NEBENAN (Eine Tragikomödie über Ossis und Wessis und bitteren Lebenslügen) Kinostart: 15. Juli 2021

Mit diesem Film gelingt mir der große Durchbruch, hofft Daniel (Daniel Brühl). Der Schauspieler soll in London für einen amerikanischen Superheldenfilm vorsprechen. Auf dem Weg zum Flughafen, macht er in einer Berliner Eckkneipe „Zur Brust“ halt. Vormittags ist seine Stammkneipe noch leer und er hat die nötige Ruhe, seinen Text noch zu verfestigen und und zu telefonieren, denn er will unbedingt herausfinden, wer seine Partner sind. So vermeidet er es, in der Flughafenlounge angestarrt zu werden. Doch mit der Ruhe haut es nicht hin. An der Theke sitzt Bruno (Peter Kurth) und verwickelt ihn in ein Gespräch. Daniel wohnt in einer luxuriösen Maisonettewohnung mit eigenem Außenaufzug, mitten in Prenzlauer Berg. Da seine beiden Söhne schon wach sind, hätte er zu hause nicht die nötige Ruhe gehabt.

Im Gespräch mit Bruno stellt sich heraus, dass er im selben Haus, mit dem Schnösel Daniel wohnt. Leider nur im Hinterhaus,ohne Fahrstuhl. In der luxussanierten Dachwohnung die Daniel nun bewohnt, hat früher Brunos Vater gewohnt. Er wurde von Spekulanten rausgekauft. „Jetzt ist mein Vater tot“, erzählt er.

Bruno kennt alle Filme von Daniel. Es bereitet ihm offensichtlich ein hämisches Vergnügen, sich über Daniels nicht vorhandene Schauspielkunst lustig zu machen. Auch wenn die Filmtitel verändert sind, weiss man, über welche Filme er abfällig spricht.

Kurth verkörpert den frustrierten Wendeverlierer, der den verhassten Gentrifizierer- Wessi mit ausgetüftelten Rachegelüsten regelrecht bombardiert. Er fängt klein an. Er starrt den Schauspieler eine ganze Weile an, dann bittet er um ein Autogramm, dann wischt er sich mit der Serviette, auf der das Autogramm steht, genüsslich den Bierschaum vom Mund. Dann nimmt er sich Daniels Filme vor, die er alle haargenau kennt und spöttelt, was das Zeug hält. Dann zückt Bruno sein letztes Ass. Er beginnt Daniel über sein eigenes Privatleben minutiös aufzuklären. Es ist nicht nur die Einsicht, die er wegen der bodentiefen Fenster in Daniels Wohnung hat, sondern weil er nachts dort sitzt, wo Daniel anruft, wenn seine Kreditkarte verloren geht. „Ich sehe alles, was auf deinem Konto passiert. Tschuldigung, dass ich du sage aber ich weiss so viel von ihnen. Ihr habt ja ständig das Fenster auf, ich höre alles.“ Bruno hört gar nicht auf, Details aus Daniels Leben runterzurattern.

„Denk mal darüber nach, ob das, was ich dir erzähle eine Lüge ist.“ die ausgedruckten Wahrheiten nimmt er mit. „Ach übrigens, über Denise, das Callgirl müssen wir auch noch reden“. Unterbrochen wird das abgründige Kammerspiel, wenn Daniel mit seinem Rollkoffer von dannen zieht, um wichtigtuerisch zu telefonieren und dann doch wieder erscheint.

Den beiden unterschiedlichen Männern in der kleinen Kneipe zuzusehen und zuzuhören ist ein köstliches Vergnügen, auch wenn es zwischendurch bitterböse wird. Bruno, der mit großer Gelassenheit seinen Hass gegen alles West-Deutsche an Daniel rauslässt und Daniel der durch und durch arrogant ist aber alles tut um nicht arrogant zu wirken, verkörpert den typischen Klischee-Wessie mit einer köstlichen Selbstironie. Oder ist es ein genialer Schachzug des Freundes und Drehbuchautors Daniel Kehlmann, denen, die Daniel Brühl nicht mögen, „den Wind aus den Segeln“ zu nehmen und ihre Häme zu schwächen. (Einige Beleidigungen in Kehlmanns Drehbuch basieren auf wahren Sprüchen, die Brühl sich anhören mußte.)

Brühls Regiedebüt ist nicht nur ein perfides Psychduell sondern auch eine Tragikomödie über Ossis und Wessis mit köstlichem Humor.

Deutschland 2021 92 Minuten Regie: Daniel Brühl. Drehbuch: Daniel Kehlmann Kamera: Jens Harant Darsteller: Daniel Brühl, Peter Kurth, Aenne Schwarz

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