MAMMA MIA! HERE WE GO AGAIN START: 19.07.2018

Es passt ja gut, dass MAMMA MIA! HERE WE GO AGAIN  jetzt, wo die vier ABBA – Künstler sich entschlossen haben, im Studio zwei neue Songs aufzunehmen, wovon wohl eine Single „I Still Have Faith in You“ im Dezember TV Premiere feiert, was für die Fans ein weiteres Highlight bedeutet. Ein kleiner Vorgeschmack, Björn und Benny haben es sich nicht nehmen lassen und tauchen auch in HERE WE GO AGAIN kurz auf.

Da es mehr als genug ABBA Songs gibt, hat man sich entschlossen nach 10 Jahren das quietschbunte Musical in die Verlängerung zu schicken und glänzt nun mit Songs, die nicht so bekannt sind, wie die gängigen Ohrwürmer.

Sophie (Amanda Seyfried) will zu Ehren ihrer verstorbenen Mutter Donna, das Hotel auf der Insel Kalokairi in neuem Glanz erstrahlen lassen. Zur Wiedereröffnung sind natürlich ihre drei Väter Pierce Brosnan, Colin Firth und Stellan Skarsgard und Donnas Freundinnen Tanya (Christine Baranski) und Rosie (Julie Walters), die damals in ehrwürdiger Abba – Kluft das Trio Donna and the Dynamos bildeten und frisch fröhlich Abba Songs schmetterten, eingeladen. Besonders Rosie ist noch von Trauer gezeichnet.

Bei den Vorbereitungen geht einiges schief und als auch noch ein Sturm aufkommt, scheint das Fest ins Wasser zu fallen.

Sophie, die ein Baby erwartet, lässt sich von Rosie und Tanya nochmal genau erzählen, wie das damals mit ihrer Mutter und den drei unterschiedlichen Liebhabern war und wie sie überhaupt auf diese Insel kam.

Die junge Donna wird von der bezaubernden Lily James („Die dunkelste Stunde“) gespielt. Köstlich wie sie als Jahrgangsbeste bei ihrer Abschlussrede plötzlich über Tische und Bänke tanzt und  „When I Kissed The Teacher“ singt. Fröhlich teilt sie allen mit, dass sie erst mal was erleben will, ehe der Ernst des Lebens beginnt.

Lily James zuzuschauen macht Spass. Wie ein Wirbelwind singt und tanzt sie durch die Szenerie, lernt Sam, Harry und Bill kennen und landet auf der idyllischen Insel, von der sie nicht mehr weg will.

Der zweite Teil ist etwas lieblos zusammengeschustert. Alle Beteiligten sind älter geworden und der sprühende Elan des ersten Teils ist etwas verloren gegangen. Es ist nicht zu übersehen, dass die „drei Väter“ nicht die grösste Spiellaune mit zum Set brachten. Auch der Auftritt von Donnas Mutter, Sophies Grossmutter, die unverhofft auf der Insel als Überraschungsgast auftaucht, ist eher bemitleidenswert oder absurd lächerlich. Je nach dem. Es ist Cher, die wie eine Silikonpuppe, mit weiss geschminktem, starrem glattgezurrtem Gesicht „Fernando“ singt. Wenn man genau hinhört, merkt man, dass sie vor lauter Straffheit kaum deutlich artikulieren kann. Ob sie sich mit dem Auftritt einen Gefallen getan hat, mag dahingestellt sein.

Wer ein Freund von kitschigen Momenten ist , wird zum Ende hin, seine helle Freude haben und wer nicht, der lacht sich eins. Es sind letztendlich die Lieder, die alles zusammenhalten und von denen einige Texte von einem Hauch Melancholie durchzogen sind , so dass sie genau auf die jeweilige Gefühlslage der einzelnen Protagonisten wie die Faust auf`s Auge passen. Genau das ist wieder grossartig gelungen und stilsicher ausgesucht. „THANK YOU FOR THE MUSIC“ ein Danke an das erfolgreiche schwedische Quartett. ABBA macht irgendwie glücklich.

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NICO, 1988 START: 19.07.2018

Nico, bürgerlicher Name Christa Päffgen.

