ÜBER DIE UNENDLICHKEIT Kinostart: 17.9.2020

„ÜBER DIE UNENDLICHKEIT ist, sagt Roy Andersson, von der Rahmenhandlung von „Tausendundeine Nacht“ inspiriert, eine Sammlung von Erzählungen, die die jungfräuliche Braut Scheherazade ihrem Mann, dem König, Nacht für Nacht erzählt.“

Sanft erklingt die Stimme einer Erzählerin aus dem Off. Sie leitet die Szenen ein, die der Zuschauer gleich auf der Leinwand sieht.

Ich sah eine Frau mit einem Kinderwagen. Ihre Schuhe machen ihr Probleme. Die Absätze sind angebrochen. Barfuß geht sie weiter. Ein Mann schaut ihr wortlos hinterher.

Ein Mann sitzt im Bahnhof und spielt auf seinem Instrument „It`s now or never“. Er hat beide Beine im Krieg verloren. Die Leute gehen achtlos an ihm vorbei.

Ein Mann weint in einem Bus. Die Fahrgäste diskutieren, ob man in der Öffentlichkeit weinen darf.

Weiter erzählt die sanfte Stimme. Ich sah einen Mann, der die Welt erobern wollte und begriff, dass er gescheitert ist. Drei Nazis hängen besoffen im Führerbunker herum. Als Hitler den Raum betritt, stammeln sie ein klägliches „Sieg Heil“.

In einer Markthalle. Ein Mann schlägt seine Frau. Kunden greifen ein. Er: „Du weisst doch, ich liebe dich“. Sie: Ich weiss Liebling, ich weiss.

Ich sah einen Mann, der die Ehre seiner Familie retten wollte und es später bereute Schluchzend hält er eine Frau im Arm. Sie ist tot. Er hat sie erstochen.

Nur einige Beispiele von etwa zwei Dutzend minimalistisch komponierten Szenen, Andersson nennt sie Stand-Alone-Sequenzen, in denen er auf die menschliche Existenz blickt. Er hat eine Erzählweise kreiert, die fast frei von klassischer Narration ist. Einige seiner Themen kennt man schon aus vorherigen Filmen, wie „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“, 2014 beim Festival in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet oder „Das jüngste Gewitter“, 2007. Hoffnung, aber auch Krieg und Verzweiflung und die Abwesenheit von Gott, sind Dinge die ihn beschäftigen.

Als Werbefilmer hat Andersson sehr viel Geld verdient, was ihm ermöglicht hat, ein eigenes Studio zu bauen, indem er seine beindruckenden, eigenwillig komponierten Sets aufbaut, in die er seine blass geschminkten Figuren setzt. Hier kann er seinen individuellen Stil konsequent umsetzen, der ihn weltberühmt gemacht hat. Jedes seiner melancholischen Bilder wird in der Totalen mit einer statischen Kamera aufgenommen.

Am liebsten würde man den Film anhalten und ein Foto nach dem anderen schiessen und sie in einer Fotogalerie verewigen.

Sein Hauptthema ist die Verletzlichkeit des Menschen. Wenn man sich derer bewusst ist, geht man sorgfältiger mit dem um, was man hat. Er ist davon überzeugt, wenn man die Schönheit des Lebens betont, muss man die schlechten und grausamen Seiten des Lebens zeigen, in dem man den Gegensatz zeigt. Diesen Gegensatz sieht man in seiner Szene mit dem fliegenden Paar. Wir sehen das Modell der zerbombten Stadt Köln, die einmal schön gewesen ist. Darüber schwebt ein Liebespaar. Ein Zeichen, dass das Leben weitergeht. Liebe, Zärtlichkeit und Sinnlichkeit gehen nicht verloren.

Drei Mädchen tanzen auf der Strasse vor einem Café. Drei Studenten klatschen Beifall.

Anderssons ausgewählte Alltagsszenen sind nicht nur absurd, sondern auch poetisch, melancholisch und traurig wie auch amüsant, geprägt von der Weisheit des Alters. Der Mann ist 77.

Es ist sein sechster Langfilm, für den er im letzten Jahr in Venedig den Regiepreis bekommen hat. Mit Spannung warte ich auf sein nächstes Werk.

(Spielfilm, Schweden, Deutschland, Norwegen 2019, 78 Minuten) Kamera: Gergely Pálos.

