DER BAUER UND DER BOBO (DOKUMENTARFILM) Kinostart: 29.9.2022

Der Bio-Bergbauer Christian Bachler und der Chefredakteur Forian Klenk können unterschiedlicher nicht sein.

Bachler bewirtschaftet den höchstgelegenen Bauernhof der Steiermark, Klenk, studierter Jurist, gibt in Wien die österreichische Wochenzeitung „Falter“ heraus. Als Klenk ein umstrittenes Schadensersatzurteil gutheißt, welches gegen einen Bauern gefällt wurde, rastet Bachner aus. Auf Facebook macht er sich Luft und fordert den Bobo (bourgeoiser Bohemien), umgangssprachlich ein meist jüngerer liberaler und gebildeter Wohlstandsbürger, der authentische, nicht konformistische Werte sucht, auf, ein Praktikum auf seinem Hof zu machen. „Der Typ gehört von seinem hohen Ross runter.“ Auf einem Video beschimpft er ihn fünfzehn Minuten lang. Klenk nimmt die Herausforderung für eine Woche auf der Alm mitzuarbeiten an. Dann kann er eine Gesellschaftsreportage über das Leben eines Bauern schreiben.

Bachler mußte den Hof nach dem Schlaganfall seines Vaters weiterführen. Am Ende des Monats bleibt ihm so gut wie nichts übrig. Im Netz ist er als Wutbauer fast schon legendär.

Der Satz: „Lieber verrückt als einer von euch prangt in weißen Großbuchstaben auf seinem grauen T-Shirt.

Für seine Tiere sorgt er vorbildlich. Er betreibt eine alternative Landwirtschaft mit Kühen, Alpenschweinen, Yaks, Hühnern und Gänsen. Eine alternative Landwirtschaft mit Almbetrieb und Selbstvermarktung. Mit zwanzig Jahren hat er den Hof übernommen. Mit Hilfe von Krediten hat er eine konventionelle Milchproduktion aufgezogen. Als sich die Subventionen änderten, brach der Milchpreis ein. Nebenbei stellt er noch Zirbelschnaps her. Obwohl er einen Umstieg in die alternative Landwirtschaft wagte, blieben seine Schulden. Bachner führt einen Hof, wie man ihn aus alten Kinderbüchern kennt. Klenk bekommt immer mehr Einblick in die Sorgen des Rebells. Als er erfährt, dass die Raiffeisenbank den Hof versteigern will, reagiert der Journalist nicht etwa mit einem Artikel in seinem Blatt, sondern startet via facebook eine Crowdfunding – Aktion. Innerhalb von zwei Tagen spenden 13.000 Nutzer 420.000 Euro. Die Menschen sind beeindruckt von seinem fürsorglichen Umgang mit den Tieren. Mit Klenks Hilfe ist Christian Bachner schuldenfrei, was nicht bei jedem gut ankommt.

Bachner macht nun im Gegenzug, eine Art Praktikum in der Redaktion vom „Falterberger“, wie er ihn in seiner Wut nannte.

Regisseur Kurt Langbein nutzt in seinem Dokumentarfilm geschickt den Streit seiner beiden Protagonisten bis zur letzten Minute aus, um die Gegensätze zwischen Stadt und Land, Wirtschaft und Ökologie, Tradition und Fortschritt unterhaltsam darzustellen. Der Zuschauer bekommt einen Einblick in das brutale System von Agrarindustrie und Subventionspolitik, in dem sich Konsumenten nicht auskennen können und es auch gar nicht sollen und in die Bedeutung der sozialen Medien, die der Bauer geschickt nutzt. Hinzu kommt die fortschreitende Klimaveränderung, die erneut ein Umdenken erfordert und die Existenz bedroht.

(Der promovierte Jurist, Buchautor, Blogger und Enthüllungsjournalist Florian Klenk ist seit 2012 Chefredakteur der Wiener Wochenzeitung „Falter“. Sein Buch „Bauer und Bobo“ wurde im Herbst 2021 zum viel beachteten Bestseller.)

Österreich 2022; 96 Min. Regie und Drehbuch: Kurt Langbein

LIEBE, D-MARK UND TOD (Dokumentarfilm) Kinostart: 29.9.2022

Anfang der Sechzigerjahre kamen viele Türken zum Arbeiten nach Deutschland, sogenannte „Gastarbeiter“. Sie brachten ihre Musik und ihre Kultur mit. Sie kamen, weil Deutschland sie brauchte. „Liebe, D-Mark Und Tod“ ist ein Streifzug duch die türkische Musikszene von damals bis heute. Musik, durch die die Menschen ihre Gefühle zum Ausdruck gebracht haben, hin-und hergerissen zwischen dem Fremdsein und der Sehnsucht nach ihrer Heimat und ihren Kindern, die sie oftmals zurück lassen mußten.