In den Fünfzigern galt sie als erstes Supermodel. In der Musikerszene etablierte sie sich mit Punk und Gothic, sie wurde später die „Priesterin der Finsternis“ genannt. Ihre Stimme klang dunkel und tief. Zu ihren Wegbegleitern gehörten Jimmy Hendrix, Brian Jones, Iggy Pop, Bob Dylan, Lou Reed und Andy Warhol.

1962 kam ihr Sohn Christian Aaron Päffgen zur Welt, den sie Ari nannte. Als Vater gab sie Alain Delon an. Drogenexzesse waren ihr absolut nicht fremd.

2017 drehte die italienische Regisseurin Susanna Nicchiarelli den Spielfilm NICO, 1988 mit Trine Dyrholm in der Titelrolle, der jetzt am 19.7. in unsere Kinos kommt. Dyrholm verkörpert die Sängerin in ihren letzten Lebensjahren, dreissig Jahre nach ihrem Tod.

Eigentlich ist NICO, 1988 ein Roadmovie, in dem Nicchiarelli sie auf mehreren Stationen in verschiedenen Ländern begleitet. Ihr Ruhm ist verblasst. Nachdem sie ihr letztes Album aufgenommen hat, geht sie nocheinmal auf Tour. Doch niemand interessiert sich noch für sie. Sie hasst es, Fragen nach ihrer Vergangenheit zu beantworten. Immer wieder fällt der Name „Velvet Underground“ mit denen sie nur in drei Liedern zu hören ist und sonst nur Tamburin spielte und mit ihrem Aussehen glänzen sollte. „Ich war nicht glücklich als ich schön war. Mein Leben begann nach Velvet…..als ich anfing meine eigene Musik zu machen“.

Ein zutiefst berührender Moment ist, als sie in einer italienischen Hotelbar steht, begleitet von einem Jazztrio und mit ihrer tiefen Stimme „Nature Boy“, Nat King Coles Ballade über das Erleuchtetwerden singt, besonders wehmütig klingen die Zeilen:“The greatest thingyou`ll ever learn, is just to love and be loved in return“.

Es ist eine gebrochene Frau, die Trine Dyrholm auf erschütternde Weise darstellt und deren düstere Lieder sie erschreckend authentisch wiedergibt. Auch wenn sie an einer Stelle sagt, dass sie nichts bereut, nur, dass sie als Frau und nicht als Mann geboren wurde, glaubt man ihr das nicht so ganz, denn der verzeifelte Kampf um ihren Sohn Ari, zeigt ein anderes Bild von ihr. Sie hat den Jungen damals zu fremden Leuten gegeben, von Schuldgefühlen gequält, lässt sie nichts unversucht, um nach Jahren endlich eine stabile Beziehung zu ihm aufzubauen.

Sie nimmt ihn mit zu einem illegalen Konzert in Prag, betritt die Bühne, wie verloren steht sie da und singt „My heart is empty, but the songs I sing are filled with lovefor you“. Ihre letzten Töne klingen wie eine Art Befreiungsschlag. Ein Höhepunkt des gesamten Films.

Da das Konzert nicht angemeldet war, werden die Veranstalter verhaftet und sie müssen fluchtartig den Ort verlassen.

NICO,1988 eine Hommage an eine Frau, Künstlerin und Muttert, die nicht nur viel verloren hat, sondern auch zäh einen Kampf für ein besseres Leben geführt hat.

Es dauert keine zehn Minuten und Trine Dyrholm lässt einen vergessen, dass es nicht die wirkliche Nico ist, die kurz vor ihrem tragischen Tod auf der Leinwand zum Leben erwacht.

Ein Fahrradunfall auf Ibiza beendet am 18.Juli 1988 abrupt ihr Leben.

Beigesetzt wurde sie auf dem Friedhof Grunewald – Forst im Grab ihrer Mutter. (Quelle: Wikipedia)

DIE FARBE DES HORIZONTS START: 12.7.2018

Schule beendet. Die freiheitliebende Tami (Shailaine Woodley, „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“) packt ihren Rucksack, zieht von einem Ort zum anderen und landet auf Tahiti. Es scheint, als sei sie im Paradis angekommen. Mit Gelegenheitsjobs hält sie sich über Wasser. Hier trifft sie den attraktiven britischen Segler Richard Sharp (Sam Claflin), der mit seinem selbst gebauten Boot unterwegs ist und sich einen Stop auf der Pazifikinsel gönnt. Aus einer Liebelei entsteht eine tiefe Beziehung, zwei Seelenverwandte haben sich gefunden.

