REGELN AM BAND, BEI HOHER GESCHWINDIGKEIT (Dokumentarfilm) Kinostart: 22.10.2020

Der schon vor den jüngsten Skandalen im Fleischkonzern und Schlachthof von Clemens Tönnies in Rheda-Wiedenbrück entstandene Diplomfilm der Münchener Filmhochschule berichtet von der Ausbeutung von Arbeiterinnen und Arbeitern aus Osteuropa in der Fleischindustrie, von den katas-trophalen Wohnverhältnissen und vertuschten Unfällen an Bändern, die immer schneller laufen, auch wenn die Hände nicht mehr hinterherkommen. Er berichtet aber auch von empathischen Aktivistinnen und Aktivisten, die versuchen ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Es handelt sich um Menschen, die oft der deutschen Sprache nicht mächtig sind und kaum Möglichkeiten haben, sich gegen die miserablen Arbeits-und Lebensbedingungen zur Wehr zu setzen. Erst recht nicht kennen sie die Sprache der Verträge und Fußnoten, die für eine begrenzte Zeit ihr Leben am Fließband regelt.

Parallel dazu beobachtet die Regisseurin Yulia Lokshina eine Gymnasialklasse am Rande von München,Jugendliche, die Brechts „Heilige Johanna der Schlachthöfe“ einstudieren und sich mit den marxistischen Ideen Brechts in Diskussionen auseinandersetzen. In seinem 1931 geschriebenen Stück, prangert er die skandalöse Ausbeutung der Arbeiter an. Besonders diskussionsfreudig zeigen die Schüler sich nicht.

In den Betrieben durfte Lokshina mit ihrem Team nicht drehen. Sie konzentriert sich auf die Menschen die in versteckten Waldcampingplätzen hausen, auf deren lange Nachhausewege in der Nacht, auf den erschütternden Vorfall einer jungen Rumänin, die ihr Neugeborenes in einer roten Supermarkttüte ausgesetzt hat. Sie arbeitete bei Tönnies unter katastrophalen Bedingungen. Von ihrem weit unter dem Mindestlohn liegenden Lohn, mußte sie 200Euro monatlich für ein winziges Zimmer mit einer Matratze bezahlen. In ihrer Verzeiflung und der Angst ihren Arbeitsplatz zu verlieren, setzte sie ihr Kind aus. Der Fall war eine Schlagzeile wert und dann vergessen.

Ein Bild, was man nicht so schnell vergißt, ein eingpferchtes Schwein, das minutenlang nach einem Ball schnappt, ihn aber nicht bekommt. Was man Lokshina hoch anrechnen muß, ist die Tatsache, daß sie die Menschen, die sie befragt ernst nimmt und sie in keinster Weise vorführt.

Die Tatsache, daß über 660 Millionen Tiere für den deutschen Fleischkonsum jährlich geschlachtet werden, vermittelt, daß dieses Schweinesystem munter weiter existiert. Und somit ist dieser Film ein Appell an uns Verbraucher, endlich den Konsum von Billigfleich einzustellen , der solchen Ausbeutungen von Mensch und Tier, Tor und Tür öffnet. Diesen Sachverhalt vermittelt uns Lokshina anschaulich und eindringlich, indem sie den Unsichtbaren ein Gesicht gibt.

Ihr Film war der Gewinner des Max Ophüls Preis beim Filmfestival in Saarbrücken, 2020.

Laufzeit: 92 Min.

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