ALLES IN BESTER ORDNUNG (Komödie) Kinostart: 26.5. 2022

Die Zahntechnikerin Marlen (Corinna Harfouch) lebt in einer Wohnung, die vollgestopft ist mit viel zu vielen Dingen, von denen sie sich nicht trennen kann. Ein Blick in ihre Wohnung erklärt, warum sie lieber zum Lesen im Treppenhaus auf der Fensterbank sitzt, als in ihrer Wohnung, die stark an einen Trödelmarkt erinnert. Sie kann einfach nichts wegwerfen, weil sie Mitleid mit den Dingen hat. Um sich auszuruhen geht sie öfter in ein Möbelhaus und probiert bequeme Doppelbetten aus. Privaten Kontakt mit ihren Arbeitskolleg*innen hat sie nicht, denn Einlass in ihre Wohnung gewährt sie niemandem.

Der über ihr wohnende Computerexperte Fynn (Daniel Sträßer) besitzt so wenig wie möglich. In Zahlen ausgedrückt: 89 Gegenstände. 94, wenn man seine fünf Sockenpaare als zwei Dinge ansieht.

Einziger Nachteil: Er muss viel öfter in den Waschsalon gehen. Alles was er zum Leben braucht, kann er in einen Rucksack packen.

Als bei ihm ein Heizungsrohr platzt, steht er bei Marlen vor der Tür. Da die beiden nicht unterschiedlicher sein können, geraten sie anfänglich in Streitereien und humorige Sticheleien und raufen sich dann aber zusammen, denn sie brauchen einander. Wegen des Wasserschadens in seiner Wohnung, bittet er Marlen um eine Bleibe und Marlen braucht dringend seine Hilfe. Der Vermieter hat sich angekündigt, um die feuchte Decke zu inspizieren. Auf keinen Fall kann sie ihn in die Wohnung lassen, ohne vorher aufzuräumen. Er könnte ihr ja kündigen. Nicht ganz uneigennützig bietet Fynn ihr seine Hilfe an.

„Alles in bester Ordnung“ ist das Regiedebüt der Schauspielerin, Drehbuchautorin und Regisseurin Natja Brunkhorst („Christiane F.-Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“), in dem sie uns einlädt die Sammlerin Maren und den Minimalisten Fynn auf melancholische und amüsante Weise beim Aufräumen zuzusehen. Er schmeißt heimlich Sachen weg, sie holt sie wieder aus dem Müll. Doch eins verbindet sie: Beide sind einsam. Am Ende findet das Chaos eine neue Ordnung.

Was für eine Mammutaufgabe für die Ausstatter*innen das Sammelsurium in der Wohnung drehgerecht zu platzieren. Schon alleine das lohnt, sich dieses“Drama“ anzuschauen.

Die Frage, warum Marlen während des gesamten Films die gleichen Klamotten trägt, beschäftigt mich noch immer.

Deutschland 2021; 96 Min; R: Natja Brunkhorst; D: Corinna Harfouch, Daniel Sträßer, Joachim Król, Felix Vörtler

FUCHS IM BAU (Gefängnisdrama) Kinostart: 19.5.2022 Gewinner des Max-Ophül Preis, Beste Regie, Bestes Drehbuch und weitere Preise

Die neue Arbeitsstelle des Mittelschullehrers Hannes Fuchs (Aleksandar Petrovic) befindet sich in der Gefängnisschule im Jugendtrakt einer großen Wiener Haftanstalt. Begrüsst wird er mit einer Flasche Wein, nachdem er genauso durchsucht wurde, wie jeder andere auch, der den Knast betritt.

Zimperlich geht es in der Klasse nicht zu. Schüler und Schülerinnen beschimpfen einander, sie werden schnell gewaltätig und dem Unterricht folgen meist lustlos oder aggressiv. Nach dem Unterricht werden die Schüler von den Wärtern durchsucht.

Der unangepassten Gefängnispädagogin Elisabeth Berger (Maria Hofstätter) gelingt mit ihren kreativen Unterrichtsmethoden, die straffälligen Jugendlichen, „die draussen nicht funktioniert haben,“ so der Wachebeamte der Jugendabteilung, abzulenken und zu beruhigen.

Fuchs soll der alteingesessenen Lehrerin assistieren. Doch Berger duldet niemanden an ihrer Seite. Er soll Kaffeekochen und Aufräumen. Seine Vorstellungen und neuen Ideen interessieren Berger nicht.

Fuchs, der ein unbewältigtes Trauma mit sich herumschleppt und schnell in Wut gerät, hört eigenartige Geräusche aus dem Keller. Er macht Weber drauf aufmerksam aber der reagiert nicht.

Fuchs kümmert sich und entdeckt die androgyne Samira, die eingesperrt ist und mit ihrem Kopf gegen die Tür schlägt. Samira (Luna Jorda) hat ihren Vater ins Koma geprügelt aber niemand weiss warum. Fuchs will versuchen, ihr Vertrauen zu gewinnen. Das Mädchen, das wie ein Junge ausschaut, ist so einigen Übergriffen ausgesetzt und redet kaum.