Ein reiches, älteres Ehepaar macht ihnen ein verlockendes Angebot. Für 10.000 Dollar und ein Rückflugticket in der ersten Klasse, sollen sie deren Jacht von der Südsee nach Kalifornien überführen. Nach anfänglichem Zögern, willigt Tami ein, ihren Freund zu begleiten.

Als das Boot in einen verheerenden Hurrikan gerät, findet der romantische Törn ein jähes Ende.

Als das junge Mädchen aus ihrer Ohnmacht erwacht und mühsam an Deck krabbelt, sieht sie das ganze Ausmass der Zerstörung. Ihr Freund ist verschwunden. Ein Schock, den sie ersteinmal verkraften muss. Es gelingt ihr mit letzter Kraft, den schwer verletzten Richard, der weit draussen im Meer treibt, zu bergen. Tami ist vollkommen sich selbst überlassen und muss nun das kaum noch manövrierungsfähige Boot irgendwie über Wasser halten, um nicht nur ihr Leben, sondern auch das von Richard zu retten.

Der isländische Regisseur Baltasar Kormákur („Everest“) hat sich entschieden in wechselnden Zeitsprüngen das Kennenlernen der beiden, ihre vorsichtige Annäherung und ihren Aufbruch in ein romantisches Abenteuer, mit Bildern des Höllentrips zu verbinden.

Tamis Kampf um Leben und Tod und ihr unglaubliches Durchhaltevermögen basiert somit auf der intensiven  Erinnerung an ihre innere Verbundenheit und ihrer Liebe zu Richard.

Ich bin ein grosser Fan von Shailaine Woodley. Ihr Spiel ist von hinreissender Natürlichkeit geprägt, besonders Rollen, die von Tragik gekennzeichnet sind, meistert sie ohne jeden Anflug von Kitsch. Es gefällt mir, dass in diesem bewegenden Survival – Drama, im Gegensatz wie sonst üblich, eine Frau im Mittelpunkt steht.

Erstaunlich der dramaturgische Kniff, den Karmákur gegen Ende des Dramas anwendet, um den psychisch qualvollen Einsatz von Tami in ein besonderes Licht taucht und ihren Kummer verdeutlicht und in unvergesslichen Erinnerungen weiter leben kann.  Gedreht nach einer wahren Geschichte.

 

 

DIE FRAU, DIE VORAUSGEHT START: 05.07.2018

Es ist ein Akt der Befreiung und der Beginn eines Neuanfangs. Beherzt wirft die selbstbewusste Malerin Catherine Weldon, nach dem vorgeschriebenen Trauerjahr das in ölgemalte Portrait ihres verstorbenen Gatten hoch in die Luft, wo es krachend in einem Fluss landet.

Es ist das Jahr 1889. Finanziell unabhängig, will sich Weldon einen grossen Traum erfüllen.

Ganz allein macht sie sich auf den Weg nach North Dakota, um den damals berüchtigten,legendären Indianerhäuptling Sitting Bull zu porträtieren. Bull führt mittlerweile ein sesshaftes Leben in einem Reservat, friedfertig baut er dort Kartoffeln an, es scheint, er hat sich seinem Schicksal gefügt.

Als sie den Zug verlassen hat und mutterseelenallein mit ihrem schweren Gepäck eine öde Strasse langmarschiert, fragt man sich ob sie total blauäugig ist, oder beherzt mutig.

Das Gepäck wird ihr gestohlen und es wird ihr kräftig ins Gesicht gespuckt. Schon auf ihrer Reise in den Wilden Westen  erlebt sie eine hasserfüllte Feindseligkeit.

Niemand anders, als der grossartige Sam Rockwell schlüpft in die Rolle des unsympathischen Colonels Silas Grover, ein militärischer Hardliner, der den Sioux – Indianern im Namen der Regierung die Hälfte ihres Landes trickreich abnehmen soll. Er ist wenig erbaut davon , dass die weisse Frau aufeinmal auftaucht und behauptet, sie wolle nichts anderes als Bull zu porträtieren. Er glaubt ihr nicht. Für die anderen Bewohner des Ortes , stellt sie eine Provokation dar.