DIE EPOCHE DES MENSCHEN: DAS ANTHROPZÄN Kinostart: 10.9. 2020

Zwei Filmemacher und eine Filmmacherin (Jennifer Baichwal, Nicolas de Pencier, Edward Burtynsky) haben in mehr als drei Jahren in 20 Ländern auf 6 Kontinenten: Australien, Chile, China, Deutschland, Frankreich, Ghana, Großbritanien, Indien, Indonesien, Italien, Kanada, Kenia,, Malaysia, Nigeria, Norwegen, Russland, in der Schweiz, in Spanien, Südafrika und in den USA gedreht. Sie zeigen uns beeindruckende Bilder, die auf provokante und unvergessliche Weise zeigen, was der Mensch auf seinem Planeten anrichtet. Die Auswirkungen dieses verheerenden

Raubbaus sind längst bekannt, teilweise bedingt durch den Klimwandel. Sie reichen von Regenwaldabholzungen, Ausrottung von Tierarten, Hungersnöten, bis hin zum Anstieg des Meeresspiegels.

Gleich zu Beginn des Films sieht man ein lodernes Flammenmeer, aufgenommen im Nairobi National Park. Dort wird das beschlagnahmte Elfenbein von 10.000 Elefanten zu riesigen Haufen aufgeschichtet und verbrannt. Es hat einen Schwarzmarktwert von 150 Millionen Dollar. So versucht man den Wilderern und Hehlern ihre illegale Geschäftemacherei zu zerstören.

In der Atacama – Wüste in Chile geht um Lithium, ohne das keine E – Autobatterie und kein Smartphone hergestellt werden könnte.Es wird in riesigen Verdunstungsbecken gewonnen und landet schließlich in einer Fabrik wie der des US – Autobauers GM im US – Bundesstaat Michigan.

Nach dem Vorschlag der „Anthopocene Working Group“ sollte unser Erdzeitalter Anthropozän genannt werden. Ein Namensvorschlag für das Erdzeitalter, in dem der Mensch für die geologischen Veränderungen des Planeten verantwortlich ist. Dazu gehört die Umformung der Oberfläche durch landwirtschaftliche Nutzung, Industralisierung und Verstädterung, Ressourcenabbau und der Vortrieb von Tunneln, die Verlagerung von Sedimenten, der Bau immer weiterer Staudämme, das Absinken des Grundwasserspiegels und die vom Menschen verursachte Zunahme von Kohlenstoff, Stickstoff und Phosphor in den Böden. Über die Namensgebung sind sich die Wissenschaftler noch nicht einig.

Fünf Massenaussterbungen hat die Erde schon hinter sich. Eine nächste, vom Menschen direkt verursachte, steht uns womöglich bevor.

Ob die Menschheit noch eine lebenswerte Zukunft hat, liegt in unser – aller – Hand.

Die Aufnahmen dieser wachrüttelnden Dokumentation sind fantastisch und muten teilweise fast surreal an, dass man mehr staunt als betroffen zu sein. Die einzelnen Sequenzen werden von Hannes Jaenicke mit entsprechenden Kommentaren verbunden. Insgesamt eine bildgewaltiges Werk, das, wenn man die Bilder verarbeitet hat, sehr nachdenklich stimmt. Unsere Welt ist schön.Und doch auch bedroht und zerbrechlich. Nicht nur zu Lande, auch in den Meeren.

CHICHINETTE – WIE ICH ZUFÄLLIG SPIONIN WURDE KINOSTART: 17.9. 2020 (Dokumentarfilm)

Erst im Alter von über 90 Jahren erzählt Marthe Hoffnung Kohn (Geboren 1920 in Metz, Frankreich, Lothringen) zum ersten Mal ihre beeindruckende Lebensgeschichte. Ihr langes Schweigen beruht auf der Tatsache, dass niemand sie gefragt hat. Niemand wollte über den Krieg reden.

Als französische Jüdin floh sie vor den Nazis, überlebte und meldete sich später, nach der Befreiung von Paris als Freiwillige bei der französischen Armee und wurde Spionin. Ihr Spitzname: „Chichinette“ (Kleine Nervensäge).