Auch Tara Ketabi (Sibel Kekilli) von der Jugendgerichtshilfe, bittet Fuchs sich um Samira zu kümmern, deren künstlerisches Talent er erkennt und fördert. Tara will auf keinen Fall, dass Samira in die Psychatrie eingewiesen wird, denn als sie aus der Isolatin zurückgekehrt ist, erfährt sie dass ihr Vater aufgrund ihrer Attacke auf ihn, verstorben ist. Verzweifelt verletzt sich das Mädchen schwer mit einem Pinsel aus dem beliebten Malunterricht. Berger wird für die Tat verantwortlich gemacht und suspendiert, der Kunstunterricht wird eingestellt, was Weber (Andreas Lust) sehr recht ist. Er würde die Untersuchungshäftlinge am liebsten ganztätig in ihren Zellen sehen. Fuchs wird zum Gefängnislehrer befördert. Nur Berger, Weber und Fuchs wissen dass Samira den Pinsel nicht von Berger bekommen hat. Zwischen Fuchs und Berger kommt es zu einer Annäherung.

In Samiras Zelle bricht ein Feuer aus, das Mädchen will sich umbringen. Ihr Suizidversuch reisst bei Fuchs alte Wunden auf und man begreift, warum er ausgerechnet in einem Knast arbeitet. Er rettet Samira und will sie unbedingt vor einer langen Haftstrafe bewahren.

Ausserdem erfährt er vom Anstaltsleiter, warum er an die Gefängnisschule berufen wurde. Ihm wird klar, dass seine Stelle als Gefängnislehrer weitaus mehr für ihn ist, als ein Job. Nun krempelt Fuchs den Unterricht um. Auch er musste einiges lernen. Seine Schüler geben sich freudigst dem neuen Rythmus hin.

Regisseur Arman T. Riahi wurde inspiriert von den Erfahrungen des Sonderpädagogen der Justizanstalt Josefstadt, Wolfgang Riebniger.

Er nimmt uns mit in den Mikrokosmos Gefängnis, zeigt die Machtstrukturen bis hin zu erpresserischen Methoden. Ein bedrückendes, realistisches atmosphärisch dichtes Drama, das durch die Gesamtheit seiner Charaktere bewegt.

Österreich 2020; 103 Min; R: Arman T. Riahi; D: Aleksandar Perovic, Maria Hofstetter, Andreas Lust, Sibel Kekilli

DOG-Das Glück hat vier Pfoten (Channing Tatum kommt auf den Hund: Vereint im Kriegstrauma) Kinostart: 19.5. 2022

Dem traumatisierten und entwurzelten Kriegs-Veteranen Jackson Briggs (Channing Tatum) geht es nicht gut. Sein freudloser Fast-Food-Job kotzt ihn an und er möchte unbedingt wieder zu seiner Einheit zurückkehren. Dass der Ex-Ranger starke Tabletten nehmen muss, ist mit ein Grund, warum sein Vorgesetzter die Einwilligung verweigert. Ausserdem braucht der mehrfach am Kopf verletzte Ex-Soldat ein Gesundheitsschreiben, welches ihm die Ärzte nicht ausstellen wollen.

Doch dann macht ihm sein Vorgesetzter ein Angebot: Wenn er Lulu, eine äusserst agressive belgische Malinois-Hundedame, ebenfalls schwerst kriegstraumatisiert, rechtzeitig zur Beerdigung ihres verstorbenen Herrchens , dem Elitesoldaten Rodriguez bringt, bekommt er einen neuen Marschbefehl.Rodriguez war in derselben Brigade im Irak unterwegs wie er und ist bei einem Autounfall um`s Leben gekommen. Briggs geht auf den Deal ein. In seinem alten Ford begeben sich die beiden auf einen abenteuerlichen Roadtrip durch Amerika. Briggs spricht mit der Hündin wie mit einem guten Kumpel. Schnell bemerkt er, dass Lulu ähnlich traumatisiert ist wie er, beide haben gedient und wurden verletzt und haben Verluste erlebt. Mit dem Unterschied, dass Briggs seinen Job freiwillig gemeistert hat und Lulu keine andere Wahl hatte.

„Wir beide benehmen uns, als würde dein Daddy von oben auf uns herunterschauen“

Abgerichtet wurde die Army-Hündin auf „arabisch“ aussehende Menschen.

Mann und Hund raufen sich zusammen.Treffen auf Vorurteile, erleben falsch verstandenen Patriotismus, kommen in komische als auch brenzlige Situationen. Mensch und Hund eint in diesem Fall das gleiche Schicksal. Sie sind beide Veteranen, für die in der Gesellschaft kein wirklich humaner Platz mehr ist.

Der Tenor dieses Buddy-Dramas ist ziemlich düster und melancholisch. Ein Film über Freundschaft, Empathie, Einsamkeit aber auch Neuorientierung.

Am Ende des Abspanns steht der alles entscheidende Satz: „In Memory of Lulu“. Lulu war Tatums Hund, der an Krebs gestorben ist. Das hat ihn dazu bewegt, eine Geschichte zwischen Zweibeiner und Vierbeiner zu erzählen und der Filmhündin denselben Namen zu verpassen.