Weldon ist fasziniert von Sitting Bull (Michael Greyeyes), seiner Besonnenheit und seiner friedfertigen Ausstrahlung.

Sein Stolz ist nicht gebrochen. Das sieht man daran, dass er für das Portrait die verbotene Stammes-Uniform anzieht. Es bleibt nicht im Verborgenen, Weldon hat sich in ihn verliebt. Sie glaubt fest an die Demokratie und stellt sich nicht nur aus Freundschaft an seine Seite, um gemeinsam gegen das US – Militär zu kämpfen, und die katastrophale Landenteignung zu verhindern.

Sie wird zur ersten weissen Aktivistin, die Probleme auf demokratischer Basis lösen will. Tapfer und mutig wird sie zu einer Westernheldin.

Warum die Regisseurin Susanna White die Handlung von DIE FRAU, DIE VORAUSGEHT auf eine halbherzige Romanze reduziert hat, ist seltsam. Wenn man recherchiert, stellt man fest, dass mehrere narrative Elemente weggelassen wurden und neue hinzugefügt.

Natürlich kann man das machen und unter künstlerischer Freiheit verbuchen. Sehenswert ist die Geschichte allemal, schon wegen des grossartigen Casts. Chastain spielt ihre Rolle wieder mal überdurchschnittlich gut und Rockwell ist perfekt in der Rolle des Unsympathen. Ausserdem glänzt der Film durch eine starke Bildsprache.

Wer mehr über die Persönlichkeit der Catherine Weldon erfahren will, sollte ihren Namen bei Wikipedia eingeben.

À propos, vor kurzem habe ich eine Petition unterschrieben, in der ich den Protest der Sioux gegen eine 2000 Kilometer lange Pipeline unterstütze, die ihre Wasseversorgung bedroht.

MARVIN START: 05.07.2018

Auch wenn MARVIN von Édouard Louis`s Buch inspiriert wurde, hat sich Regisseurin Anne Fontaine nur Teile aus seinem Debüt „Das Ende von Eddy“(2014) herausgepickt. Ganz bewusst wollte sie den Stoff so frei adaptieren, dass Marvin nicht mehr als eine Adaption angesehen werden kann.

Süss sieht er aus der Schüler Marvin, etwas zart-mädchenhaftes umgibt ihn, was ihn zu einem totalen Aussenseiter macht. Die Jungen aus dem Ort sind irritiert von dem „kleinen Engel“ und bereiten ihm die Hölle. Ständig wird er homophob attackiert und beschimpft und das nicht nur in der Schule und auf dem Heimweg, auch Zuhause herrscht ein rauer Ton. Sie alle nennen ihn pédé, die  Schwuchtel. Die Bushaltestelle ist mit den Worten beschmiert: “Fickt die Bullen, Tod den Schwuchteln“. Es ist ein schreckliches Prekariatsmilieu, in dem Marvin aufwächst. Sein Vater bezeichnet schwul als eine Geisteskrankheit, seine drei Brüder, mit denen er sich ein Zimmer teilt ,haben nichts als Verachtung für ihn übrig. Die Mutter interessiert sich nicht für ihn, so wie Mütter es oft tun, wenn sie viel zu früh ein Kind bekommen. Im Roman erzählt Louis eine Art Anekdote von einer Fehlgeburt, im Film schreit Marvins Mutter ihm ins Gesicht, „Das hättest auch du sein können“. Es ist diese weibliche Anmut, die Marvin ausstrahlt, die die Menschen in seinem Umfeld regelrecht herausfordert, ihn entweder sadistisch zu behandeln oder wie im Fall seiner Familie, sich seiner zu schämen. Das er ausgerechnet auch noch Marvin Bijoux heisst, macht es nicht besser. Bijoux ist das französische Wort für Schmuckstück.

Die Direktorin seiner Schule, Madame Clement, hat das künstlerische Talent in dem gepeinigten Einzelgänger erkannt und sorgt dafür, dass er in der Theater AG mitwirken kann. Nur weil er ein Wort nicht richtig ausspricht, verfolgt ihn auch hier wieder Spott und Hohn. Die Direktorin fördert ihn weiter und sorgt dafür, dass er an einem Schauspielkurs bei  einer Französin teilnehmen kann. Endlich ist er aus dem kulturellen Niemandsland heraus und beschäftigt sich mit Labiche und Victor Hugo.

