BETTINA ( Ein aufrechtes offenes und unbeirrtes Portrait der Liedermacherin und Widerstandskämpferin Bettina Helene Wegner) Kinostart: 19.5. 2022

Bettina Helene Wegner, 1947 in Westberlin geboren, in Ostberlin aufgewachsen.

Bekannt wurde die Liedermacherin mit dem einfühlsamen und aufrüttelden Lied „Sind so klein die Hände….“ Sie singt es heute noch. Aber am liebsten singt sie Liebeslieder.

In dieser Berliner Biografie blickt Bettina Wegner humorvoll, offen und unbeirrt auf ihr Leben zurück.

Regisseur Lutz Pehnert portraitiert diese ungewöhnliche Frau, die eigentlich gerne Schauspielerin geworden wäre und die im Laufe von vierzig Jahren ihre eigenen Gebote entwarf, nach denen sie ihr Leben gestaltet:

„Aufrecht stehen, wenn andere sitzen, Wind sein, wenn andere schwitzen, lauter schreien, wenn andere schweigen, beim Versteckspiel sich zu zeigen…“ Mit 12 hat sie Lieder und Gedichte geschrieben, die sich um die Atombombe rankten.

„Es war nur eine kleine Bombe, sie sah ganz harmlos aus, doch als sie fiel, fiel auch dein Haus“.

Als die Leute weinten, wenn sie die Lieder hörten, war ihr klar, alles richtig gemacht zu haben.

Sie war eine glühende Verehrerin von Stalin, weiss aber nicht so genau warum: „Er war einfach überall“.

Mit 21 Jahren stand sie vor Gericht, weil sie gegen das gewaltsame Ende des Prager Frühlings protestiert hatte, indem sie Flugblätter mit folgenden Losungen verteilt hat:

„Hände weg von Prag. Nieder mit den Mördern von Prag“ und ähnliches. „Lieber hätte ich mich offen auf die Strasse gestellt und laut gesagt, was ich denke“, sagt sie der Richterin im Verhör.

Pehnert nutzt Archivmaterial aus Ost und West und Audiomitschnitte aus ihrem Prozess, wo sie ehrlich Rede und Antwort steht. Er gibt ihr viel Raum zu erzählen, nicht nur mit Worten, sympathisch gefärbt im Berliner Dialekt, Hochdeutsch ist nicht ihre Sprache, sondern auch gesanglich. Ihre Lieder stimmen, ihre Texte treffen und ihre Melodien gehen unter die Haut.

Wegen staatsfeindlicher Hetze wurde sie für 1Jahr und 4 Monaten verurteilt, in einer Fabrik arbeiten zu gehen. Eine schwere Zeit für sie, denn sie hatte ja den unehelichen Sohn Benjamin aus der Liebesbeziehung mit Thomas Brasch, den sie versorgen musste. Schmerzlich hat sie sich von Brasch getrennt, der sie betrogen und belogen hat.

Später hatte sie mit ihrem Mann Klaus Schlesinger die Idee im Haus der jungen Talente Veranstaltungen zu organisieren, wie „Eintopp“ und „Kramladen“, wo sie neben Gastauftritten von gleichgesinnten Künstler*innen ihre eigenen Lieder sang. Anschliessend gab es Diskussionen mit dem Publikum. Sie war jetzt eine freiberufliche Sängerin mit Berufsausweis.

Nach Biermanns Ausbürgerung war die Stimmung betrübt. „Ich weiss nur sicher, dass ich bleiben mußte“, sagt Bettina.

Seit März 1980 tritt sie nur noch in der BRD auf. Sie hat ein Ausreisevisum und kann hin-und herfahren. Ihre Auftritte waren in der DDR nicht mehr erwünscht. Sie wollte unbedingt ihren Beruf ausüben und singen. Das ging im Osten nun nicht mehr. Die Ehe mit Schlesinger war auch am Ende.

Dem Staat wurde sie mit ihren politischen Texten immer unangenehmer und sie sollte nun endgültig die DDR verlassen und nach West-Berlin gehen. Das Ausreisevisum wurde für ungültig erklärt. Wie eine Löwin kämpfte sie darum, in ihrer Heimat zu bleiben. Widerwillig fügte sie sich, denn es drohte ihr eine erneute Haftstrafe. Mit 36 Jahren musste „sie ihre Wurzeln aus der Heimaterde drehen“. Ein Schmerz, den die heute 74-jährige noch immer spürt. Dass sie vor 20.000 Leuten in der Waldbühne auftrat, konnte sie nicht trösten.

„Wenn ich drüben sage, dann meine ich noch immer den Westen“. Ich dachte immer in der kurzen Zeit der Wende könnte die DDR eine Option sein. Erst hieß es: Wir sind das Volk, dann hieß es: Wir sind ein Volk und dann: Wir sind ein blödes Volk“. Ein Witz von Schlesinger.

Der Werdegang dieser beseelten Künstlerin und unverbesserlichen Widerstandskämpferin, die eigentlich nur von der Liebe singen wollte, gehört zu den spannendsten Lebensläufen des 20.Jahrhunderts. Das hinreißende Portrait beginnt mit der Zeile des Liedes: „Wenn ich ein Vöglein wär….“ und endet mit der Zeile.

Der Film feierte seine Premiere auf der diesjährigen Berlinale in der Sektion Panorama.

Deutschland 2022; 107 Min. R: Lutz Pehnert; B: Lutz Pehnert; K: Anne Misselwitz; Musik komponiert von Bettina Helene Wegner

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