Marthe wächst in einer orthodox jüdischen Großfamilie in Metz auf. 1939 flieht sie mit ihrer Familie von Metz nach Potiers. 1940 besesetzte Deutschland einen Teil Frankreichs, deutsche Geschäfte wurden enteignet. Marthe und ihre Schwester Stephanie , die Medizin studierte, mußten ihren Großhandel aufgeben. Sie durften kein Telefon und Radio mehr haben und mußten kurze Zeit später den Judenstern tragen. 1942 flüchtete sie über die Demarkationslinie nach Marseille. In dieser Zeit wird ihr Verlobter Jaques, der sich einer Widerstandsgruppe angeschlossen hat, von den Nazis erschossen. Ihre Schwester wurde deportiert. Kommilitonen hatten ihre Flucht vorbereitet, Stephanie lehnte mit den Worten „Wenn ich flüchte werdet ihr alle verhaftet“, ab. Überall hingen Plakate, auf denen die Deutschen 25.000 Franc jedem Denunzianten versprachen.

In Marseille besuchte Marthe die Schwesternschule des Roten Kreuz. Trotz ihres Schmerzes hat sie alle Prüfungen bestanden.

August 1944. Paris wurde befreit. Marthe wollte sofort in die Armee eintreten, doch ihr Pass war gefälscht. Es war Jaques Mutter, die sich persönlich bei Charles de Gaulle für sie einsetzt. Sie wurde dem Infanterie – Régiment 151 zum Sozialdienst abgeordert. Da sie sehr gut Deutsch spricht, wechselte sie zum Geheimdienst und wurde einer intensiven Ausbildung unterzogen und mußte sich eine neue Identität zulegen. Sie nannte sich Martha Ulrich. Es gelang ihr, sich in Deutschland einzuschmuggeln. Die Angst aufzufliegen, war ihr ständiger Begleiter. Durch ihre Investigationen über deutsche Truppenbewegungen hilft Marthe, den Krieg zu verkürzen. Nach Kriegsende arbeitet sie für die französische Militärregierung in Lindau. Zum ersten Mal in ihrem Leben sah sie Menschen, die bis zum Skelett abgemagert waren und zum ersten Mal hörte sie von Konzentrationslagern. Mit ihrem Charme und ihrer inszenierten Unbedarftheit , erreichte sie mehr, als von ihr erwartet wurde.

Noch immer leuchtet der Schalk in ihren Augen, wenn sie heute davon erzählt. Zig Auszeichnungen nennt sie ihr eigen.

Mitte der 50er Jahre lernt sie in Genf den angehenden Mediziner Major L. Cohn kennen. Das Paar zieht 1956 in die USA. !958 heiraten sie und bekommen zwei Kinder. 6O Jahre schweigt sie über ihre Vergangenheit. Nicht mal ihr Mann wusste bis zu dem Tag, an dem sie ihre Koffer packten und sich von L.A. auf die Reise nach Europa machten, wo sie die Stationen ihres Lebenswegs während des Krieges, chronologisch besuchen. Voller Stolz war er dabei, als sie im Jahr 2000 mit der französischen „Medaille Militaire“ ausgezeichnet wurde, die sie an ihre damalige Einheit weiter gab.

Marthe hat ihre Geschichte zur Lebensaufgabe gemacht. Diese kleine gebeugte Gestalt brilliert noch immer mit ihrem Humor, ihrer Direktheit und Schlagfertigkeit. Sie weiss, dass ihre persönliche Erzählung das Publikum berührt und zumNachdenken anregt. Sie ist eine der letzten Zeitzeuginnen.

„Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde“ erzählt in atmosphärischen, teils animierten Bildern, einen beeindruckenden Lebensweg und beobachtet Marthe heute, wie sie liebevoll von ihrem Mann unterstützt, mit einem fast jugendlichem Eifer, die Welt bereist, um ihre Geschichte mit der jungen Generation zu teilen. „Engagiert euch und führt keine Befehle aus, die nicht mit eurem Gewissen vereinbar sind“. Viel Zeit bleibt ihr nicht. Chapeau.

Buch und Regie: Nicola Alice Hens Recherche: Mai 2015 Dreh in Frankreich, UK, USA:

Januar 2016 – September 2017 Fertigstellung: Frühjahr 2019

DREI TAGE UND EIN LEBEN (Ein Krimi-Drama über Schuld und ihre Vergänglichkeit) Kinostart: 3.9. 2020