2017 hatte Tatum als ausführender Produzent an der HBO- Dokumentation „War Dog: A Soldier`s Best Friend“ mitgearbeitet.

Mit diesem, seinem Regiedebüt DOG, hat Channing Tatum die Trauer um seine Hündin verarbeitet.

„Die wissen morgen bei der Beerdigung deines Daddys nicht, was für ein Held du gewesen bist“, lauten seine Worte an die Hündin.

Vorgesehen ist, dass Lulu nach Rückkehr der Beerdigung getötet werden soll.

USA 2022; 97 Min; R: Channing Tatum D: Channing Tatum, Luke Forbes, Ethan Suplee, Kevin Nash, Q´orianka Kilcher

LEANDER HAUßMANNS STASIKOMÖDIE (Ein Stasispitzel lernt das wilde Leben in Ostberlin kennen und lieben) Kinostart: 19.5.2022

Achtziger Jahre, DDR. Ludger Fuchs (als junger Mann: David Kross) wird von der Stasie auf die rebellische Beat-Generation im LSD-Viertel Lychnerstraße, Schliemannstraße und Dunckerstraße, Prenzlauer Berg, angesetzt. Er gilt als besonders systemtreu, denn wer an einer Roten Ampel brav stehen bleibt und geduldig auf das grüne Männchen wartet, obwohl weit und breit kein Auto zu sehen ist, hat den Test bestanden. Wer sich stur an Regeln hält, ist im Mielke-Imperium gut aufgehoben. Mit den Kollegen der Sondereinheit LSD spioniert er nun die der Obrigkeit nicht geheuerliche Künstlerszene aus. Doch dann verwickelt er sich in amouröse Abenteuer, verliebt sich in die schöne Natalie (Deleila Piasko), wird aber vom Führungsoffizier mit einer anderen Frau verkuppelt, der Zielperson Corinna (Antonia Bill). Ludger findet das Hinterhof-.Bohémien-Leben gar nicht mehr so negativ, sondern cool. Er ist fasziniert vom lockeren Lebensstil der Szene, den Partys und Lesungen in den verqualmten Räumlichkeiten. Vergeblich versucht der Führungsoffizier, dargestellt von Henry Hübchen, nuschelnd und mit billigen schmuddligen Kunstzähnen, den verdeckten Ermittler wieder auf die gerade Linie zu führen. Erst Jahre später kommt die Spitzelgeschichte von Ludger, der sich durch`s Leben lügt, ans Licht. Im Berlin von heute: Schriftsteller Ludger Fuchs (Jörg Schüttauf) damaliger Held des Widerstands in der DDR, wird von seiner Familie gedrängt, endlich Einsicht in seine Stasiakte zu nehmen. Prompt entdeckt seine Ehefrau Corinna (Margarita Broich) so einige Merkwürdigkeiten und unangenehme Wahrheiten.

„Leander Haußmanns Stasikomödie“ ist der letzte Teil seiner DDR-Trilogie, nach „Sonnenallee“ und „NVA“.(Eine Militärklamotte)

In dieser schrägen Geschichte hat man den Eindruck, Haußmann verarbeitet seine privatistischen Jugenderinnerungen der Beat-Generation. Die Stasi-Schnüffler tauchen als tumbe, dümmliche Typen auf, vieles wirkt eher klamaukig statt witzig, der Humor ist ambivalent und eine wirklich satirische Auseinandersetzung mit dem Thema findet nicht statt.

Deutschland 2022; 116 Min. R: Leander Haußmann ; D: David Kross, Jörg Schüttauf, Antonia Bill, Margarita Broich, Deleila Piasko, Detlev Buck, Tom Schilling und Alexander Scheer als Drag-Queen.

BETTINA ( Ein aufrechtes offenes und unbeirrtes Portrait der Liedermacherin und Widerstandskämpferin Bettina Helene Wegner) Kinostart: 19.5. 2022

Bettina Helene Wegner, 1947 in Westberlin geboren, in Ostberlin aufgewachsen.

Bekannt wurde die Liedermacherin mit dem einfühlsamen und aufrüttelden Lied „Sind so klein die Hände….“ Sie singt es heute noch. Aber am liebsten singt sie Liebeslieder.

In dieser Berliner Biografie blickt Bettina Wegner humorvoll, offen und unbeirrt auf ihr Leben zurück.

Regisseur Lutz Pehnert portraitiert diese ungewöhnliche Frau, die eigentlich gerne Schauspielerin geworden wäre und die im Laufe von vierzig Jahren ihre eigenen Gebote entwarf, nach denen sie ihr Leben gestaltet:

„Aufrecht stehen, wenn andere sitzen, Wind sein, wenn andere schwitzen, lauter schreien, wenn andere schweigen, beim Versteckspiel sich zu zeigen…“ Mit 12 hat sie Lieder und Gedichte geschrieben, die sich um die Atombombe rankten.

„Es war nur eine kleine Bombe, sie sah ganz harmlos aus, doch als sie fiel, fiel auch dein Haus“.

Als die Leute weinten, wenn sie die Lieder hörten, war ihr klar, alles richtig gemacht zu haben.

Sie war eine glühende Verehrerin von Stalin, weiss aber nicht so genau warum: „Er war einfach überall“.