Der Dokumentarfilm von Cem Kaya setzt sich intensiv, mal traurig, mal humorvoll, mit der deutsch-türkischen Kultur auseinander. Es geht um große Gefühle, denn viele Ankömmlinge spürten eine große Trauer, beim Wegehen aus ihrer Heimat in ein fremdes Land, wo sie die Sprache nicht verstehen und respektlose Arbeits-und Lebensbedingungen vorfinden. Ein gutes Drittel der „Gastarbeiter“ waren Frauen, von denen es immer hiess, dass sie Nachzügler seien, sie kamen als Arbeiterinnen und wurden in sogenannte Leichtlohn-Gruppen eingeteilt, in denen sie weniger verdienten als die Männer für vergleichbare Arbeit. Ihr Ventil, um Frust, Schmerz und Trauer zu verarbeiten, war ihre Musik, deren Liedtexte in türkischer Sprache von Armut, Heimweh und Aussenseitertum, bis hin zu Abschiebungen, als man sie nicht mehr brauchte, führte. 1000sende von Kassetten wurden in Deutschland produziert und verkauft, Liebeslieder wechselten mit Protestsongs festgehalten auf Kasetten, die man vielseitig hören konnte. Im Auto, Zuhause und sonstwo, einen Recorder konnte man überall mithinnehmen. Was sollten sie auch in ihrer Freizeit tun. Sie konnten oftmals die Sprache nicht, was teilweise auch regelrecht erwünscht war, Deutsche wollten mit ihnen nichts zu tun haben und so wurden die Bahnhöfe zu Wartesälen der Heimat. Viele Lieder handelten von Trennung. Fast alle Exilanten fühlten mehr oder weniger dasselbe.

5- 600 türkische Künstler produzierten inzwischen insgesamt Millionen von Kassetten. Viele türkische Künstler:innen eroberten die Bühnen, wie zum Beispiel den Türkischen Basar in der Berliner Bülowstraße.

1973 sorgte die globale Ölkrise für eine Rezession. Es brechen viele wilde Streiks aus. Gründe, ungerechte Bezahlung und krankheitsbedingte Kündigungen, von denen, die „Gastarbeiter“ als erste betroffen waren. Cem Karaca war einer der berühmtesten Protestsänger und wurde zur schillerndsten Figur, die die deutsch-türkische Popkultur hervorgebracht hat. Schon in seiner Heimat war der 2004 Verstorbene ein Rockstar. 1984 wurde sein Album „Die Kanaken“ veröffentlicht. Eines der tollsten Archivclips in diesem Film ist der Auftritt von ihm beim Festival des politischen Liedes in Ost-Berlin in den 1980er Jahren. Er war bekannt dafür ohne Mikro zu singen.

Der Pop Pionier, Hatay Engin gehört in Deutschland zu den wichtigsten Vertretern der Sanat Müzik. Seine Auftritte im Türkischen Bazar am stillgelegten U-Bahnhof Bülowstraße waren legendär. Ein Ort, in dem die türkischen Gastarbeiter ein Heimatgefühl gefunden haben. Auch viele türkische Frauen haben ihre Liebe zur Musik entdeckt und treten auf. Hier und in der Kreuzberger Oranienstraße war das türkische Nachtleben am stärksten verbreitet. Viele türkische Kinder waren auf den Straßen zu sehen.Da die Eltern arbeiten mussten, waren sie sich selbst überlassen.

Es gab damals nicht einen einzigen türkischen Hochzeitssaal. Auf türkischen Hochzeiten wird in der Regel viel Geld ausgegeben. Das Exil machte die Menschen spendabel. Auch die Deutsche Mark war damals viel wert. Auch viel Schwarzgeld war im Umlauf.

1982 steigt die Ausländerfeindlichkeit an. Gewalttaten und Anschläge gegen Ausländer häuften sich. Ein Teil der Menschen ging wieder zurück.

Es kursierte der Song: „Oh Germany, du tust mir manchmal weh“. Inzwischen singen auch die türkischen Künstler auf deutsch. Auch heute ist die Hasenheide ein beliebter Treffpunkt für türkische Bürger, wo man Musik machen kann, denn viele von ihnen sind geblieben. Bis heute ist das Verhältnis von Deutschen zu Türken leider noch immer mit Vorurteilen belastet. Vielleicht kann ja dieser erhellende Film dazu beitragen, dass sich etwas ändert. Cem Kaya ist für seinen Film tief in die Archive gestiegen und das Ergebnis beschert uns ein halbes Jahrhundert unterhaltsame Musikgeschichte, von der Liebesschnulze bis zum wütenden Protestsong.

Bei der Berlinale wurde Liebe, D-Mark und Tod mit dem Panorama Publikumspreis ausgezeichnet.

Deutschland 2022; 96 Min; R: Cem Kaya

IM WESTEN NICHTS NEUES (Edward Berger (Jack) hat für Netflix den Antikriegsklassiker verfilmt, der ins Oscarrennen geschickt wird) Kinostart: 29.9.2022. Ab dem 28. Oktober beim Streaming-Dienst Netflix zu sehen.

IM WESTEN NICHTS NEUES von Erich Maria Remarque gilt als Klassiker der Anti-Kriegslite-ratur (1928). Das Buch schildert die Grauen des Ersten Weltkrieges aus der Sicht eines Jungen Soldaten, basierend auf seinen eigenen Erlebnissen. Es ist der bisher meistverkaufte deutsche Roman weltweit.

Die erste deutsche Verfilmung dieses Bestsellers, mit Schauspieler Felix Kammerer in der Hauptrolle startet am 29.September in den Kinos und wird ab 28.Oktober beim Streaming- Dienst Netflix zu sehen sein. Gerade hat der deutsche Oscar-Vorschlag in Toronto seine umjubelte Weltpremiere gefeiert.

