einige Zeit selbst als Passgier auf einContainerschiff, um die Arbeitsabläufe und die Stimmung der Matrosen an Bord zu beobachten und zu verarbeiten.

Wunderschöne Aussenaufnamen, die das Meer in all seinen Facetten zeigt, wechseln mit Innenaufnahmen des Schiffes und zeigen die endlos langen Gänge, die Marek staunend abläuft. Die Sexszenen der beiden Jungen sind dezent fotografiert und verströmen einen romantischen Hauch von Zärtlichkeit. Die berührende Coming-Of-Age-Geschichte wird untermalt mit traurig-romantischen Seemannsliedern.

Offizieller Kinostart: 4.Februar 2016. Kamera: Jonas Schmager

WORLD TAXI (Dokumentarfilm) Start: 11.6. 2020

Regisseur Philipp Majer (Buch, Regie, Kamera) lädt den Zuschauer in seinem Dokumentarfilm WORLD TAXI in die Städte Bangkok, Pristina, Dakar, El Paso und Berlin ein. Er begleitet mit seiner Kamera fünf Taxifahrer*innen 24 Stunden bei ihren Touren und Gesprächen mit ihren Gästen. „Im Taxi gelten andere Regeln-und das überall auf der Welt. Hier können Menschen innerhalb weniger Minuten ihr Herz ausschütten oder brisante politische Meinungen äußern, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen“.

Wir lernen Destan kennen, der mit seiner Frau in Prishtina im Kosovo lebt, einem Land in dem es trotz der Unabhängigkeit, Misswirtschaft und Korruption blüht und immer noch grosse Armut herrscht. Destan ist gutmütig und verzichtet auch mal auf das Fahrgeld, wenn er spürt, dass sein Fahrgast wenig Geld besitzt.

Mamadou ist Taxifahrer in Dakar, der Hauptstadt Senegals. Er lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in ärmlichen Verhälnissen am Stadtrand und plaudert gerne mit seinen Fahrgästen über die Vorteile einer Zweitfrau. Sein ganzer Stolz ist sein Fahrzeug.

Tony lebt in Bangkok und fährt 6 Tage in der Woche zehn Stunden Taxe. Meistens chauffiert er Rotlichttouristen, denen er erklärt dass eine Strassenseite für Ladyboys reserviert ist und die andere Seite für echte Ladys.

Sergio lebt in der Wüste von Texas in El Paso, direkt an der mexikanischen Grenze. Fast ausschliesslich macht er Grenzfahrten nach Juarez, ein Ort mit einer hohen Kriminalitätsrate. Eine seiner Fahrgäste, die sich in den USA keine Krankenversicherung leisten kann, lässt sich dort ihren Magen verkleinern, weil sie ein kleines Kind hat und durch ihr ungesundes Körpergewicht beweglich eingeschränkt ist und mit ihrem Kind nicht so herumtollen kann, wie sie es möchte. Und dann lernen wir noch Bambi kennen, die Berliner Taxifahrerin, die mit ihrer Dogge zusammenlebt und die nur des nachts unterwegs ist und meistens Nachtschwärmer in die verschiedensten Clubs kutschiert. Ein Fahrgast, kommt nur nach Berlin, um ins Berghain zu gehen. Zwei Lesben, die sich auf Facebook kennengelernt haben, bitten sie um ihre Telefonnummer.

Quer über den Globus hinweg, erfahren wir Alltägliches, Banales, Politisches und Privates, Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Obwohl jeder der Fahrer eine indviduelle Persönlichkeit ist, haben sie eins gemeinsam: Bevor sie ihre Tour antreten, wird die „Droschke“ geputzt und gewienert. Auf kurzweilige Art taucht man ein in verschiedene Kulturen dieser Welt. Und wenn man in ruhigen Momenten aus dem Fenster schaut, ist es fast so, als ob man selber durch die unterschiedlichsten Orte reist.