In einem kleinen Dorf in den Ardennen, nahe am Waldrand, lebt der 12-jährige Antoine (Jérémy Senez) mit seiner Mutter (Sandrine Bonaire).1999. Die Schüler haben Weihnachtsferien und Antoine vertreibt sich die Zeit mit Èmilie, der Nachbarstochter von nebenan und ihrem sechsjährigen Bruder Rémi (Léo Lévy). Meistens treffen sie sich in Antoines selbst gebauter Hütte im Wald. Niemand ahnt, dass Antoine in das Mädchen verliebt ist. Nicht mal Èmilie hat die leiseste Ahnung. Als Antoine beobachtet wie sie einen Jungen küsst, rennt er enttäuscht nach Hause. Schon am Tag zuvor hat sich ein tragischer Unglücksfall ereignet. Als Antoine aus versehen einen Ball auf die Strasse wirft, rennt Rémis Hund hinterher und kommt unter ein Auto.Émilies Vater erschiesst den schwer verletzten Hund, um ihn von seinen Qualen zu erlösen. Antoine fühlt sich schuldig. Er muss erst einmal zur Ruhe kommen und das kann er am besten in seiner Hütte im Wald, die er aber voller Trauer und Wut kurz und klein schlägt. Wie schon so oft, der kleine Rémis läuft ihm hinterher. Eine Verkettung tragischer Umstände verändern Antoines Leben, ab dem Moment, für immer. Als Rémis nicht nach Hause kommt, machen sich die Dorfbewohner auf die Suche. Nur der Zuschauer und Antoine wissen, was wirklich passiert ist. Durch einen Jahrhundertsturm, der über das Dorf hinwegfegt und den Wald verwüstet, muss die Suche abgebrochen werden. Antoine hat die Suche heimlich beobachtet. Den Kindern wurde verboten, daran teilzunehmen. Die Kamera bleibt nah bei dem Jungen. Es schnürt einem fast den Hals zu, seine Panik und seine Angst vor der Wahrheit in seinem Gesichtsausdruck mitzuerleben. Nicht nur er, auch die Dorfbewohner sind verzweifelt. Sie erinnern sich an die Taten des belgischen Mörders und Sexualstraftäters Marc Dutroux, der 1996 festgenommen wurde und fürchten einen Nachahmer. Wie lange hält der Junge sein Schweigen noch aus?

Als er fünfzehn Jahre später, wieder in der Weihnachtszeit, nach der Beendigung seines Medizinstudiums zurückkehrt, haben Waldarbeiter damit begonnen, die damaligen Sturmschäden zu beseitigen. Jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis Antoines Geheimnis entdeckt wird.

DREI TAGEUND EIN LEBEN beruht auf dem gleichnamigen Roman des mit dem französischen Literaturpreis ausgezeichneten Autors Pierre Lemaitre, der auch das Drehbuch zu diesem Film schrieb.

Regisseur Nicolas Boukhrief hat das Drama atmosphärisch dicht und spannend inszeniert, bis hin zu den gegenseitigen Verdächtigungen der Dorfgemeinschaft.

Herausragend, der junge Jérémy Senez in der Rolle Antoines, der seine innere Zerrissenheit unglaublich berührend spielt.

Länge: 120 Minuten In weiteren Rollen: Pablo Pauly, Charles Berling, Philippe Torreton, Margot Bancilhon, Arben Bajraktaraj.

DER FLÜSSIGE SPIEGEL (OT: Vif-ARGENT) Les Fiches du Cinéma: „Ein moderner Orpheus balanciert auf dem dünnen Seil des fantastischen Realismus,ohne jemals zu fallen. Ein aufregender Debüt-Film“. Kinostart: 3.9.2020

Stéphane Batuts poetisches Fantasy- Märchen „Der flüssige Spiegel“ erinnert an Wim Wenders Film „Der Himmel über Berlin“. Ein für die Menschen unsichtbarer Engel verliebt sich in eine Trapezkünstlerin und bittet darum, seine Unsterblichkeit aufzugeben, um nochmal als Mensch auf die Erde zu kommen.

Juste (Thimotée Robart) streift fast unbemerkt durch die Strassen von Paris. Menschen, die ihn sehen können, bittet er, ihm eine Erinnerung an ihr Leben zu erzählen, dann begleitet er sie auf ihrem letzten Weg.

Als er nach einem Sturz in ein Krankenhaus eingeliefert wird und er nach seinen Personalien befragt wird, kann er sich an nichts erinnern. Er hat nur einen Wunsch, er möchte wieder „normal“ sein und nicht als Geist umherirren. Als er einen Bus verlässt, folgt ihm eine junge Frau. Die Ähnlichkeit mit Guillaumes, ihrer ersten großen Liebe ist verblüffend. Vor einigen Jahren haben sie sich in den Ferien getroffen. Es folgten noch einige Postkarten, dann war er aus ihrem Leben verschwunden. Eine dunkle Ahnung keimt in Juste auf. Agatha (Judith Chemla) hat sich in ihn verliebt, als er noch ein Mensch war. Er weiß, wenn sie ihn sehen kann, muss er sie nach ihrer Erinnerung befragen und sie danach in eine andere Welt begleiten. Sein Schicksal nimmt eine ungeahnte Wendung. Dass er in Agathes Erinnerung ist, darauf hat man ihn nicht vorbereitet. Darf er sich in sie verlieben? Juste wurde zu einem letzten Begleiter für die Verstorbenen, weil er keine Erinnerung an sein Leben erzählen konnte. Ohne Erinnerung, kann er die Welt nicht endgültig verlassen.

