ANMASSUNG (Dokumentation) Kinostart: 22.7. 2021 Protagonist, ein Inhaftierter in der JVA Brandenburg

Die beiden Regisseure Chris Wright und Stefan Kolbe sehen den Strafgegefangenen Stefan S. zum ersten Mal In der JVA Brandenburg in einer Gesprächsgruppe mit 12 Männern, 8 davon Gewalt-und Sexualstraftäter. Stefan ist Teilnehmer der Verhaltenstherapeutischen Maßnahme: Männlichkeit und Identität. Auf die beiden Filmemacher wirkt Stefan S. Total nett. Ein Vollzugsbeamter antwortet: „Stefan S. ist ein eiskalter Frauenmörder“.

Die beiden Regisseure wollen keinen Film über Stefan machen, sondern, über was sehen wir, wenn wir, nichts sehen. Was machen wir uns für ein Bild von einem Menschen, der einen Mord begangen hat? Vier Jahre haben die beiden sich mit Stefan beschäftigt.

Da Stefan sich vor der Kamera unwohl fühlt und sein Gesicht nicht zeigen will, tritt an seine Stelle eine Puppe, die von zwei Puppenspielerinnen geführt wird. Eine stellt Fragen, die andere antwortet als Stefan. Das hat etwas befremdliches und gleichzeitig auch rührendes, wenn sich die kleine Figur in ihrem roten Pullover, den blauen Jeans und den hellgrauen Socken in den kleinen blauen Sneakern bewegt. Wäre da nicht der babyähnliche Kopf mit den durchdringenden blauen Augen und dem bösen Gesichtsausdruck und dem Hauch von Unsicherheit und Tragik.

Nach über 12 Jahren Haft begleitet das Filmteam Stefan bei seinem 2.Ausgang im Wald zum See. Er läuft so schnell, dass die beiden Justizbeamten kaum hinterherkommen. Danach erzählt er den Regisseuren seine Lebensgeschichte. Die einzelnen Stationen seines Lebens werden nachgestellt.

Stefan selbst, sieht man immer nur von hinten. Es hat viel Trauriges in seinem Leben stattgefunden. Es gibt nur wenige Momente, in denen er glücklich war. „Richtig wütend war ich nur einmal in meinem Leben und dann ist es schief gegangen“ erzählt er. Auch Sex hat er nie in seinem Leben gehabt, erzählt er. Als er nach fast 15 Jahren Haft im offenenVollzug ist, will ihm sein Therapeut eine Sexarbeiterin besorgen, damit er Sexualität „lernt“. Das Angebot erfüllte ihn mit Stolz, doch dann hat er es abgelehnt. Und immer wieder die Puppe, die von den Puppenspielerin je nach Gefühlslage entsprechend bewegt wird und die einen mit diesem unbeweglichen Gesicht und den eiskalten, blauen Augen anschaut. Es ist schwierig hinter die Fassade dieses Menschen zu schauen und zu verstehen, mit wem man es zu tun hat und was in seinem Innern wirklich vor sich geht. Hinzu kommt, dass Stefan sich kurz vor seiner Entlassung befindet, über die seine Therapeuten entscheiden müssen. Hat er es in der langen Haftzeit gelernt, sich anzupassen und immer das Richtige zu sagen? Nicht mal Therapeuten können darauf eine eindeutige Antwort geben.

Stefan darf die Regisseure jetzt einmal im Monat in Berlin besuchen. Er möchte so viel Sehenswürdigkeiten wie möglich sehen. Am liebsten würde er bei ihnen übernachten. Spätestens jetzt wird es auch den beiden Filmemachern mulmig. Sie fragen sich, was er eigentlich in ihnen sieht und warum macht er überhaupt bei ihnen mit? Auch das Vertrauen, was er ihnen schenkt, überfordert sie. Und wer weiss, ob er nicht wieder einen Mord begehen wird? Das Wright und Kolbe das Gerichtsprotokoll erst am ende ihrer Dokumentation vorlesen und man als Zuschauer erst jetzt den ganzen Sachverhalt erfährt, macht es nicht einfacher. Seine Tat wird minutiös geschildert. Nach 16 Jahren wird er entlassen. Steht aber noch unter Bewährung. All seine Sachen überlässt er Wright und Kolbe. Das Bild, was man sich von ihm bis jetzt gemacht hat, bekommt einen Riss.

Die Doku, die man vielleicht auch als Experiment bezeichnen kann, führt uns vor Augen, wie schwierig es ist, einen Menschen wirklich zu begreifen. Auch wenn man ihn jahrelang kennt, weiss man nicht wirklich, was in ihm vorgeht.

ANMASSUNG regt auf jeden Fall zum Grübeln an.

Stab, Regie, Buch: Stefan Kolbe, Chris Wright.

Puppenspielerinnen: Nadia Ihjeij Josephine Hock

1 Std. 55 Minuten Der Film hatte seine Premiere 2021 auf der Berlinale in der Sektion: FORUM

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