In Edward Bergers Film steht der 17-jährige Rekrut Paul Bäumer (Felix Kammerer) im Mittelpunkt dieses Dramas, in dem es keine Sieger und Gewinner gibt. Er und seine Kumpels Albert (Aaron Hilmer) und Müller (Moritz Klaus) sind fasziniert von den patriotischen Reden ihres Lehrers und können es kaum erwarten, sich freiwillig zum Dienst an der Waffe zu melden. „Bald erschiessen wir unseren 1. Franzosen“. Laut singend und voller Stolz sind sie losgezogen. Es sind Kindersoldaten, die in verschlammten Schützengräben landen, um zu retten, was noch zu retten ist. Die Zukunft Deutschlands liegt in seiner jungen Generation. Es ist das Frühjahr 1917. Nordfrankreich an der Westfront.

In der ersten Szene sieht man die bittere Realität dessen, was die jungen Menschen erwartet. Auf dem Schlachtfeld in Frankreich rennt ein junger Soldat auf den Feind zu, während um ihn herum seine Kameraden fallen, es dauert nicht lange, bis auch er fällt. Seine Uniform wird aufgesammelt, von Näherinnen geflickt, dann nach Deutschland zurückgeschickt, wo sie an Paul weiter gegeben wird. Und das passiert mit allen Leichen bevor sie in ein Massengrab geworfen werden. Man zieht ihnen die Uniformen aus, bringt sie mit dem Zug nach Deutschland, wäscht das Blut heraus, flickt sie wieder zusammen, am Ende sehen sie wieder fast wie neu aus. Der Krieg eine Maschine, ein ewiger Kreislauf des sinnlosen Untergangs.

Edward Berger wollte einen Film machen, der einem die Faust in die Eingeweide rammt. Das ist ihm gelungen. Er hat einen Kriegsfilm geschaffen, der bei dem Zuschauer ein intensives visuelles Kinoerlebnis hinterlässt, wie man es beim deutschen Film eher selten erlebt. Man sieht diesen Film nicht nur man hört und spürt ihn bis tief in die Magengegend. Er zeigt den Ersten Weltkrieg in seiner Grausamkeit und Erbärmlichkeit und dem Zynismus derer die ihn in eleganter Atmosphäre angezettelt haben und nicht im Dreck und Matsch der Schützengräben um ihr Leben bangen und mitansehen, wie Kameraden um sie herum getötet werden, in einem sinnlosen Stellungskrieg.

Eine ganz grosse Entdeckung ist der junge Österreicher Felix Kammerer, ein Mitglied des Wiener Burgtheaters, der in der Rolle des Paul Bäumer seinen ersten Leinwandauftritt hat. Ihn begleitet man durch den physischen und psychischen Schlachtfeldhorror dieser brutalen Entmenschlichung zwischen sinnlosem Schlachten und Momenten der Ruhe. Besonders wenn vor lauter Dreck und Schlamm nur noch seine grossen, verängstigten Augen zu sehen sind, zieht einen sein Spiel fast magisch, voller Empathie an. Richtig böse wird es, wenn Berger vom Original abweicht und die Handlung ans Ende dieser Gräuel verlegt. Daniel Brühl spielt den liberalen Abgeordneten Erzberge, der sich in einem Zugabteil mit Marechal Foch trifft, um die Kapitulation zu besprechen im November 1918, was bei den Soldaten eine befreiende Hoffnung auslöst, die sich dann aber wieder zerschlägt. Devid Striesow spielt den General der bei Wein und Geflügel die Moral der gebeutelten Truppe beklagt und gegen eine Kapitulation ist. Noch 15 Minuten Waffenstillstand, dann geht der Wahnsinn von vorne los, vom deutschen General befohlen. Wieder werden die Plaketten der toten Soldaten eingesammelt. Es starben über 13 Millionen Soldaten.

„Im Westen nichts Neues“ verlangt dem Zuschauer Einiges ab an Bildern, die kaum zu ertragen sind und dennoch schaut man wie hypnotisiert auf die Leinwand, weil sich dieser deutsche Anti-Kriegsfilm von seiner Machart durch ein hohes Niveau auszeichnet. Deutsches Kino, wie man es leider viel zu selten zu sehen bekommt.

Deutschland 2022; 148 Min. R: Edward Berger (Jack) ; D: Felix Kammerer, Albrecht Schuch, Edin Hasanovic, Daniel Brühl, Devid Striesow, Sebastian Hülk

TAUSEND ZEILEN ( Michael Bully Herbig hat den Medienskandal (2018) um den Journalisten Claas Relotius als Filmsatire verfilmt.)

Für die Mediensatire „Tausend Zeilen“ von Michael Bully Herbig schlüpft Elias M`Barek gekonnt in die Rolle eines Auslandsreporters, der die Recherchen eines, von seiner Redaktion hochgelobten,

preisgekrönten Kollegen anzweifelt und damit seinen eigenen Job und sein Familienleben auf`s Spiel setzt. Er trägt eine Perrücke, hat etwas zugenommen, um etwas anders auszusehen, als wie gewohnt.