Juste bewegt sich zwischen Leben und Tod. Eben noch steht er vor einem verbrannten Motorrad und etwas später begleitet er das Unfallopfer durch eine Schneelandschaft und lässt sich dessen letzte Erinnerung erzählen.

Die Einheit zwischen Ort und Zeit bleibt verwischt. So auch in den wunderschön fotografierten Liebesszenen zwischen ihm und Agatha. Bei ihrem ersten Sex ist er noch physisch anwesend, etwas später berührt er sie als Geist, was Agatha in einem erotischen Traum spürt. Es sind die melodramatischsten Szenen in diesem Film. Frei von jeglicher Schwülstigkeit, reicht ihre Liebe weit über den Tod hinaus, gezeichnet von einer betörenden Poesie.

Le Figaro: „Auch Geister haben ein Recht darauf, geliebt zu werden“.

„Der flüssige Spiegel“ ist Stéphane Batuts erster Langfilm und Thimotée Robarts erste Langfilmrolle. Agatha, die fragile und sensible junge Frau und Juste, beide auf der Suche nach der verlorenen Zeit, überzeugen als Paar.

Die Vorstellung, da ist jemand, der uns beim Übergang vom Diesseits ins Jenseits an die Hand nimmt und uns beim Hinübergleiten beiseite steht, ist fast zu schön, um wahr zu sein.

Länge: 104 Minuten.

STILL HERE Kinostart: 27.8. 2020 (Ein Vater auf der Suche nach seiner vermissten Tochter)

Mit Hilfe eines Journalisten sucht ein afroamerikanischer Familienvater nach seiner verschwundenen Tochter.

Seit über zwei Wochen ist die zehnjährige Monique Watson nun schon verschwunden. Routinemässig hat die Polizei die Nachbarn befragt. Niemand hat das Mädchen gesehen. Laut Statistik werden in den USA eine halbe Million Kinder und Jugendliche vermisst. Die meisten Fälle bleiben ungeklärt, das öffentliche Interesse ist gering. Erst recht, wenn man so wie die FamilieWatson, in einem New Yorker Viertel wohnt, in dem überwiegend Schwarze leben. Jeden Tag läuft Michael Watson das Viertel ab, klebt Plakate mit dem Foto seiner Tochter, verteilt unermüdlich Handzettel, klingelt an den Türen und stellt immer dieselbe verzweifelte Frage, ob jemand sein Kind gesehen hat. Von der Polizei und den Medien im Stich gelassen, ist die Familie allein mit ihrem Schmerz. In seiner Hilflosigkeit besucht er eine Selbsthilfegruppe aber vor lauter Wut und Schmerz, kriegt er kaum ein Wort heraus. Ihm ist klar, dass er in diesem Land ein Bürger zweiter Klasse ist. Seine Frau Tiffany (Afton Williamson) und sein Sohn Andre (Jared Kemp) verbringen die meiste Zeit des Tages vor ihrem Hausaltar und beten inbrünstig.

Ein weisser Journalist vom „The Chronicle“, Christian Baker (Johnny Whitworth) hat beschlossen, sich um den Fall zu kümmern. Als er vor Michaels Tür steht, wirft er ihn hinaus. Er glaubt einfach nicht mehr daran, dass ihm jemand Hilfe anbietet und doch wieder nur leere Versprechungen macht. Baker bleibt stur und setzt mit seinen Recherchen die Behörden unter Druck. Um nicht als tatenlos dazustehen, knöpft sich die Polizei ein Schwarzen vor, den sie unbedingt als Täter vorführen wollen. Bei dem brutalen Verhörmethoden, stammelt er unter Tränen immer wieder, dass er unschuldig ist. Auf der Toilette bringt er sich um. Wieder ein erschütterndes Beispiel dafür, wie rassistische Vorurteile in den Köpfen der amerikanischen Polizei herumspuken. Für Baker die perfekte Story, um Schlagzeilen zu machen und eine willkommene Abwechslung zu seiner sonstigen drögen Arbeit. Er zeigt zwar Engagement, kann aber die traurigen Lebensumstände der afroamerikanischn Community nicht wirklich verstehen, zeigt sich aber geläutert. Auch die beiden Polizisten (Jeremy Holm, Danny Johnson), wobei einer von ihnen ein Schwarzer ist, erwiedert die Unschuldsbeteuerungen des Suizidopfers, mit dem Satz: „Ich bin doch nicht dein Bruder“. Später haben auch sie dumpf begriffen, Fehler gemacht zu haben. Ein klitzekleiner Hoffnungsschimmer den Regisseur Vlad Feier uns da serviert.

