NIEMALS SELTEN MANCHMAL IMMER Kinostart: 1.10. 2020 ( Ausgezeichnet mit dem Silbernen Bären auf der diesjährigen Berlinale)

Ein junges Mädchen steht auf der Bühne ihrer High School und singt „He´s got the Power, the power of love, over me“. Man ahnt, dass ihr etwas Ungewolltes passiert ist. Der Gesang kommt nicht gut an. Eine männliche Stimme brüllt: „Schlampe“. Das Mädchen ist kurz irritiert, singt dann aber weiter.

Das Mädchen heisst Autumn (Sidney Flanigan) und ist 17 Jahre alt. Als sie später, in einer Kneipe den Zwischenrufer wiedersieht, kippt sie ihm ein Glas Wasser ins Gesicht. Aufgewachsen ist sie in einem ärmlichen Arbeiterviertel in Pennsylvania. Mit ihrer Cousine Skylar (Talia Ryder) arbeitet sie an der Kasse eines Supermarktes. Jedesmal, wenn sie ihre Einnahmen dem Geschäftsführer durch einen Schlitz übergeben, drückt er ihnen einen Kuss auf die Hände. Die Mädchen bleiben stumm, lassen aber jedesmal 10 Dollar verschwinden. Es ist ihre Art, sich zu wehren.

Autumn macht einen Schwangerschaftstest. Er ist positiv. Eine Ultraschalluntersuchung zeigt, dass sie in der 10. Schwangerschaftswoche ist. Eine erzkonservative Ärztin zeigt ihr danach ein abschreckendes Abtreibungsvideo. Unter Tränen boxt sie wie wild gegen ihren Bauch, in der Hoffnung, das Kind zu verlieren. In Pensylvania braucht sie für einen Schwangerschaftsabbruch die Zustimmung ihrer Eltern. Doch ihre Mutter und ihr Stiefvater dürfen es nicht erfahren. Sie vertraut sich Skylar an. Beide beschliessen mit dem Bus nach New York zu fahren, denn dort wird nicht nach einer Einwilligung der Eltern gefragt. Ihr Ziel ist eine Abtreibungsklinik in Brooklyn, Planned Parenthood. Vorher unterschlägt Skylar noch etwas Geld und stopft es auf dem Heimweg in ihren Rucksack. Der Trip wird zu einer Odyssee. Die beiden Mädchen irren mit einem kaputten Rollkoffer, mit wenig Geld, ohne Schlafmöglichkeit durch eine fremde Stadt. Noch ahnen sie nicht, dass ihr Aufenthalt länger dauert als geplant. Ihre Kommunikation verläuft fast wortlos. Es sind kleine Gesten, die den Zusammenhalt der beiden Mädchen gegen den Rest der Welt zeigen. Auf ihrem Weg, müssen sie an einer kirchlich organisierten Demonstration vorbei, bei der Schilder mit blutverschmierten Embryos hochgehalten werden. Endlich in der Praxis angekommen, stellt man fest, dass sie bereits in der 18. Schwangerschaftswoche ist. Der Abbruch wird abgelehnt. Man schickt sie woanders hin.Die beiden Cousinen müssen die Nacht bis zum nächsten Tag irgendwie überbrücken.

Und wieder passiert etwas Unvorhergesehenes. Der erste Tag gilt der Abtreibungsvorbereitung, am zweiten Tag findet der Abbruch statt. Vorab muss Autumn sehr viele persönliche Fragen beantworten. Die Antwortmöglichkeiten werden ihr vorgegeben: „Niemals Selten Manchmal Immer“. (Never Rarly Sometimes Always)

Es sind sehr persönliche Fragen. Fragen zu sexuellen Kontakten und sexuellen Gewalterfahrungen. Mit sechs Jungen hat sie geschlafen, aber nicht mit allen freiwillig. Bei der Frage nach der Unfreiwilligkeit zuckt sie kurz zusammen und verbirgt ihre Tränen.

Ihre Situation ist beklemmend. Sie haben kein Geld mehr für ein Hotel. Sie treffen einen Jungen aus dem Bus wieder, gehen mit ihm bowlen und in eine Karaoke – Bar. Er leiht ihnen etwas Geld, dafür muss Skylar mit ihm knutschen. Diese Szene offenbart einen ganz besonderen Moment. Skylar lehnt mit dem Jungen an einer Säule. Autumn, die sich hinter der Säule befindet, reicht ihrer Cousine heimlich die Hand. Ihre Finger berühren sich, was so viel bedeutet wie, ich steh dir bei.

Regisseurin Eliza Hittman verzichtet in ihrem dokumentarisch anmutendem Film auf Gewesenes. Die wahren Umstände der Schwangerschaft bleiben im Dunkeln. Leise und unaufgeregt, mit zarten Andeutungen, erzählt sie das Geschehen. Um so grösser ist die Wucht, mit der uns der Film trifft.

Nicht nur in Trumps Amerika wird den Frauen das Recht auf die Selbstbestimmung ihres Körpers schwer gemacht, auch in Deutschland wird es wieder immer schwieriger Ärzte*innen zu finden , die einen Schwangerschaftsabbruch durchführen. Es macht wütend, diesem wortkargen Mädchen auf ihrem steinigen Weg zu folgen. Ohne laute Worte spielt die junge Sidney Flanigan, die man hier zum ersten Mal auf der Leinwand sieht, mit einer umwerfenden inneren Stimme, die die Geschehnisse um so lauter erscheinen lassen. Das geht einem tief unter die Haut. Gleichzeitig ist dieser wichtige Film auch ein Plädoyer für die Me-Too-Bewegung. (#ME TOO)

Die Uraufführung dieses Films war dieses Jahr in Sundance. Im Wettbewerb der Berlinale gewann er den Silbernen Bären. Außerdem erhielt er den Gilde-Preis für den besten internationalen Film des Jahres.

Universal hat auf youtube ein Live Panel „Fokus Schwangerschaftsabbruch – Wo stehen wir“ veröffentlicht.

Werbung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s