GELOBT SEI GOTT Start: 26.9.2019 (Verbrechen im Namen Gottes)

Ursprünglich wollte Francois Ozon einen Film über männliche Fragilität drehen. Er wollte den Fokus auf Männer legen, die sichtbar leiden und Emotionen zeigen. „Eigenschaften, die eher dem weiblichen Geschlecht zugeordnet werden. Deshalb hatte ich als Titel zunächst an DER WEINENDE MANN gedacht. Dann bin ich auf den aktuellen Fall Preynat gestossen. Auf der Website der Opfer, La Parole Liberée (Das gebrochene Schweigen), las ich Aussagen von Männern, die als Kinder und Jugendliche Missbrauchsopfer der katholischen Kirche waren. Besonders berührt hat mich Alexandre, ein streng gläubiger Katholik, der berichtet, wie er bis zum Alter von 40 Jahren schweigend mit sich gerungen hat, um dann endlich seine Geschichte erzählen zu können. Auf der Website fand ich Interviews, Artikel sowie E-Mail Korrespondenz zwischen Alexandre und hohen Amtsträgern der katholischen Kirche von Lyon, wie Kardinal Barbarin und Regine Maireder Kirchenpsychologin, die für die Unterstützung der Opfer von Priestern zuständig ist. All diese Dokumente haben mich tief bewegt und ich habe Alexandre kontaktiert.“

Ozon traf weitere Opfer und ihre Anwältinnen. Während der Gespräche wurde nicht gefilmt. Ozon hörtr ihnen aufmerksam zu und machte sich Notizen. Er hatte die Idee ein Theaterstück daraus zu machen, entschied sich dann für einen Dokumentarfilm, was die Opfer nicht so gerne wollten. Sie stellten sich eher einen Film wie SPOTLIGHT vor, in dem sie sich in fiktionale Charaktere verwandeln, gespielt von bekannten Schauspielern. Schlussendlich entstand der Spielfilm GELOBT SEI GOTT, frei nach einer wahren Geschichte. (O.T.: GRACE À DIEU)

Alexandre (Melvil Poupaud) lebt mit seiner Frau und seinen Kindern in Lyon. Durch puren Zufall entdeckt er, dass der Priester, der ihn während seiner Pfadfinderzeit vor 30 Jahren missbraucht hat, weiterhin mit Kindern arbeitet. Dunkle Erinnerungen steigen in ihm hoch. Er fasst den Entschluss, endlich gegen den Mann vorzugehen.Vergeblich wendet er sich an die Kirche, um den Fall intern zu klären. Da die Kirche nicht daran denkt, den pädophilen Pater zu entlassen, denkt Alexandre daran, Strafanzeige zu stellen. Für ihn stehen menschliche Werte im Vordergrund, die katholische Kirche ist ihm zu scheinheilig. Doch vorerst sucht er nach weiteren Betroffenen, mit denen er gemeinsam den Verein La Parole Liberée gründet. Er findet sie in Francois (Denis Ménochet) und Emanuel (Swann Arlaud), die auf unterschiedliche Weise, mit den Folgen des damaligen Missbrauchs umgehen und getroffen sind. Francois ist die treibende Kraft ihrer Organisation. Sie beschliessen Preynat, der sich in den Achtzigerjahren an mehr als siebzig Kindern vergangen haben soll, vor Gericht zu bringen. In den meisten Fällen, ist die Verjährungsfrist verstrichen. Was die sexuellen Übergriffe mit ihnen seelisch macht, zeigt sich auf tragische Weise bei Emanuel.

Es ist tröstlich, wieviel Kraft die Männer aus dem Zusammenhalt schöpfen. Absolut widerlich hingegen, sind die weinerlichen Ausreden des Paters.

Mit großem Einfühlungsvermögen widmet sich Ozon der unterschiedliche Charakterisierung der Betroffenen. Sein Anliegen war nicht die Kirche zu verdammen, sondern ihre Widersprüche und die Komplexität der Geschehnisse aufzudecken und zu zeigen, dass die Kirche nicht bereit ist, sich den Verbrechen zu stellen. Eher verschleppt man sie solange, bis es nicht mehr geht.

Die aktuelle Lage im Fall Preynat: Im Januar 2016 wurde gegen Pater Preynat Anklage erhoben. Er wurde wegen sexuellen Missbrauchs unter gerichtliche Aufsicht gestellt. Die gerichtliche Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen. Kardinal Barbarin wurde am 7.März 2019 wegen Nichtanzeige der sexuellen Übergriffe auf Minderjährige unter 15 Jahren und unterlassener Hilfeleistung, zu 6 Monten auf Bewährung verurteilt. Er ging in Berufung und gilt weiterhin als unschuldig. Für Preynat wurde noch kein Gerichtstermin festgelegt.

In Ozons Film wird sehr viel geredet. Und das ist auch gut so. Nach Jahren des Schweigens, können Worte eine unendliche Befreiung sein.

Ozons erschütternde Bestandsaufnahme wurde auf der Berlinale 2019 mit dem großen Preis der Jury ausgezeichnet.

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