Maurice Mc Rae, in der Rolle des gebrochenen Vaters, liefert ein zu tiefst berührendes Schauspiel. Es sind die bewegendsten Momente in diesem Film.

CORPUS CHRISTI (Inspiriert von wahren Ereignissen) Regulärer Kinostart: 3.September 2020. Der Film läuft in Berlin auf der Polnischen Filmwoche 27.8. – 2.9.

CORPUS CHRISTI ist die Geschichte des 20-jährigen Daniel, der während seines Aufenthalts in einem polnischen Jugendgefängnis eine spirituelle Transformation erfährt. Er verursachte anscheinend den Tod eines Menschen. Im Knast trifft er auf einen Seelsorger, bei dessen Gottesdiensten er sein Ministrant ist und mit glockenheller Stimme er den Psalm 23 singt. Er möchte Priester werden. Das ist jedoch auf grund seiner Vorstrafen unmöglich.

Nach seiner Entlassung wird er nach Ostpolen auf`s Land geschickt, wo er sich in einem Sägewerk bewähren soll. Unterwegs dorthin trifft er eine junge Frau, der er scherzhaft erzählt, dass er Priester sei. Es fügt sich, dass er die Stelle eines erkrankten Pfarrers übernimmt, was sich als Glücksfall entwickelt. Es ist anscheinend sehr einfach, eine kleine Gemeinde auszutricksen, die nicht viele Fragen stellt. Daniel kann viel von dem Gefängnisgeistlichen übernehmen und zu seinem eigen machen. Sein unorthodoxes und unkonventionelles Auftreten kommt bei der Gemeinde gut an und setzt einen Versöhnungsprozess in Gang.

Mitten im Dorf befindet sich eine Wand mit Fotos von jungen Menschen, die bei einem Verkehrsunfall verunglückt sind. Täglich treffen sich die Angehörigen dort zum gemeinsamen Gedenken. Das Bild des Mannes, der den Unfall verursacht hat fehlt. Auch die Witwe des angeblich Schuldigen, wurde ausgestossen. Die Gemeinde weigert sich, den Mann kirchlich beizusetzen. Daniel versucht zusammen mit der Schwester eines Opfers, die Trauernden umzustimmen.

Er nimmt seine Aufgabe sehr ernst. Als er sich auf die Grundsätze des Glaubens beruft, stellt er jedoch fest, dass die Prinzipien der Liebe und der Vergebung vor anderen starken Gefühlen weichen müssen.

Basierend auf wahren Begebenheiten erzählt Regisseur Jan Komasa diese Geschichte frei von Pathos, vermeidet Schuldzuweisungen und Abwertungen. Sein Film ist minimalistisch gestaltet. Die Farbgebung wirkt kalt und auf Musik hat er verzichtet. Unter der bewußt gewählten Schlichtheit verbirgt sich ein verflochtenes Drama über existentielle Fragen von Macht, Moral und Vergebung.

In der Rolle des Daniel überzeugt Bartosz Bielenia mit seinem sensationell facettenreichem Spiel. Er war Shooting Star der 70. Berlinale.

Eine bessere Resozialisierung kann vom weltlichen her gesehen, kaum stattfinden. Mit wahrlicher Vergebung, macht es sich die Kirche dann doch schwer. Auch wenn das Ende von unverhoffter Gewalttätigkeit geprägt ist, bleibt doch ein Funke Hoffnung.

CORPUS CHRISTI wurde 2020 in der Kategorie Bester Internationaler Film für den Oscar nominiert.

In weiteren Rollen: Eliza Rycembel, Aleksandra Konieczna, Thomasz Zietek, Leszek Lichota, Lukasz Simlat. Laufzeit: 116 Minuten.