Der Film basiert auf dem Skandal um Claas Relotius, der ungefähr über 60 Artikel für den Spiegel und andere Presseorgane gefälscht haben soll und 2018 von dem Mitarbeiter Juan Moreno aufgedeckt wurde und der über den Skandal Relotius und der deutsche Journalismus das Buch „Tausend Zeilen Lüge“ schrieb.Im Film wurden nur die Namen geändert in Lars Bogenius (Jonas Nay) und Juan Romero (Elyas M´Barek.

Zusammen mit Bogenius soll der freie Journalist Romero die Titelgeschichte für ein angesagtes Politmagazin schreiben. Es geht um Flüchtlingsströme und Bürgerwehren an der Grenze zwischen den USA und Mexiko.Romero führt seine Recherchen auf der mexikanischen Seite und Bogenius bevorzugt die amerikanische Seite. Romero muss als freier Mitarbeiter für seine Recherchen sehr viel Zeit und akribischen Fleiss aufwenden, muss durch die Welt reisen, um Aufträge regelrecht kämpfen, um seine Familie (Frau und vier Kinder) zu ernähren, im Gegensatz zu Bogenius, dem alles zuzufliegen scheint und dann soll dem Starjournalisten auch noch zuarbeiten. Doch Romero stösst auf einige Ungereimtheiten in dessen Text, die Bogenius versucht kreativ auszuräumen. Romero, der Lügen hasst, wendet sich an seinen Ressortleiter (Michael Mertens) und den Chefredakteur (Jörg Hartmann), die ihm nicht glauben und ihm Eifersucht unterstellen. Bogenius, ein Blender vor dem Herrn, tritt bescheiden und höflich auf und versteht es geschickt die gesamte Zeitungswelt zu blenden, hingegen Romero um seinen Job zittern muss. Herbig wendet einen aufkärerischen Trick an: Er stellt Bogenius` angeblich wahre Story als reale Szene nach und man sieht Romero ins Bild hineinlaufen und es friert ein. Man glaubt ihm aber noch immer nicht. Also greift er zu einer anderen Methode: Er spricht direkt in die Kamera, zum Zuschauer, um ihn auf seine Seite zu ziehen. In Wirklichkeit sind sich Relotius und Moreno nie begegnet. Es handelt sich letztlich um eine Satire und da ist eine Zuspitzung durchaus erlaubt. Wer sich wirklich zum Affen macht ist die Chefetage, Duo Hartmann und Mertens, die sich durch ihre Verblendung und Gier nach hohen Auflgezahlen, durch nichts beirren lassen und die durch ihren Dialogwitz für Unterhaltung sorgen.Geschickt verstand es Relotius ihre Erwartungshaltung und die der liberalen Leserschaft zu erfüllen. Als seine Fälschungen aufflogen (2018), löste das den grössten Presseskandal seit der im Stern (1983) veröffentlichen Hitlertagebücher, aus. Was Herbig in seinem Film versäumt, der Figur des Betrugsreporters auf den Zahn zu fühlen. Statt dessen berührt die Geschichte Romeros das Herz des Zuschauers. So herrlich böse wie der Film „Schtonk“ (1992) ist Herbig nur ab und zu. Wahrer Journalismus ist ein hohes Gut, was auf keinen Fall verkommen darf!

Deutschland 2021; 90 Min.; R: Michael Bully Herbig; D: Elias M´Barek, Jonas Nay, Marie Burchard, Michael Ostrowski, Michael Mertens, Jörg Hartmann

REX GILDO – DER LETZTE TANZ (Doppelspiel eines Schlagerstars) Kinostart: 29.9.2022

Rex Gildo, geboren am 2. Juli 1936 als Ludwig Franz Hirtreiter in Straubing. Gestorben: Am 26 Oktober 1999 mit 63 Jahren in München. Er war Schauspieler und Schlagersänger. Er zählte mehrere Jahrzehnte zu den erfogreichsten Schlagerinterpreten.

Der smarte Ludwig Hirtreiter, Verkäufer in einem Herrenausstattungsladen, staunt nicht schlecht als ein älterer Herr den Laden betritt und kundtut, dass er auf der Suche nach einem Anzug ist und darauf besteht,von dem männlichen Verkäufer bedient zu werden. Hirtreiters Kollegin zieht sich zurück. Es handelt sich bei dem Kunden um Fred Miekley, („ein Gentleman aller erster Güte“) gespielt von Ben Becker. Miekley war im Krieg Pilot und betreibt eine eigene Filmfirma. Noch am selben Abend lädt er Ludwig in ein nobles Restaurant ein. Von nun an wird Fred sein Manager und Liebhaber. Er sorgt dafür, dass Ludwig Schauspielunterricht bekommt und nicht nur das, auch Tanz -und Gesangsunterricht stehen auf der Agenda. Fred zwingt ihn regelrecht dazu. Mit seiner Hilfe und Hartnäckigkeit schauspielert und singt sich Ludwig in den 60ziger Jahren zum Liebling der Nation, unter dem Künstlernamen Rex Gildo, den seine Agentin Ada Tschechowa, Mutter der Schauspielerin Vera Tschechowa, die ihn beim Tanzen gesehen hat und begeistert war, für ihn ausgesucht hat. Der deutsche Schlager war zu der Zeit sehr populär. Er sang zusammen im Duett mit Conny Froboess, stand im Film mit ihr vor der Kamera und fand bei ihrer Familie ein richtiges Zuhause. Über seine Vergangenheit sprach er so gut wie nie. Als Cornelia sich entschloss eine richtige Schauspielausbildung zu machen und dem Schlagergeschäft adieu sagte, trat er später mit Gitte Haening zusammen auf. 1962 landete Rex einen Nr. 1 Hit, Speedy Gonzales. Die miefigen und piefigen 50er Jahre waren vorbei und die 60er wurden wieder leichtlebiger. Gitte und Rex wurden ein tolles Duo und und viele Fans wünschten sich, dass sie auch ein Paar werden. Was sich wie eine tolle Karriere anhört, war überschattet von Gildos ständiger Angst, seine Homosexualität könnte public werden. In der Öffentlichkeit war Fred sein Onkel und er der Neffe. Er tat alles, um sein Image als Frauenliebling zu festigen. Gitte war damals in einen dänischen Trompeter verliebt und hatte absolut keine Lust auf so ein Spiel. Natürlich blieb es ihr nicht verborgen, dass er schwul war. Auch Fred, der Ludwig zum Star Rex Gildo geformt hat,verzichtet auf eine Liebe in der Öffentlichkeit. Nach aussen sind sie Onkel und Neffe. Basta.