Mit 21 Jahren stand sie vor Gericht, weil sie gegen das gewaltsame Ende des Prager Frühlings protestiert hatte, indem sie Flugblätter mit folgenden Losungen verteilt hat:

„Hände weg von Prag. Nieder mit den Mördern von Prag“ und ähnliches. „Lieber hätte ich mich offen auf die Strasse gestellt und laut gesagt, was ich denke“, sagt sie der Richterin im Verhör.

Pehnert nutzt Archivmaterial aus Ost und West und Audiomitschnitte aus ihrem Prozess, wo sie ehrlich Rede und Antwort steht. Er gibt ihr viel Raum zu erzählen, nicht nur mit Worten, sympathisch gefärbt im Berliner Dialekt, Hochdeutsch ist nicht ihre Sprache, sondern auch gesanglich. Ihre Lieder stimmen, ihre Texte treffen und ihre Melodien gehen unter die Haut.

Wegen staatsfeindlicher Hetze wurde sie für 1Jahr und 4 Monaten verurteilt, in einer Fabrik arbeiten zu gehen. Eine schwere Zeit für sie, denn sie hatte ja den unehelichen Sohn Benjamin aus der Liebesbeziehung mit Thomas Brasch, den sie versorgen musste. Schmerzlich hat sie sich von Brasch getrennt, der sie betrogen und belogen hat.

Später hatte sie mit ihrem Mann Klaus Schlesinger die Idee im Haus der jungen Talente Veranstaltungen zu organisieren, wie „Eintopp“ und „Kramladen“, wo sie neben Gastauftritten von gleichgesinnten Künstler*innen ihre eigenen Lieder sang. Anschliessend gab es Diskussionen mit dem Publikum. Sie war jetzt eine freiberufliche Sängerin mit Berufsausweis.

Nach Biermanns Ausbürgerung war die Stimmung betrübt. „Ich weiss nur sicher, dass ich bleiben mußte“, sagt Bettina.

Seit März 1980 tritt sie nur noch in der BRD auf. Sie hat ein Ausreisevisum und kann hin-und herfahren. Ihre Auftritte waren in der DDR nicht mehr erwünscht. Sie wollte unbedingt ihren Beruf ausüben und singen. Das ging im Osten nun nicht mehr. Die Ehe mit Schlesinger war auch am Ende.

Dem Staat wurde sie mit ihren politischen Texten immer unangenehmer und sie sollte nun endgültig die DDR verlassen und nach West-Berlin gehen. Das Ausreisevisum wurde für ungültig erklärt. Wie eine Löwin kämpfte sie darum, in ihrer Heimat zu bleiben. Widerwillig fügte sie sich, denn es drohte ihr eine erneute Haftstrafe. Mit 36 Jahren musste „sie ihre Wurzeln aus der Heimaterde drehen“. Ein Schmerz, den die heute 74-jährige noch immer spürt. Dass sie vor 20.000 Leuten in der Waldbühne auftrat, konnte sie nicht trösten.

„Wenn ich drüben sage, dann meine ich noch immer den Westen“. Ich dachte immer in der kurzen Zeit der Wende könnte die DDR eine Option sein. Erst hieß es: Wir sind das Volk, dann hieß es: Wir sind ein Volk und dann: Wir sind ein blödes Volk“. Ein Witz von Schlesinger.

Der Werdegang dieser beseelten Künstlerin und unverbesserlichen Widerstandskämpferin, die eigentlich nur von der Liebe singen wollte, gehört zu den spannendsten Lebensläufen des 20.Jahrhunderts. Das hinreißende Portrait beginnt mit der Zeile des Liedes: „Wenn ich ein Vöglein wär….“ und endet mit der Zeile.

Der Film feierte seine Premiere auf der diesjährigen Berlinale in der Sektion Panorama.

Deutschland 2022; 107 Min. R: Lutz Pehnert; B: Lutz Pehnert; K: Anne Misselwitz; Musik komponiert von Bettina Helene Wegner

FIREBIRD (WENN DIE LIEBE GEHEIM BLEIBEN MUSS…..) KINOSTART: 17.5. 2022 zum Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter-und Transphobie. In Berlin stellen Hauptdarsteller Tom Prior und Regisseur Peeter Rebane den Film persönlich vor. Zusammen mit unserem Partner All Out stellen wir für jedes verkaufte Kinoticket einen Gratis- Screeninglink für eine LGBTIQ-Person zur Verfügung, die in ihrem Land Repressionen ausgesetzt ist und nur erschwerten Zugang zu queeren Filmen hat. Interessant ist auch, dass Hauptdarsteller Tom Prior Russe ist und Oleg Zargordnii Ukrainer.

FIREBIRD basiert auf den Memoiren des russischen Schauspielers Sergey Fetisow und seinem Buch „Die Geschichte von Roman“. Er war in den 1970er-Jahren auf einer sowjetischen Luftwaffenbasis in Estland stationiert.

Dass Peeter Rebanes Spielfilmdebut über verbotene schwule Liebe in der Sowjetarmee auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges- einen dermassen aktuellen Filmstart in Deutschland bekommen würde, hätte man nicht geahnt. Noch heute sind queere Menschen in Russland schwersten Repressionen ausgesetzt.