THE CLIMB Kinostart: 20.8.2020 (Eine wahre Indieperle)

Kyle (Kyle Marvin) und Mike (Michael Angelo Covino) sind nicht nur im Film „Best Buddy`s, sondern auch im wahren Leben. Gemeinsam haben sie das Drehbuch geschrieben. Der gutmütige Kyle begleitet seinen Freund Mike auf einer Radtour in Frankreich. Die Landstrasse führt bergauf. Der sportliche Mike gibt das Tempo an und Kyle keucht hinterher. Auch wenn es für ihn anstrengend ist, so kann er noch für seine bevorstehende Hochzeit mit Freundin Ava (Judith Godrèche), seinen Körper in Form bringen. Kurz vor ihrem Ziel, platzt es aus Mike heraus: „Ich habe mit Ava geschlafen“. Das er schon seit langem ein Verhältnismit ihr hat, verschweigt er noch. Kyle ist am Boden zerstört. Es kommt zu einem Streit. Die Auseinandersetzung eskaliert. Der Streit nimmt ein jähes Ende, als ein Autofahrer in seiner „Ente“ die beiden überholt und sie dabei schneidet. Mike rastet aus, beschimpft den Fahrer, der schimpft zurück, Mike landet im Krankenhaus. Ernsthafte Verletzungen hat er nicht davongetragen. Ava, die im Krankenhaus auftaucht , ist beruhigt. Das wird im Kapitel 1 erzählt.

Es folgen noch weitere 6 Kapitel. Egal, was passiert, die beiden können nicht ohne einander. Sie werden gemeinsam an Avas Beerdigung teilnehmen, gemeinsam in den Skiurlaub fahren, Mike wird alles dran setzen, Kyles Hochzeit mit einer neuen Frau zu verhindern, seinen Junggesellenabschied zu feiern, Hochzeit und Thanksgiving ist auch nicht denkbar ohne den anderen.

Basierend auf seinem gleichnamigen Kurzfilm von 2018 erzählt der US-amerikanische Regisseur, Autor und Hauptdarsteller Michael Angelo Covino eine Geschichte über eine Männerfreundschaft, dieüber etliche Jahre hinweg von Höhen und Tiefen geprägt ist. Mal melancholisch, mal peinlich und tragisch, meist aber urkomisch. Das liegt nicht nur an dem feinen Gespür für Zwischentöne und Covinos Ader für Selbstironie, sondern auch an den humorvollen absurden Konstellationen und köstlichen Dialogen. Liebevoll ausgesuchte französische Chansons, geben der Freundschaftsgeschichte noch einen Extra- Drive. Es macht Spaß, den beiden „verrückten“ Männern bei ihrer Berg und Talfahrt des Lebens, zuzuschauen.

„The Climb“ hat beim Filmfestval in Cannes den „Coup de coeur“ (Preis des Herzens) in der Nebensektion „Un certain regard“ gewonnen.

STAGE MOTHER Kinostart: 20.8.2020 8 Eine texanische Kirchenchorleiterin erbt Die Drag-Bar ihres Sohnes und rettet sie vor dem Ruin)

Die Kirchenchorleiterin Maybelline (Jacki Weaver) lebt mit ihrem Mann Jeb (Hugh Thompson) im tiefen Süden der USA. Sie haben sich von ihrem schwulen Sohn Jackie losgesagt. Er passt einfach nicht in ihre konservative Welt.

Auf der Bühne seiner Drag – Bar „Pandoras Box“ in San Francisco bricht er plötzlich zusammen. Weit weg von seinen Eltern hat er sich sein eigenes Leben aufgebaut. Maybelline erfährt von seinem Tod und fliegt gegen den Willen ihres Mannes von Texas nach San Francisco, um von ihrem Sohn Abschied zu nehmen. Während des Trauergottesdienstes kommt sie sich zwischen den schrillen Freunden und Kollegen ihres Sohnes wie ein Fremdkörper vor. Sie zieht sich in ihr Hotelzimmer zurück. Als sie erfährt, dass die Bar ihres Sohnes in finanziellen Schwierigkeiten steckt, verlängert sie ihren Aufenthalt und nimmt das Zepter in die Hand. Und wenn es sein muss, auch gegen den Widerstand von Jackies Lebensgefährten Nathan (Adrian Grenier). Die resolute kleine Person zieht zu einer Freundin ihres Sohnes und fungiert ab und zu als ihre Babysitterin. Erstmal sorgt sie für eine Renovierung des Ladens. Dann bestimmt sie, dass die Drag-Queens selber singen, berät sie bei der Kostümwahl, verteilt sogar selber Handzettel, um für Gäste zu werben. Nach kürzester Zeit fühlt sie sich zwischen Joan of Arkansas, Tequilla Mockingbird und wie sie alle heißen, pudelwohl. Auch Nathan verliert sein ursprüngliches Misstrauen gegen sie.