Anne Fontaine hat einen kleinen Trick angewandt, in dem sie zwischen verschiedenen Zeitebenen hin-und her wechselt. Marvin, der sich jetzt Martin Clément nennt und in Paris eine Art Ersatzfamilie gefunden hat, unter anderen einen Mentor für sein autobiografisches Stück, den Schriftsteller Abel. Im Moment darauf, ist Martin wieder Marvin, da Fontaine mehr an den Augenblicken interessiert ist, als an der Chronologie. Es stört überhaupt nicht, den Weg von dem jungen Marvin, beeindruckend gespielt von Jules Porier, aus der Provinz, chronologisch unterbrochen, hin zu dem Erwachsenen Martin (Finnegan Oldfield) dem leicht trotzigen Künstler, nach Paris zu folgen. Martin ist auf dem besten Weg, endlich seine Identität zu finden. Wieder ist es eine Frau, die ihm dabei hilft. Isabelle Huppert spielt Isabelle Huppert. Sie hilft ihm, sich frei zu spielen, und zeigt ihm, dass es wohl möglich ist, den familiären Ballast abzuwerfen und aus eigener Kraft heraus, ein starker, selbstbewusster Mensch zu werden……auf jeden Fall auf der Bühne und das nicht nur durch ihre Prominenz. Es wird sein grosser Durchbruch. Titel des Stücks: „Wer hat MARVIN BIJOUX umgebracht?“ ( By Martin Clément)

Ein Wohlfühlfilm ist „Marvin“ nicht. Dafür gehen einem die Bilder seiner gedemütigten Kindheit zutiefst unter die Haut. Das berührende Drama einer Befreiung ist grossartig gespielt und einfühlsam und klug inszeniert. Was will man mehr…….

ZENTRALFLUGHAFEN THF START: 05.07.2018

„Der Flughafen Tempelhof war einer der ersten Verkehrsflughäfen Deutschlands. 1923 nahm er den ersten Linienflugverkehr auf.“

„Die derzeit letzte Flugbewegung gab es auf dem Flughafen Tempelhof am 26.Juni 2010. Eine vom Flughafen  Tegel kommende  ZB10 Tobago befand sich auf einem Rundflug über der Stadt.Wegen eines Leistungsverlustes des Triebwerks, entschied sich der Pilot zu einer Notlandung auf der Piste27L des mittlerweile geschlossenen Flughafens Tempelhof.

Berlin ist nun der alleinige Eigentümer des denkmalgeschützten Gebäudekomplexes und der riesigen Freifläche drumherum.“ (Wikipedia)

Nun hat Karim Ainouz den stillgelegten Zentral Flughafen besucht, der bis vor kurzem als Flüchtlingsunterkunft genutzt wurde.

Niemand hätte sich jemals vorstellen können, dass die alten Hangars zu einer Notunterkunft für Kriegsflüchtlinge werden.

Karim, der in der Nähe des Geländes wohnt, sah mit an, wie die ersten Menschen 2015 ankamen.

Er hatte das Bedürfnis, die Ereignisse zu dokumentieren und langsam das Vertrauen der Geflohenen zu gewinnen. Seine Besuche fanden anfänglich ohne Kamera statt. Er beobachtete den Alltag der Menschen, sprach mit Sozialarbeitern und kam so den Menschen immer näher.

In den Mittelpunkt seiner Dokumentation stellt er zwei Protagonisten, Ibrahim und Qutaiba. Ibrahim hofft von Tag zu Tag auf den erlösenden Bescheid, der ihn zum Bleiben berechtigt.Qutaiba, der im Irak Medizin studiert hat, hilft und packt mit an, wo er nur kann.

Erst im Schneideraum hat sich Karim entschieden, die Texte, die Ibrahim geschrieben hat, in denen er von seinem Leben in Syrien und seinen Zukunftswünschen erzäht, als Voiceover zu unterlegen.