Am 17.Mai, dem internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter-und Transphobie (IDAHOBIT) startet FIREBIRD in den deutschen Kinos in Special Screenings. Bei der Premiere des Films auf dem Internationalen Filmfestival in Moskau wurde versucht, die Aufführung zu behindern und das Filmteam zu diffamieren.

Estland in den 1970er-Jahren.

Der junge, künstlerisch interessierte Soldat Sergey (Tom Prior „Kingsman:The Secret Service“, „die Entdeckung der Unendlichkeit“ ) absolviert seinen Militärdienst in HAAP SA LU, im Sowjetisch besetzten Estland, während seine beste Freundin Luisa als Sekretärin des Basiskommandanten arbeitet.

„Aufstehen! Nutzlose kleine Ratten! Keine Mama, die euch hilft!“ Das ist der Jargon, mit dem die Soldaten geweckt werden. Sergey zählt die Tage bis zum Ende seines Militärdienstes auf der Luftwaffenbasis.Er träumt davon, in Moskau Schauspieler zu werden. Als der smarte, russische Kampfjetflieger Roman (Oleg Zagordnii) auf die Basis versetzt wird, verfällt Sergey dem Charme des Piloten.

Roman zeigt Sergey, der viel fotografiert, wie man Fotos entwickelt. Es bleibt Roman nicht verborgen, dass Sergey das Theater liebt. Heimlich nimmt er ihn mit zur Aufführung von Strawinskys „Feuervogel“. Sergey ist fasziniert von den Tänzern. Von nun an bewegen sich die beiden auf dem schmalen Grat zwischen Liebe und Freundschaft, noch nicht bemerkend, dass sie bespitzelt werden.

Der KGB wurde anonym informiert. Der Name des Gefreiten wurde in der Anzeige nicht erwähnt. Die Situation wird für beide immer brenzliger. Beide riskieren ihre Freiheit und ihr Leben, sollten sie so weiter machen.

(Artkel 121: Eine sexuelle Beziehung eines Mannes mit einem Mann wird mit einer Gefängnisstrafe von 5 Jahren im Arbeitslager belegt.)

Sie müssen sich entscheiden: Leben sie ihre verbotene Liebe weiter, oder entscheiden sie sich, eine Ehe mit einer Frau einzugehen, um den bürgerlichen Schein zu bewahren. Luisa ist in Roman verliebt. Von dem Verhältnis der beiden Männer ahnt sie nichts. Nach dem Wehrdienst trennen sich die Wege der beiden Männer. Noch Jahre später ist ihre Liebe noch längst nicht vergessen.

Regisseur Peeter Reban nennt sein Debut einen mitreissenden Liebesthriller. Und das ist er auch. Der Film zeigt deutlich, was derartige Verbote nicht nur mit den akut Betroffenen macht, sondern auch mit Personen um sie herum.

Großbritannien/Estland 2021; 107 Min. R: Peeter Rebane, D: Tom Prior, Oleg Zagordnii, Diana Pozharskaya, Jake Thomas Henderson

SUN CHILDREN (Drama) Ein zwölfjähriger Straßenjunge versucht im Alltag von Teheran zu überleben. Ein zu Herzen gehender Film über das Leben in Armut. Kinostart: 5.5. 2022

Nachdem seine Mutter bei einem Brand schwer traumatisiert wurde, ist der zwölfjährige Ali auf sich allein gestellt. Um schnell an Geld zu kommen arbeiten Ali (Rouhollah Zamani) und seine Clique hart, machen kleine Jobs in einer Werkstatt, klauen Autoreifen von Luxuswagen, müssen vor der Polizei flüchten, und werden von windigen Auftraggebern ausgenutzt. Es bleibt ihnen nichts anderes, denn die Väter hocken im Knast, sind drogensüchtig oder verschwunden.Und so hetzen sie von Auftrag zu Auftrag, immer in Eile. Das könnte sich ändern.

Der alte Patriarch Hashem, der über den Dächern des Viertels eine Taubenzucht betreibt, erzählt von einem geheimnisvollen Goldschatz, der sich in einem verschüttenden Tunnelsystem befindet, das unter der „Sun-School“, einer gemeinnützigen Schule beginnt und den Ali mit seinen Freunden ausheben soll. Er hat Ali ein wenig unter seine Fittiche genommen. Das lassen sich Ali, Mamad, Reza und der albanische Migrant Abofazl nicht zweimal sagen. Sie melden sich kurzerhand in der Schule an, um auf dem Gelände graben zu können. Es herrscht gerade Aufnahmestopp. Ali schafft es, den Schulleiter zu überreden und erreicht eine kurzfristige Aufnahme. Die Hoffnung auf ein bessereres Leben, treibt Ali und die Jungen zur heimlichen Schwerstarbeit im Kellergewölbe an. Wie besessen arbeitet sich Ali Stück für Stück durch Geröll und Schlamm vor, wenn er nicht gerade in der überfüllten Klasse dem Unterricht folgt.

