ZU JEDER ZEIT START: 02.05. 2019 (Dokumentarfilm über eine Pflegeschule)

Ein längerer Aufenthalt in der Intensivstation hat den Dokumentaristen Nicolas Philibert („Sein und Haben“) angeregt, die Absolventen einer Pflegeschule in Frankreich drei Jahre lang mit der Kamera zu begleiten. Er hat ihnen dabei zugesehen, wie sie lernen, ihre erste Spritze aufzuziehen, ihre Hände gründlichst zu desinfizieren, das Üben der Herzdruckmassage und den ersten Kontakt mit einem Patienten, dem sie den Blutdruck messen.Bereits jetzt wird deutlich, wie vielseitig der Pflegeberuf ist und wie viele Dinge das Pflegepersonal wissen muß, um diese verantwortungsvolle Tätigkeit auszuüben. Dinge, die für denjenigen, der nicht aus der Branche kommt, einfach erscheinen. Wieviel Ausdauer und Geduld ihnen abverlangt wird, bis sie gelernt haben Fehler zu vermeiden, ist ein langer Weg. Zahlreiche Unterrichtsstunden sind nötig, in denen sie sich über anatomische, rechtliche und technische Grundlagen intensivst informieren müssen, um sie zu jeder Zeit abzurufen. Ihnen bei ihren Bemühungen zu folgen, ist durchaus spannend, besonders wenn sie das Gelernte am Patienten anwenden müssen. Man fiebert regelrecht mit ihnen mit, wenn der Moment gekommen ist, zum ersten Mal einen Zugang zu legen oder Blut abzunehmen und wieviel Fingerspitzengefühl  es braucht, einen ängstlichen Patienten, der sich wie ein „Versuchskaninchen“ fühlt, die Angst  zu nehmen. Jetzt wird klar, wieviel Einfühlungsvermögen und die Kunst des  Zuspruchs von den Auszubildenden mitgebracht werden sollte.

Philibert führt selbst die Kamera. In ruhigen Bildern dokumentiert er die Auszubildenden bei der gleichen Tätigkeit und offenbart wie unterschiedlich die Herangehensweise jedes Einzelnen ist, bis jeder Handgriff sitzt. Er verzichtet auf Musik, auf Off – Kommentare und politische Kritik. Er entschied sich, diesen Film als ein Tribut an die Pflegekräfte zu machen.

„Sie beim Lernen zu filmen bedeutet auch Wünsche zu filmen. Den Wunsch zu lernen, sich zu verbessern. Den Wunsch, den Abschluss zu schaffen, in die Gesellschaft zu passen, sich nützlich zu machen. Der Pflegeberuf ist schwierig, anstrengend, schlecht bezahlt, oft weit unten in der Krankenhaus – Hierarchie, und dennoch bleibt er attraktiv und profitiert von einem gewissen Ansehen in der breiten Bevölkerung. In der Tat ist dieses leicht idealisierte Bild oft der Ursprung der Entscheidung, eine Pflegekraft zu werden“.

Interessant sind die Supervisionsgespräche nach der Praxiszeit. Hier bekommen sie in Gesprächen mit ihren Lehrenden die Diskrepanz zwischen den Anforderungen und der ersten Konfrontation mit der Wirklichkeit zu analysieren. Sie können ihre Gefühle zum Ausdruck bringen und darüber sprechen, was die Begegnung mit Krankheit, die speziellen Patienten, Pathologien, der Umgang mit Sterbenden mit ihnen, besonders mit ihren Gefühlen macht. Das geht von Tränen bis Frustration, von Zufriedenheit und Stolz, Gefühle und Reflexionen die zeigen, wie unterschiedlich belastbar jeder von ihnen ist, besonders was den emotionalen Bestandteil ihres zukünftigen Berufes betrifft.

„Will die (beruflich) Pflegende nicht wie bisher Amboß sein, muss sie eiligst anfangen, Hammer zu werden und nicht mehr ihr Geschick willenlos aus den Händen Anderer zu nehmen, sondern es selbst zu gestalten“. (Agnes Karll, Reformerin der deutschen Krankenpflege (1868 – !927)

Mit ZU JEDER ZEIT ist Nicolas Philibert ein lebendiger, eindringlicher und berührender Film gelungen.

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