WORLD TAXI wurde auf dem South Texas Iternatonal Film Festival 2019 und dem Open Window Film Festival Kolkata 2019 als Bester Dokumentarfilm ausgezeichnet. Ein besonderer Dank des Regisseurs geht an Jim Jarmusch für seinen Spielfilm NIGHT ON EARTH.

I AM NOT YOUR NEGRO (Anlässlich des gewaltsamen Todes von George Floyd jetzt im SALZGEBERCLUB)

James Baldwin (1924 – 1987)

Zum gewaltsamen Tod des US – Amerikaners George Floyd zeigt der SALZGEBER CLUB als Video on Demand den Dokumentarfilm I AM NOT YOUR NEGRO des Haitianers Raoul Peck aus dem Jahr 2016. Er greift das letzte, unvollendete Manuskript „Remember This House“ des Autors James Baldwin auf, das eine biografische Auseinandersetzung mit den Rassenverhältnissen in den USA werden sollte. Der Film identifiziert Parallelen zwischen schwarzer Protestbewegung in den 1960ern und der Black-Lives-Matterbewegung heute. Für Black-Lives-Matter-Aktivisten ist Baldwin „der wahre Vater und Prophet“ der Bewegung. Nominiert für den Oscar im Jahr 2017. Er wurde weltweit ausgestrahlt und von Kritikern und Publikum hoch gelobt.

Das Buch sollte eine persönliche Auseinandersetzung mit den Biografien seiner drei engen Freunde, den Bürgerrechtlern Martin Luther King, Malcolm X und Medgar Evers werden. Alle drei wurden Opfer eines Attentats. Nicht einer von ihnen wurde 40 Jahre alt. Peck arbeitet dieses Material in seinem Dokumentarfilm auf und verwendet dafür vornehmlich die originalen Worte Baldwins, die Ausschnitte aus dem Manuskript werden dabei von dem Schauspieler Samuel L. Jackson vorgelesen. (In der deutschen Synchronisation von Samy Deluxe).

Dazu kommen zahlreiche Aufnahmen von öffentlichen Auftritten des Schriftstellers im Fernsehen und auf Bürgerrechtsveranstaltungen sowie Ausschnitte aus den Hollywood – Filmen, die ihn inspirierten und antrieben.“ 1948-1952 verlässt er die USA wegen der anhaltenden Unterdrückung und Ausgrenzung von Afroamerikanern. Er zieht nach Paris in der Hoffnung auf ein gerechteres Leben. Er kehrt zurück, um die schwarze Community in ihrem Kampf für Gerechtigkeit und Anerkennung zu unterstützen.

„I Am Not Your Negro“ ist auch eine Reflektion über sein eigenes, schmerzhaftes Leben als Schwarzer in den USA, mit der bedauerlichen Schlussfolgerung, dass sich in den vergangenen 50 Jahren viel zu wenig verändert hat. Absolut sehenswert.

MONOS – ZWISCHEN HIMMEL UND HÖLLE Start: 4.6. in den deutschen Kinos

Der ursprüngliche Kinostart von MONOS – ZWISCHEN HIMMEL UND HÖLLE war der 2. April 2020. Nun gehört er zu den ersten Filmen, die ab 4. Juni in Deutschland in den wieder eröffneten Kinos zu sehen ist. In Berlin, in einem der Freilichtkinos.

Irgendwo in den Bergen Lateinamerikas absolvieren eine Gruppe von acht jugendlichen Rebellen ihre paramilitärischen Übungen, um sich auf einen Krieg vorzubereiten. Sie nennen sich Rambo, Bigfoot, Schlumpf, Wolf, Bum-Bum und Lady. Zu ihren Aufgaben gehört es, eine verschleppte US- Ärztin zu bewachen, genannt „Doctora“ (Julianne Nicholson) und auf eine Kuh mit dem Namen Shakira aufzupassen, die ihnen ein kleinwüchsiger Kommandant vorbeigebracht hat. Wenn sie das Tier nicht regelmässig melken, explodiert es. Die jugendlichen, fast noch Kinder, jeglicher Zivilisation fern, nennen sich „Monos“ = „Affen“ und sind unfähig, auf „normale“ Art und Weise miteinander zu kommunizieren. Als die Kuh versehentlich durch eine Kugel getötet wird, schwärzt sich die Gruppe gegenseitig an, bis einer von ihnen die Verantwortung übernimmt und sich selbst erschiesst. Einen Zusammenhalt untereinander sucht man vergeblich.