Es war auch die Zeit des Wirtschaftswunders. Man fuhr wieder nach Italien und liebte Lieder aus fernen Ländern. 1972 landete Rex seinen Superhit FIESTA MEXIKANA, den Hit mit dem dreifachen HOSSA. Dank seines Äusseren, konnte er so ein Lied mit grosser Glaubwürdigkeit singen. Da ihm die Haare ausgingen trug er eine dichte schwaze Perrücke, darüber musste Stillschweigen bewahrt werden, seine Haut solariumsgebräunt, die Zähne schneeweiss. Das Lied bringt ihm eine Ehrenbürgschaft in Mexiko ein. Fred und Rex geniessen die Zeit, wo ihm die ganze Welt zu Füssen liegt. Immer noch verfolgen ihn die Ängste, dass sein Schwulsein entdeckt wird. Er heiratet seine Cousine Marion. Die Bild-Zeitung macht eine Titelgeschichte aus der Hochzeit.

Rosa von Praunheim mixt Aussagen von Zeitzeugen:innen wie Conny, Gitte, Cindy, von Cindy und Bert, Vera Tschechowa, Costa Cordalis und Bernhard Brink, mit Spielszenen und Geschichten aus seiner eigenen Biografie zusammen. Auch Gildos Haushälterin kommt zu Wort.

Bei all diesen Vertuschungversuchen war Gildo todunglücklich. Die Gerüchte verdichten sich immer mehr. Im Laufe der Zeit wurde er immer mehr zu einer Karikatur. Er tat alles, um seine Jugendlichkeit nach aussen hin zu bewahren.

Drei in Schwarz gekleidete ältere Ladies sitzen mit ihren mitgebrachten Klappstühlen vor seinem Grab und widerlegen sämtliche Gerüchte, die über ihn kursieren. Die drei Ladies tauchen öfter auf.

In dieser Mischung aus Dokumentar und Spielfilmszenen sehen wir eine tragische Figur, die jahrelang von einer selbst auferlegter Täuschung verfolgt wurde und auf dem in den 1950er und 60er Jahren ein enormer Druck lastete. Dieser Film ist auch eine Zeitreise und erinnert an so Einiges, was man vielleicht schon vergessen hat.

Statt hossa, hossa, hossa, ruft man: „traurig, traurig, traurig“. Wir sehen einen „künstlichen Künstler“, obwohl er 40 Millionen Schallplatten verkaufte und in 30 Spielfilmen mitwirkte. Nach Freds Tod, 1988, riss es ihm den Boden unter den Füssen weg. Er wurde Alkohol-und Medikamentenabhängig. So das Gerücht.

In den Spielszenen sehen wir den Newcomer Kilian Berger als jungen Rex Gildo und Kai Schumann in der Rolle des ältern Rex Gildo.

Deutschland: 2022; 88 Min.; Regie: Rosa von Praunheim; Buch: Nico Woche, Rosa von Praunheim

Kamera: Lorenz Haarmann; Darsteller: Kilian Berger, Ben Becker, Kai Schumann, Julia, Klawonn

MITTAGSSTUNDE (Ein Mann, Schauspieler Charly Hübner, kehrt zurück in das Dorf seiner Kindheit. Nichts ist mehr so, wie früher) Kinostart: 22.9. 2022

MITTAGSSTUNDE…….Eine gut getroffene Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers der Autorin Dörte Hansen.

Der 47-jährige Kieler Archäologe Ingwer Feddersen (Charly Hübner) nimmt sich einen Jahresurlaub von der Uni, um sich in seinem Heimatdorf Brinkebüll um seine alten Großeltern zu kümmern und wenn nötig, auch zu pflegen. (Peter Franke und Hildegard Schmahl) Den Ort, in dem er seine Kindheit verbracht hat, erkennt er kaum wieder.