Überhaupt ist es nur noch eine Frage der Zeit, wie lange die spendenfinanzierte Schule noch existiert. Da können sich die Lehrer noch so sehr engagieren. Es gibt diese Schulen tatsächlich in Teheran, sie sind aber permanent gefährdet und somit auch die Bildung der Strassenkinder. In diesem Fall stellt sich die Frage: „Was ist segensreicher? Der Goldschatz oder die früchtetragende Bildung.

Einer von den Jungen macht Fortschritte in Geometrie, da er bei einem Fliesenleger gejobbt hat, der andere entwickelt sich zu einem Fußballtalent und darf in einem Verein trainieren. Er ist stolz, dass man sein Talent erkannt hat. Beide graben nicht mehr weiter.

Ali buddelt und buddelt. Ein bißchen hat er sich in Zahra, die Schwester seines Kumpels Abofazl (Abofazl Shiraz) verliebt, die illegal in der U-Bahn Schwämme verkauft und fleissig in der Schule mitarbeitet, denn sie will unbedingt etwas werden. Doch dann wurde sie in der U-Bahn festgenommen, die Haare werden ihr geschoren und die afghanische Flüchtlingsfamilie ist verschwunden. Traurig steht Ali vor der leeren Behausung.

SUN CHILDREN, das neue Meisterwerk von Majid Majidi ( KINDER DES HIMMELS, FARBEN DES PARADIESES) ist die visuell beeindruckende und emotional mitreissende Geschichte von 4 Strassenkindern, die versuchen, sich ihren Weg aus der Armut zu erkämpfen. Es ist erstaunlich, dass Majidi sein Drama unter den Zensurbedingungen des Mullah-Regimes realisieren konnte.

Einige Kinder hat er auf der Strasse gecastet,wie den kleinen Abofazl und seine Schwester Shamila, die die Zahra spielt. Majidi verwebt Krimielemente mit Abenteuerelementen und sozialem Realismus, vergißt aber nicht poetische Momente einzubauen. Es gelingt ihm virtuos, die Zuschauer zu verführen, um die jugendlichen Helden zu bangen und mitzufiebern.

Der iranische Film feierte seine Premiere im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig 2020, wo er mit dem Laterna Magica Award und der Hauptdarsteller Rouhollah Zamani mit dem Marcello Mastroianni Award für den besten jungen Schauspieler ausgezeichnet wurde.

OT: Khorshid; Iran 2020; 99 Min.; R: Majid Majidi, D: Rouhollah Zamani, Mahdi Mousavi, Ali Nasirian, Abofazl Shirzad, Shamila Shirzad, M. Ghafouri, Tannaz Tabatabei

VORTEX (Demenz-Tragödie) Kinostart: 28.4.2022

In letzter Zeit wurden so einige Filme über das älter werden und seine Folgen gedreht und es handelte sich meistens um den Umgang mit Demenz. Auch Gaspar Noé (IRREVERSIBLE, ENTER THE VOID, LOVE und CLIMAX), von dem man es am allerwenigstens erwartet hätte, hat sich mit VORTEX diesem Thema gewidmet.

Die Bedeutung von vortex im Englischen Wörterbuch: a dangerous or bad situation in which you become more and more involved and from which you cannot escape.

Noé widmet seinen Film allen Menschen, „deren Hirn sich früher zersetzen wird, als ihr Herz.“

Ein Ehepaar, beide um die achtzig, lebt in einer großen in Pariser Altbauwohnung. Sie (Francoise Lebrun) war Psychoanalytikerin und er (Dario Argento) Filmkritiker. Sie treffen sich auf dem Balkon und stossen mit einem Glas Wein an. Sie sagt: „Ist das Leben nicht ein Traum“.Er antwortet: „Ein Traum in einem Traum.“

Während die Kamera durch die Wohnung streift, die einer Bohéme- Behausung gleicht, singt die junge Francoise Hardy „Mon ami la rose“, ein trauriges Lied über frühere Schönheit und später nur noch alt zu erwachen. Das Paar verbringt seine letzten gemeinsamen Tage in ihrer Wohnung und es ist doch getrennt. Sie erwachen gemeinsam in ihrem Ehebett, doch dann teilt sich das Bild, auf der einen Hälfte sieht man sie, auf der anderen Hälfte ihn. Sie werden nur noch wenige Szenen im selben Bild verbringen. Noé hat ihren Alltag durch einen Split-Screen erbarmungslos getrennt. Beide leben bereits in unterschiedlichen Welten.

Sie irrt durch die Wohnung, bleibt stehen, überlegt was sie eigentlich wollte, während er an seinem Buch über das Kino und seine Träume, denn für ihn sind alle Filme Träume, schreibt. Oder er telefoniert. Wenn sich seine Frau mal wieder im Kramladen verläuft, verzweifelt nach etwas sucht und es nicht findet, geht er raus, sucht sie, kauft ihr Blumen und bringt sie nach Hause. Sie blättert in alten Rezezepten, er in einem Buch. Sie dreht das Gas auf, er kann gerade noch das Schlimmste verhindern. Die Atmosphäre wird immer beklemmender. Ihre Rezepte, für ihre Medikamente, stellt sie sich selber aus.