Die Stimmung in den Hangars ist bedrückend. Die Menschen hausen mit mehreren in abgetrennten Kabinen, von Privatsphäre kann man nicht sprechen. Es ist laut und die Gänge, dienen als Aufenthaltsraum für Kinder und Erwachsene. Beschäftigung gibt es kaum. Zu Weihnachten hat man sich bemüht, ein wenig festliche Stimmung zu bereiten und Silvester startete man ein Feuerwerk auf dem Tempelhofer Feld. Man vergass wohl, dass Feuerwerk und Krieg gleich klingen. Auch wenn sich Ämter und Sozialarbeiter noch so sehr bemühen, es lastet eine trostlose Stimmung in den Hallen. Was für eine kurze Zeit als provisorische Unterkunft gedacht war, zog sich in unvorhergesehene Länge.

Karim betont, dass er keinen Film über Flüchtlinge machen wollte, sondern er und sein Kameramann Juan Sarmiento G.haben dem Flughafen quasi die Hauptrolle gegeben, in dem sie in grandiosen Bildern die Architektur des Gebäudes, mit all ihren Widersprüchlichkeiten eingefangen haben. Auf der einen Seite, ein Ort für die zeitweise Unterbringung für Geflüchtete, auf der anderen Seite ein riesiges freies Feld, auf dem die Menschen ihre Freizeit geniessen, ein Freizeitparadies, in dem jeder seinen sportlichen Neigungen ohne Einschränkung nachgehen kann. Es waren die kämpferischen Berlinner und Berlinerinnen, die sich mit ihrem Volksentscheid, dafür stark gemacht haben. Karim hat eine besonders freiheitliche Kulisse für die traurige und grossartige Erzählung von Flucht und Migration gewählt. Ein ganz wichtiger, empathievoller Beitrag gegen die widerwärtige Hetze, der sich Migranten immer stärker ausgesetzt fühlen.

 

CANDELARIA – EIN KUBANISCHER SOMMER START: 05.07.2018

Havanna 1994. Die Kubaner leiden unter grossen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Durch den Mauerfall fällt die sozialistische Unterstützung aus und die USA sorgen mit ihrer Blockade für Oel – und Lebensmittelknappheit.

Candelaria und Victor Hugo leben in ärmlichen Verhältnissen. Die 75-Jährige arbeitet in einer Hotelwäscherei, nachts tritt sie in einem Club auf und singt stimmunhsvolle Lieder. Victor ist Vorleser in einer Zigarrenfabrik, hin und wieder schmuggelt er ein paar Zigarren raus und verkauft sie seinem Freund El Negro. Seit Jahrzehnten sind die beiden ein Paar und haben schon mal bessere Zeiten erlebt.

Durch Zufall findet Candelaria im Wäscheauffangkasten einen Rucksack mit einer Videokamera. Sie  nimmt sie mit nach Hause. Der Blick durch die Kamera bringt die Eheleute wieder näher zusammen. Langsam macht es Candelaria Spass, sich vor dem Auge der Linse zu produzieren , während Victor es Freude macht, seine Frau zu filmen. Wie verliebte Teenager erfinden die zwei alten Liebenden immer neue Positionen, die sie mit Wtz und wiedergewonnener Erotik umsetzen. Weil es an allem mangelt, zieht Victor los und verkauft nach und nach ein Stück aus ihrem Haushalt. Mit dem Geld bereitet er seiner Frau eine Überraschung, indem er besseres Essen einkauft,  das beide regelrecht geniessen und sich in bessere Zeiten zurückversetzt fühlen.

Bei dem Verkauf seiner Uhr wurde er betrogen. „Nun könnte ich vor Wehmut sterben oder auch vor Hunger“.

Die Kamera mit dem freizügigen Film seiner Frau landet bei einem unseriösen Geschäftemacher, der sofort  ein lohnendes Geschäft für sich wittert. Er bietet „Viel Geld“, wenn sich Candelaria weiterhin vor der Kamera auszieht und Sex hat. Verkaufen will er die Filme an Touristen, die in seinen Augen merkwürdige Vorlieben haben.

Da Victor sein gesamtes Hab und Gut auf dem Schwarzmarkt verramscht hat, scheint das Angebot verlockend.

„Wenn ich an Hunger sterbe, dann könnte ich der Insel die verdammte Schuld geben“.

Wie Candelaria (Verónica Lynn) und Victor (Alden Knight) trotz der miesen wirtschaftlichen Umstände, mit Witz und einer Prise Humor, durch den Zufallsfund, verlorene Lebensfreude wiederfinden, machen den poetischen Film, mit einem lachenden und einem weinenden Auge, unbedingt sehenswert.