1965 kamen die Landvermesser ins nordfriesische Brinkebüll, um eine Flurbereinigung vorzubereiten. Aus kleinen Feldern wurden große Ackerflächen, die alte Kastanie auf dem Dorfplatz ist verschwunden, die Strassen sind leer und die Störche sind nicht mehr zu sehen. Die Dorfschule ist geschlossen und den Tante Emma Laden gibt es auch nicht mehr und das Kopfsteinpflaser wurde durch eine Schnellstrasse ersetzt. Viele Bauern gaben auf, weil ihre Mischbetriebe nicht mehr rentabel waren. Die Kinder zogen in die Stadt. Man hat das Gefühl, das ganze Dorf liegt im Sterben.

Für den Film wurde die alte Gaststätte Görrissen zum Gasthof S. Feddersen, die seine Großeltern bewirtschafteten. Das fiktive Dorf Brinkebüll verkümmerte in den 1950er Jahren ganz allmählich.

Marret Feddersen, die leicht verrückt ist, dachte damals, die Welt geht unter. Als die unruhestiftenden Landvermesser weg sind, ist die 17-jährige Marret (Gro Swantje Kohlhof) schwanger. Ihre Eltern, Sönke und Ella (Rainer Bock und Gabriela Maria Schmeide) ziehen den Jungen Ingwer groß. Er nennt sie Mudder und Vadder. Sie hoffen, dass er später den Gasthof übernehmen wird. Doch Ingwer zieht nach dem Abitur nach Kiel.

Nun ist er zurück und man sieht ihm die Trauer über den Verlust an. Vieles wird als Kuddelmuddel abgetan, denn Ingwer redet nicht viel und dramatisiert auch nichts und doch dreht sich im Film alles um ihn. Es werden Erinnerungen wach nach der Zeit, als die Mittagsstunde noch etwas besonderes war und gleichzeitig spürt er die Sehnsucht, sich von seiner Herkunft zu lösen und ob er sein Leben weiter so leben soll wie bisher.

Regisseur Lars Jessen, der sich schon seit vielen Jahren mit dem Aussterben der Landgasthöfe beschäftigt, lässt die Geschichte auf verschiedenen Handlungsebenen spielen. Sein Film ist geprägt von einer gewissen Wehmut, ohne die Vergangenheit besonders zu verklären. Die Schlager aus der Musikbox im Gasthaus tun ihr Übriges wie zum Beispiel: „Regentropfen, die an mein Fenster klopfen…..“. Charly Hübner verkörpert seine Rolle mit leiser Wehmut und einer authentischen Wahrhaftigkeit, die man selten erlebt. „Mittagsstunde“ ist ein unspektakulärer, feinsinniger Glücksfall für das Kino.

Deutschland 2022; 93 Min.; R: Lars Jessen; D: Charly Hübner, Peter Franke, Rainer Bock, Hildgard Schmahl, Gabriela Maria Schmeide, Gro Swantje Kohlhof

PETER VON KANT (Neuinterpretation des Fassbinder Dramas DIE BITTEREN TRÄNEN DER PETRA VON KANT) Regie: Francois Ozon Kinostart: 22.9. 2022

PETER VON KANT ist eine Adaption und freie Interpretation des Stücks DIE BITTEREN TRÄNEN DER PETRA VON KANT, sowie des gleichnamigen Films von Rainer Werner Fassbinder (1972). Die Rolle der Petra von Kant wurde damals von Margit Carstensen gespielt.

Regisseur Francois Ozon liess es sich nicht nehmen zur Eröffnung des Queeren Filmfestival nach Berlin zu kommen, um das Festival persönlich mit seinem Film „Peter von Kant“ zu eröffnen. Seine Premiere hatte der Film bereits auf der diesjährigen Berlinale. Sein Film ist eine Hommage an sein Idol Rainer Werner Fassbinder, der für ihn wie ein großer Bruder war. Im Original spielt der Film in der Modewelt, bei Ozon zeigt er eine Welt des schönen Scheins, die Filmbranche.

Der erfolgreiche Filmregisseur Peter von Kant (Denis Ménochet) bewohnt eine großzügige Atelier-Wohnung in Köln, zusammen mit seinem Assistenten Karl (Stefan Crépon), der schon drei Jahre bei ihm lebt, alles über Peter weiss und alles sieht, stumm seine Arbeiten versieht und sich den strengen Befehlston seines „Herrn“ ohne aufzumucken, gefallen lässt. Was er fühlt und denkt sieht man in seinem Blick und seinem Gesichtsausdruck.

Wie sagte schon Gloria Swanson in BOULEVARD DER DÄMMERUNG: „Wir müssen nicht sprechen. Wir haben ein Gesicht“.

