VORTEX (Demenz-Tragödie) Kinostart: 28.4.2022

In letzter Zeit wurden so einige Filme über das älter werden und seine Folgen gedreht und es handelte sich meistens um den Umgang mit Demenz. Auch Gaspar Noé (IRREVERSIBLE, ENTER THE VOID, LOVE und CLIMAX), von dem man es am allerwenigstens erwartet hätte, hat sich mit VORTEX diesem Thema gewidmet.

Die Bedeutung von vortex im Englischen Wörterbuch: a dangerous or bad situation in which you become more and more involved and from which you cannot escape.

Noé widmet seinen Film allen Menschen, „deren Hirn sich früher zersetzen wird, als ihr Herz.“

Ein Ehepaar, beide um die achtzig, lebt in einer großen in Pariser Altbauwohnung. Sie (Francoise Lebrun) war Psychoanalytikerin und er (Dario Argento) Filmkritiker. Sie treffen sich auf dem Balkon und stossen mit einem Glas Wein an. Sie sagt: „Ist das Leben nicht ein Traum“.Er antwortet: „Ein Traum in einem Traum.“

Während die Kamera durch die Wohnung streift, die einer Bohéme- Behausung gleicht, singt die junge Francoise Hardy „Mon ami la rose“, ein trauriges Lied über frühere Schönheit und später nur noch alt zu erwachen. Das Paar verbringt seine letzten gemeinsamen Tage in ihrer Wohnung und es ist doch getrennt. Sie erwachen gemeinsam in ihrem Ehebett, doch dann teilt sich das Bild, auf der einen Hälfte sieht man sie, auf der anderen Hälfte ihn. Sie werden nur noch wenige Szenen im selben Bild verbringen. Noé hat ihren Alltag durch einen Split-Screen erbarmungslos getrennt. Beide leben bereits in unterschiedlichen Welten.

Sie irrt durch die Wohnung, bleibt stehen, überlegt was sie eigentlich wollte, während er an seinem Buch über das Kino und seine Träume, denn für ihn sind alle Filme Träume, schreibt. Oder er telefoniert. Wenn sich seine Frau mal wieder im Kramladen verläuft, verzweifelt nach etwas sucht und es nicht findet, geht er raus, sucht sie, kauft ihr Blumen und bringt sie nach Hause. Sie blättert in alten Rezezepten, er in einem Buch. Sie dreht das Gas auf, er kann gerade noch das Schlimmste verhindern. Die Atmosphäre wird immer beklemmender. Ihre Rezepte, für ihre Medikamente, stellt sie sich selber aus.

Auch er verzweifelt daran, seine demente Frau zu unterstützen. Es kommt noch hinzu, dass sie kaum noch spricht. Auch Geräusche, die sie nicht kennt, jagen ihr Angst ein. Ihr drogenabhängiger Sohn (Alex Lutz)ist auch keine Hilfe. Sein Vorschlag in eine Wohnung in einer Pflegeeinrichtung zu ziehen, lehnt sein Vater ab. Der Gedanke, sich von seinen Büchern, seinen Filmplakaten , Briefen und liebgewonnen Krims-Krams zu trennen, ist für ihn unvorstellbar: „Ich kann doch nicht meine Vergangenheit wegwerfen.“ Die Wohnung spiegelt ihr Leben.Überall stapeln sich Bücher, die Wände sind voll mit Fotos, Plakaten, Zetteln mit Notizen, Erinnerungen, wohin man auch blickt.

Jahrelang hat er eine Affaire aber sie reagiert nicht mehr auf seine Anrufe. Dennoch ist er derjenige, der seine demente Frau trösten kann, wenn sie weint.

Es ist schon eine emotionale Tour de force, Noés Film bis zum Ende zu folgen und dem schleichenden Tod, bei seiner Arbeit zuzusehen, gleichzeitig ist sein Film auch eine Hommage an das Kino und ein Plädoyer an die Liebe, wenn der Geist langsam schrumpft und das macht ihn sehenswert.

Gedreht wurde größtenteils ohne Drehbuch und statt dessen improvisiert, was die Tragödie zweier Menschen noch mehr intensiviert und die beiden Protagonisten zu Menschen aus dem wahren Leben macht.

Frankreich/Belgien2021; 135 Min; R: Gaspar Noé; D: Francoise Lebrun, Dario Argento, Alex Lutz, Kylian Dheret;

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