Auch er verzweifelt daran, seine demente Frau zu unterstützen. Es kommt noch hinzu, dass sie kaum noch spricht. Auch Geräusche, die sie nicht kennt, jagen ihr Angst ein. Ihr drogenabhängiger Sohn (Alex Lutz)ist auch keine Hilfe. Sein Vorschlag in eine Wohnung in einer Pflegeeinrichtung zu ziehen, lehnt sein Vater ab. Der Gedanke, sich von seinen Büchern, seinen Filmplakaten , Briefen und liebgewonnen Krims-Krams zu trennen, ist für ihn unvorstellbar: „Ich kann doch nicht meine Vergangenheit wegwerfen.“ Die Wohnung spiegelt ihr Leben.Überall stapeln sich Bücher, die Wände sind voll mit Fotos, Plakaten, Zetteln mit Notizen, Erinnerungen, wohin man auch blickt.

Jahrelang hat er eine Affaire aber sie reagiert nicht mehr auf seine Anrufe. Dennoch ist er derjenige, der seine demente Frau trösten kann, wenn sie weint.

Es ist schon eine emotionale Tour de force, Noés Film bis zum Ende zu folgen und dem schleichenden Tod, bei seiner Arbeit zuzusehen, gleichzeitig ist sein Film auch eine Hommage an das Kino und ein Plädoyer an die Liebe, wenn der Geist langsam schrumpft und das macht ihn sehenswert.

Gedreht wurde größtenteils ohne Drehbuch und statt dessen improvisiert, was die Tragödie zweier Menschen noch mehr intensiviert und die beiden Protagonisten zu Menschen aus dem wahren Leben macht.

Frankreich/Belgien2021; 135 Min; R: Gaspar Noé; D: Francoise Lebrun, Dario Argento, Alex Lutz, Kylian Dheret;

WOLKE UNTERM DACH (Drama) Ein Vater ist plötzlich Witwer und muss sich alleine um seine Tochter kümmern Kinostart: 28.4. 2022

Der Krankenpfleger Paul (Frederick Lau) befindet sich auf dem Rückflug nach Deutschland. Trotz seiner Flugangst lässt er es sich nicht nehmen um die halbe Welt zu fliegen, um sich im kolumbianischen Urwald sozial zu engagieren. Das Flugzeug gerät in Turbulenzen. In seiner Panik ruft er: Wir sterben!“ Die Stewardess Julia (Hannah Herzsprung) bleibt cool und erwiedert trocken:

„Klar sterben wir. Aber nicht heute.“ Kurz darauf wird sie zu Boden geworfen und Paul verarztet ihre Wunde am Kopf. Schnell hat er seine Flugangst verdrängt. Es ist der Beginn ihrer Liebesgeschichte.

Tochter Lilly (Romy Schroeder) wird geboren, die Familie lebt in einem schönen alten Haus. Doch das Schicksal kann total ungerecht sein. Bei einem Gländelauf in den Alpen stürzt Julia tot zu Boden. In ihrem Kopf ist eine Ader geplatzt. Für Paul und Lilly ein Schock. Nun muss sich Paul allein um Lilly kümmern. Er fällt erst einmal in ein tiefes Loch und weiss nicht wo ihm der Kopf steht. Da ist sein Job in der Klinik, die Raten für das Haus müssen bezahlt werden und die Verantwortung für die Tochter muss er nun alleine stemmen. Und als dann auch noch die Bank die Verlängerung seines Kredits ablehnt, bleibt ihm nichts anderes übrig, als das Haus zu verkaufen, zum Entsetzen seiner Tochter. Lilly ist überzeugt davon, dass ihre Mutter in einer Wolke auf dem Dachboden lebt. Schliesslich hat sie es geliebt Wolken zu malen und zu fotografieren. Zu bestimmten Zeiten taucht Julia auf und hält Zwiesprache mit ihrer Tochter. Jetzt könnte man aufschreien, was für ein Kitsch. Nein, ist es nicht. Kinder können die Gabe entwickeln bei einschneidenden Erlebnissen in eine Phantasiewelt zu flüchten, die für sie ganz real ist und ihnen dabei hilft, ihren Schmerz zu lindern. Eine große Hilfe, die uns Erwachsenen versagt ist.

Alain Gsponer („Jugend ohne Gott“) zeigt auf berührende Weise, dass der Verlust eines Elterteils nicht nur für die Kinder emotional belastend ist, sondern auch für den zurückbleibenden Partner eine grosse Belastung darstellt, denn er ist plötzlich für alles allein verantwortlich. Bei Paul kommt noch hinzu, dass er von dem Gedanken gequält wird, seine Frau hatte womöglich eine Affaire mit einem Fluglehrer.

„Wolke unterm Dach“ ist eine ergreifende Geschichte über Schmerz und Verlust und dem Kampf sich den neuen Anforderungen zu stellen und auch Hilfe von anderen anzunehmen, denn damit hat Paul noch so seine Schwierigkeiten. Frederick Lau spielt den plötzlichen Witwer mit all seinem Schmerz und Zweifeln total berührend. Ein Film, der auch kindertauglich über Trauerarbeit erzählt.