An der Wand hinter Peters Bett hängt ein Riesenportrait seiner ehemaligen Muse Sidonie (Isabelle Adjani), die ihm den jungen Amir vorstellt, den sie auf einer Reise kennengelernt hat. Peter ist fasziniert von dem dunkelhaarigen Jüngling, dem er eine Filmrolle in Aussicht stellt. Vor einer Kamera erzählt Amir aus seinem Leben. Peter gefällt, wie offen Amir (Khalil Gharbi) über sein Leben redet und will ihn zu einem „Star“ machen. Von nun an verbringen die beiden viel Zeit miteinander. Mit der Rolle hat es geklappt , mit seinen überwältigenden Liebesschwüren nimmt er Amir die Luft zum atmen. Aus einem anfänglichen Flirt wird eine toxische Liebesbeziehung. Je mehr sich Amir von ihm nichts mehr sagen lässt und alleine ausgeht, wächst die Eifersucht in Peter. Amir braucht ihn nicht mehr, die Presse hat ihn entdeckt und es wird über ihn geschrieben. Nach einem Streit verlässt Amir die Wohnung, fliegt nach Frankfurt, lässt sich noch das Geld für das Flugticket geben und trifft dort seine Frau. Ob er zurückkommt, weiss Peter nicht. Verzweifelt lebt er nun wieder mit Karl allein in der Wohnung. Die Wände sind bestückt mit Fotos von Amir. Sein Selbstmitleid steigert sich in eine Wut und er beschimpft seine 14-jährige Tochter (Aminthe Audiard), Sidonie und seine Mutter Rosemarie (Hanna Schygulla), sich nur von ihm aushalten gelassen zu haben und er der Einzige ist der leidet. Ausserdem rechnet er mit wahren Worten mit der Filmbranche ab und bricht zusammen. Einmal Mutti, immer Mutti, Rosemarie singt dem erwachsenen Mann ein Schlaflied. Karl und das macht er großartig, kommentiert das Geschehen wie immer stumm, mit seinen Augen und seiner Mimik.

Ab und zu erklingt im Hintergrund, von Sidonie auf deutsch gesungen: „Each man kills the thing he loves“ (Jeder tötet, was er liebt“) ein Song, den Jeanne Moreau zum ersten Mal in dem Film QUERELLE sang und der zum „Ohrwurm“ werden kann.

„Peter von Kant“, eine bitterböse Satire auf den Kult der Berühmtheit.

Frankreich/Belgien 2022; 85 Min.; R: Francois Ozon; D: Denis Ménochet, Khalil Gharbia, Isabelle Adjani, Stefan Crépon, Hanna Schygulla

INTO THE ICE (Dokumentarfilm) Kinostart: 15.9.2022

Der dänische Regisseur Lars Henrik Ostenfeld begleitet drei Wissenschaftler:innen zu den schmelzenden Gletschern Grönlands, die für einen weltweiten Anstieg des Meeresspiegels sorgen werden. Ihre Messungen erklären, wie sich das Klima auf unserem Planeten verändern wird. Schmilzt es durch Temperaturen, die in der Arktis doppelt so schnell steigen, wie anderswo, verlieren auch Kleinstlebewesen ihre Lebensgrundlage. Die Gletscher sind zutiefst gefährdet.Das Forscherteam geht mit großem Respekt vor der Natur an seine Arbeit.

„Mit dem Ice ist es so: Man muß zuhören. Dann wird es einem seine Geheimnisse preisgeben. Man kann das Eis nur wirklich erforschen, wenn man vor Ort ist“. In der Stille um sie herum, hört man den Klang des Eises besonders laut. Es knackt,, kracht, reißt und rauscht. Man muß nicht nur Forscher sondern auch Abenteurer sein, um diese Arbeit zu verrichten. Der Brite Alun Hubbard steigt bis zum Boden in ein 180 Meter tiefes Loch, in der Fachsprache Gletschermühle genannt. Ein gefährliches Unterfangen. Er will feststellen, ob sich unter dem gefrorenen Boden, flüssiges Wasser befindet, ein Merkmal dafür, dass das Eis noch schneller schmilzt, als bisher angenommen. Die spektakulären Abstiege sorgen für Bilder von beindruckender Faszination und gleichzeitig sorgen sie auch für ein beängstigendes Schockpotential. Eine bevorstehende Katastrophe in Zeitlupe. Wir sehen Bilder, die es wahrcheinlich demnächst nicht mehr gibt. Da wir alle miteinander verbunden sind, betrifft uns diese Schmelze alle. Ich bin überzeugt davon, dass diese Reise ins Eis bei dem Team auch etwas mit ihrem eigenen Inneren macht. Wir sehen Bilder, sie stehen direkt davor.

Off -Erzähler ist übrigens Campino, der unbedingt dabei sein wollte.

OT: Rejsen til isens indre; Dänemark/Deutschland 2022; 85 Min. R: Lars Henrik Ostenfeld; Sprecher: Campino

MOONAGE DAYDREAM (Eine aussergewöhnliche Hommage an den Ausnahmekünstler DAVID BOWIE) Kinostart: 15.9. 2022

Filmemacher Brett Morgen konnte für seine Dokumentation über das Leben des Künstlers David Bowie, geboren unter dem Namen David Jones, 1946 in Brixton geboren, auf Tausende Stunden Videomaterial zurückgreifen. Was für ein Glücksfall. Vier Jahre lang hat er sich mit dem Material beschäftigt, welches ihm aus Bowies Privatnachlass zur Verfügung stand.

„Moonage Daydream“ hatte in Cannes seine Weltpremiere und kommt nun regulär in unsere Kinos.