Maybelline gewinnt Spass daran, ihr Äusseres zu verändern. Sie hat sogar einen seriösen Verehrer gefunden. Freude, Friede, Eierkuchen, in 95 Minuten sind alle Konflikte und Streitereien beseitigt und das ist auch gut so. Es muss nicht immer alles realistisch sein.

Mit Jackie Weaver hat Regisseur Thom Fitzgerald eine Schauspielerin gefunden, der man mit einem Augenzwinkern zuschaut, deren Warmherzigkeit unter die Haut geht und der man es durchaus glaubt, dass sie sich in dieser schwulen Szene wohlfühlt. Vielleicht eine Art Vermächtnis an ihren Sohn. Als Maybelline am Ende die Bühne betritt und in Erinnerung an ihren Sohn zu singen beginnt, hat sie die Herzen der Zuschauer restlos gewonnen. Ein Feel-Good Movie, was seinem Namen alle Ehre macht.

EXIL Kinostart: 20.8. 2020 (Eine beklemmende Chronik zwischen Ausgrenzung und womöglich imaginärer Bedrohung)

Der im Kosovo geborene Pharmaingenieur Xhafer ( Misel Maticevic) lebt mit seiner Frau (Sandra Hüller) und seinen drei Kindern in einer mittelgroßen deutschen Stadt. Er ist, neben der kroatischen Putzfrau, der einzige Mitarbeiter seiner Firma mit ausländischen Wurzeln. Nach und nach beschleicht ihn das Gefühl, an seinem Arbeitsplatz diskriminiert zu werden. Als an seinem Gartenzaun eine tote Ratte hängt, ist für ihn sofort klar, dass können nur seine Kollegen aus der Chemiefabrik gewesen sein. Sie mögen ihn nicht, weil er kein akzentfreies Deutsch spricht und aus dem Kosovo stammt. Einen wirklichen Beweis dafür hat er nicht. Für ihn wird jedes Ereignis, jedes Wort und jede Geste seiner Kollegen zu einem Beweis für seine Vermutung. Ein Gefühl, dass von Tag zu Tag stärker wird. Seine deutsche Frau Nora ist es leid, dass ihr Mann hinter jeder Unliebsamkeit eine Mobbingattacke vermutet. Aber hat er es wirklich mit Rassismus zu tun oder steigert er sich immer mehr in etwas hinein, was aus seiner Überempfindlichkeit resultiert. Unbedachte Äusserungen, abschätzende Blicke und Gesten müssen nicht zwingend rassistisch motiviert sein. Als dann auch noch der Kinderwagen vor seiner Haustür angezündet wird, er seine Frau in Verdacht hat, ihn zu betrügen und er auch nicht zur Geburtstagsfeier seiner Schwiegermuuter gehen will, weil auch sie etwas gegen Ausländer hat, stellt er sich selbst immer mehr ins Abseits.

Sein Verhalten und seine Gefühle nehmen paranoide Züge an. Seine Frau ist seinen ständigen Klagen überdrüssig. „Hast du mal darüber nachgedacht, dass es nicht daran liegt, dass du Ausländer bist, sondern einfach ein Arschloch“ schleudert sie ihm trocken ins Gesicht.

Regisseur und Drehbuchautor Visar Morina beschreibt die Chronik einer schleichenden aber womöglich imaginären Bedrohung. Auch Morina wurde im Kosovo geboren. Er schildert die Ereignisse aus Xhafers Perspektive.

Misel Maticevic spielt ihn als sensiblen Menschen, der sich immer mehr in einen Wahn hineinsteigert und sich nur noch von Feinden umgeben sieht. Bei aller Konzentration auf seine Hauptperson, verliert Morina die Situation der anderen Figuren nicht aus den Augen, zeigt ihre Schwächen und auch Nöte, die wiederum aufdecken, wieso und warum sie sich verhalten, so wie sie es tun. Ihm ist ein kluger, manchmal schwer auszuhaltender Film gelungen. Die Frage, was ist Wahrheit und was ist eigene Wahrnehmung, ob sich das überhaupt trennen lässt, kann auch er nicht beantworten. Ein komplexer Stoff, den er in seinem bewegenden Film verdichtet hat.