Deutschland 2022; 112 Min; R: Alain Gsponer; D: Frederick Lau, Romy Schroeder, Hannah Herzsprung, Barbara Auer, Nicolette Krebitz, Kida Khodr Ramadan, Reinout Scholten von Aschat;

DIE SAAT ( Der Existenzkampf einer unbescholtenen Familie) Kinostart: 28.4.2022

So wie viele andere auch, trifft es die sympatische Familie Matschek. Wegen der steigenden Mieten in der Stadt, wagen Rainer (Hanno Koffler), seine schwangere Frau Nadine ( Anna Blomeier) und ihre 13-jährige Tochter Doreen (Dora Zygori) einen Neuanfang auf dem Land, wo sie in ein renovierungsbedürftiges Haus ziehen. Für Rainer kein Problem, denn er ist handwerklich sehr geschickt. Außerdem hat er auf verschiedenen Baustellen gearbeitet und hat nun das Glück, bei einem Projekt zum ersten Mal die Bauleitung zu übernehmen, was sich auch finaziell positiv bemerkbar macht. Nadine geht ihrem Beruf als Krankenschwester nach. Noch sieht alles ganz gut aus.

Nur Doreen hat Heimweh nach ihrem alten Zuhause. Was soll ein dreizehnjähriges Mädchen auch machen, wenn die Eltern aus Kostengründen einen Umzug beschliessen. Für das Mädchen ist es besonders schwer, sich einzugewöhnen.

Um so erfreuter ist sie, als sie glaubt in der wohlhabenden Nachbarstochter Mara (Lilith Julie Johna) eine Freundin gefunden zu haben. Doch Mara ist mit allen Wassern gewaschen und entpuppt sich als hinterhältiges kleines Aas, indem sie die vernüftige Doreen zu wechselnden Bösartigkeiten anstiftet. Maras Eltern schauen auf die neuen Nachbarn von oben herab und sind über den Kontakt ihrer Tochter mit Doreen eh nicht erbaut.

Doch das Rainer seinen Bauleiterposten zu gunsten des nur auf Profit ausgerichteten neuen Vorgesetzten Jürgen Kleemann (Andreas Döhler) verliert, trifft die Familie hart. Die Lage spitzt sich zu.

Rainer stellt sich in einer Baufirma, deren Chef seinen alten Arbeitgeber kennt, als Bauleiter vor. Sätze wie, sie sind ein fleissiger Typ aber als Bauleiter kann ich sie erst einstellen, wenn sie mehr Erfahrung gesammelt haben. Wie soll das funktionieren, wenn man den Leuten keine Gelegenheit gibt.

Also schuftet der Familienvater weiter auf der Baustelle, hört sich die verlogenen Ausflüchte des geldgierigen und kaltherzigen Firmenerben Klose ( Robert Stadelober) an und setzt sich den Schikanen des Vorgestzten Kleemann witerhin aus. Immer wieder stellt er sich schützend vor seine Kollegen. Das Maß ist voll, als Kleemann hinterrücks auch noch Leute von einer Leihfirma anstellt und dreist behauptet, sie seien nur zur Unterstützung da. Niemand verliert seinen Job. Nicht mal der Polier wusste davon.

Zuhause türmen sich Rechnungen und Mahnungen, Mahnungen und Rechnungen. Rainer arbeitet noch zusätzlich nachts bei einer Autowaschanlage, Nadine, die Sonderschichten schiebt, bricht zusammen und muss ins Krankenhaus, es heisst, sie muss sich wegen der Schwangerschaft unbedingt schonen.

Kollege Fiedrich soll auf Beschluss von Kleemann gehen. Vorher hiess es noch, da die Firma einen heissersehnten Zuschlag bekommen hat, ein Verdienst aller Arbeiter und für die nächsten zwei Jahre seien die Arbeitsplätze für alle gesichert. In Wirklichkeit steht der Bus mit den Leiharbeitern vor der Tür. Die Männer streiken, Rainer ist der Anführer. Geschlossen stellen sie sich vor den Kollegen Friedrich.

Drüben im Bus befindet sich für jeden von euch ein Ersatz. Entweder ihr arbeitet jetzt weiter oder ich sorge dafür, dass keiner von euch einen Job auf einer Baustelle bekommt“ brüllt Kleemann. Die Kollegen ziehen sich zurück. Auch Rainer muss gehen. Er rastet aus. Endlich.

Regisseurin Mia Maariel Meyer („Treppe aufwärts“), die das Drehbuch zusammen mit ihrem Mann und Hauptdarsteller Hanno Koffler geschrieben hat, lässt den Zuschauer noch am Anfang des Dramas in dem Glauben, dass sich alles zum Guten wendet. Doch immer schneller wird klar, dass der familiäre und soziale Existenzkampf der unbescholtenen Familie kaum zu gewinnen ist. Packend und bedrückent.

Die hässliche Fratze des Kapitalismus gewinnt die Oberhand. Irgendwann wird die Saat aufgehen…

DIE SAAT hatte seine Weltpremiere auf der Berlinale 2021 in der Sektion Perspektive Deutsches Kino.

Deutschland 2021; 100 Min; R: Maariel Meyer: D: Hanno Koffler, Dora Zygouri, Andreas Döhler, Annaomeier, Robert Stadelober; (www. missingfilms.de)