Wer ist dieser Typ, der immer wieder neue Charaktere kreierte, in denen er verschwand und als Ziggy Stardust, Major Tom oder Aladdin Sane bis hin zu Thin White Duke auf der Bühne auftauchte. Es ist jetzt fünfzig Jahre her, als er mit der androgynen, rothaarigen Kunstfigur Ziggy Stardust irritierte. Man muß es nicht mehr betonen, dass er zu den einflussreichsten Musikern der Popgeschichte gehörte. Und deswegen ist diese 140 Minuten dauernde Doku auch alles andere als gewöhnlich. Es gibt keine Interviews mit Freunden oder Zeitzeugen, sondern nur das ausgesuchte, zusammengeschnittene Archivmaterial mit entsprechenden Hinweisen. Wir erleben diesen vielseitigen Künstler in einer lebendigen Collage, streckenweise getaucht in knallbunte Farbexplosionen, unterlegt mit O-Tönen und und seiner Musik. Wir tauchen ein in seine Gedankenwelt, z. B. seine Faszination für Nietzsche und Caspar David Friedrich. Wir sehen seine Paintings, die Portrais zeigen, von Menschen mit schmerzvollem Gesichtsausdruck und Ausschnitte aus seinen Filmen. Wir erfahren, dass er als Kind kein Spielzeug mochte aber ein Album, namens TOY herausbrachte. Auch spielte er am Broadway Theater.

I hate to waste days“ sagt er an einer Stelle. Seine Kostüme wählte er oft danach aus, dass die Übergänge zwischen männlich und weiblich in einander flossen. Auch Ausschnitte aus seiner Zeit in Berlin, in der sein Hit „Heroes“ entstand und er sich sehr wohl fühlte, wird von Morgen gezeigt. Seine Faszination von allem Kosmischen ist bekannt. Fazit: ER WOLLTE IMMER EIN ROCKSTAR SEIN. Und wie ihm das gelungen ist, hat Brett Morgen in einem wahren Bilderrausch inszeniert.

Am liebsten mochte ich ihn, wenn ich ihn ab und zu ganz ungeschminkt im „Dschungel“ in Berlin nachts sah.

Deutschland/USA 2022; 140 Min.; Regie: Brett Morgen, der bereits Dokumentationen über Kurt Cobain und die Rollingstones inszenierte.

HIVE (Drama aus dem Kosovo. Eine verwitwete Frau nimmt ihr Leben selbst in die Hand) Kinostart: 8.9. 2022

Wie kam es zu dem Streit zwischen Kosovo und Serbien?

Am 28.Februar 1998 war ein Krieg im Kosovo ausgebrochen, nachdem bei einer Vergeltungsaktion serbischer Polizisten im kosovarischen Dorf Liloshan zehn Menschen getötet worden waren.

Die Regisseurin Blerta Basholli ist selbst im Kosovo geboren und aufgewachsen. Mit 16 flüchtete sie mit einem Teil ihrer Familie nach Deutschland und kehrte 2011 wieder zurück an ihren Geburtsort. Ihr preisgekröntes Spielfilmdebüt ist keine fiktive Geschichte sondern beruht auf der wahren Geschichte der tapferen Fahrije Hoti (Yilka Gashi), die seit Jahren nach ihrem verschollenen Mann im Kosovo sucht.

Die Männer des Ortes wurden von serbischen Angreifern wie Vieh zusammengetrieben und verschleppt. Die sterblichen Überreste ihres Mannes wurden nie gefunden. Bis heute gelten 64 Einwohner von Krusha e Madhe als vermisst.

Am Anfang sieht man Fahrije, wie sie in Leichensäcken nach Kleidungsstücken sucht, die sie kennen könnte. Es gibt keine Nachricht über den Tod ihres Mannes. Mit ihren Kindern und ihrem Schwiegervater führt sie ein bescheidenes Leben. Man spürt, dass die Hoffnung auf die Rückkehr des Mannes noch nicht erloschen ist. Ihr ist klar, dass sie sich aus der Lethargie ihrer Situation befreien muss und nach einer Möglichkeit Geld zu verdienen suchen muss. Sie versucht es, mit dem Verkauf von Bienenhonig. Ihr Mann war damals so glücklich, als er die Bienenhäuser baute. Doch das bringt nicht genug ein. Sie beschliesst den Führerschein zu machen, um umliegende Supermärkte mit selbstgemachter Ajvar (Paprikapaste) zu beliefern. Mit einigen Nachbarinnen und anderen Kriegswitwen bilden sie HIVE, ein Kollektiv, um die Herstellung voranzutreiben und ihren Lebensunterhalt zu sichern. Gar nicht so einfach in einer erzkonservativen Umgebung, in der patriarchalische Strukturen, die Rolle der verheirateten Frauen stark einschränkt und ihnen verbietet, arbeiten zu gehen. Doch Fahrije lässt sich nicht einschüchtern. Sie besteht ihren Führerschein, kauft sich ein altes Auto und gründet mit anderen Frauen ihre Kooperative, obwohl sie beleidigt und angegriffen wird. Es dauert, bis endlich soetwas wie ein Gefühl der Solidarität entsteht.

In einfachen Bildern und nur wenigen Dialogen schildert Blerta Basholli den Überlebenskampf mit dem sich die Frauen und ihre mutige Anführerin zur Wehr setzen, in ihrem noch immer andauernden Trauerprozess. Sie können stolz auf sich sein.

2021 wurde HIVE auf dem Sundance Film Festival im Wettbewerb mehrfach ausgezeichnet. Ein Film, der durch seine raue und wahrhaftige Erzählweise an einen hoffnungsvollen Dokumentarfilm erinnert.

Schweiz, Albanien, Nordmazedonien, Kosovo 2021; 84 Min.; R: Blerta Basholli; D: YIIka Gashi, Aurita Agushi, Kumrije Hoxha