Ein Angriff aus dem Hinterhalt, treibt die Guerillas von den Bergen in den tiefen Dschungel. Als es der Geisel gelingt zu fliehen, zerfällt die Gruppe gänzlich in Einzelteile und wird von dem äusserlichen Druck zerstört.

Der mittlerweile dritte Langfilm des Regisseurs Alejandro Landes, der in Ecuador und Kolumbien aufgewachsen ist, lehnt sich lose an den Roman „Der Herr der Fliegen“ von William Golding an und die Sequenzen im Dschungel erinnern an Francis Ford Coppolas Kriegsdrama „APOCALYPSE NOW.

Leicht verdaulich ist dieser Film nicht. Wenn man sich aber auf den Film einlässt, kann man sich der beklemmenden Schonungslosigkeit nicht entziehen. Die Schönheit seiner Bildsprache in Verbindung mit der Filmmusik des Komponisten Mica Levi entwickeln einen merkwürdig mediativen Sog. Die jungen Rebellen, die fast ausnahmslos zum ersten Mal vor einer Kamera standen, sorgen für eine grossartige Authentizität. In Sundance gewann Landes den Special Jury Award.

Kolumbien 2019. 102 Min. Darsteller: Sofia Buenaventura, Julianne Nicholson, Julián Giraldo, Deiby Rueda, Karen Quintero.

100 TAGE, GENOSSE SOLDAT! Spielfilm, UdSSR 1990 (Vom 28.5.-24.6. exklusiv im SALZGEBER CLUB als Video-on Demand)

Für seinen Film 100 TAGE, GENOSSE SOLDAT!, liess sich Regisseur Hussein Erkenov von einer Erzählung des russischen Schriftstellers Juri Poljakov inspirieren.

Eine Kaserne irgendwo in der ehemaligen Sowjetunion. Die jungen Gardisten werden schnungslos, bis zum Rande der Erschöpfung für den Kriegseinsatz gedrillt. Besonders fünf junge Soldaten rebellieren auf ihre Weise gegen die Demütigungen, denen sie ausgesetzt sind, obwohl sie ahnen, dass ihr Kampf vergeblich sein wird. Eine gnadenlose Tristesse liegt über dem Geschehen, aufgelockert von Momenten der Vertrautheit und Nähe untereinander, wie das gegenseitige Einseifen ihrer nackten Körper.

Die bitterböse Schilderung der militärischen Gängelung, die bis zur Zerstörung der eigenen Persönlichkeit führt, beginnt mit einem Psalm: „Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch – der Leute Spott und verachtet vom Volk“.

Ein Narrativ findet man hier nicht. Stattdessen sprechen die aufwühlenden Bilder des Kameramanns Vladislav Menshikov mehr als alle Worte, über den Seelenzustand der jungen Protagonisten. Bilder, die einer Traumvision ähneln und doch gleichzeitig realistisch sind. Besonders dann, wenn die Kamera nah an den Gesichtern ist und die Verständnislosigkeit einfängt, die das Geschehen, dem die jungen Soldaten ausgeliefert sind, wiederspiegelt.

Fast gespenstisch mutet es an, wenn im Speisesaal eine Totenstille herrscht, bis auf das Kratzen der Löffel in ihren Blechnäpfen. Erklärt wird hier nichts. Die Bilder sprechen für sich. Auch der Grund des Todes zweier Kameraden bleibt vage und mysteriös.Die Musik von Johann Sebastian Bach unterstreicht ihre Vereinsamung, ihre Todesangst und ihre Sehnsucht nach einem sinnvollen Leben, fern von unmenschlichen Gewaltstrukturen.

Laufzeit: 67 Minuten. gezeigt wird der Film in russischer originalfassung mit deutschen Untertiteln.