WAS WERDEN DIE LEUTE SAGEN START: 10.05.2018

Schon am Anfang dieses Drama bekommt man ein Gespür dafür, wie sehr der Vater seine Tochter liebt. Die 15-jährige Nisha lebt mit ihrer Familie in Norwegen. Ihre Eltern sind vor Jahren aus Pakistan eingewandert. Draussen ist sie ein ganz normaler Teenager, zuhause beugt sie sich den Traditionen, in denen ihre Eltern weiterhin verhaftet sind. Als sich ihr Freund eines nachts in ihr Zimmer schleicht und sie gemeinsam Musik hören, klingelt auf einmal sein Handy. Ihr Vater stürmt herein und geht auf den verdutzten Jungen mit den Fäusten los. „Hast du jemals darüber nachgedacht, was für Konsequenzen dein Verhalten für uns hat? Es geht um unsere Ehre“ brüllt er. Er fordert seine Tochter auf, den Jungen zu heiraten. Nisha (grossartig Maria Mozhdah) weigert sich. Kurzerhand bringt er sie nach Pakistan. Nisha ist verzweifelt und stürzt sich aus dem Auto. „Wenn du das nocheinmal tust, bring ich dich um“ droht er. Er lässt sie bei seinen Verwandten unter Tränen zurück. „Ich will doch nur dein Bestes. Du bedeutest mir alles“, stammelt er, bevor er die Rückreise antritt. Völlig aufgelöst rennt das Mädchen dem Auto hinterher. Wie versteinert, nimmt sie die fremde Umgebung wahr. Als ihre Tante sie im Internetcafé erwischt, sperrt sie sie ein. Der Onkel verbrennt ihren Pass. „Ab jetzt bist du unsere Tochter. Man sagt, du bist hier, weil du den „Kulfi“ eines Mannes geknutscht hast“. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich ihrer Umgebung anzupassen. Stück für Stück erkundet sie das Land und die Kultur ihrer Familie.

Doch dann geschieht etwas derart Ungeheuerliches, dass der Vater sie wieder zurück nach Norwegen holt. Immer wieder fallen Sätze wie „Du hast mein Leben zerstört. Nirgendwo können wir uns mehr sehen lassen. Durch dich ist unser Leben zur Hölle geworden“. Die Eltern zwingen sie, die Schule zu wechseln. Auch die Mutter ist nicht zimperlich mit ihren Worten:“Du machst uns nur Schande. Ich wünschte, du wärst tot geboren“.

Mit ganz grossem Einfühlungsvermögen spielt die achtzehnjährige Maria Mozhdah ihre Rolle. Es ist ihr Leinwanddebüt. Der indische Schauspieler Adil Hussain, bekannt aus dem Film Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger, ist grossartig in seiner Rolle des Vaters, einer tragischen Figur, die gefangen ist in ihrem Wertesystem, was die Familien seit Jahrzehnten von einer Generation zur nächsten mehr oder weniger „vererben“.

Regisseurin Iram Haq hat viele Ereignisse aus ihrem eigenen Leben in dieser emotionalen Geschichte verarbeitet. Auch sie fand es in ihrer Jugend total unfair, nicht das tun zu dürfen , was allen anderen erlaubt war. Auch sie wuchs unter norwegischen Freunden und Freundinnen auf. Als sie 14 war, wurde auch sie von ihren Eltern entführt und musste bei Verwandten in Pakistan leben.

Es ist ihr auf bewundernswerte Weise gelungen, das Mädchen Nisha nicht nur als wehrloses Opfer zu zeigen und die Eltern nicht als bösartige Täter darzustellen. Sie bleibt während des Films ganz nah an Nisha dran und zeigt wie schwierig es ist, die Kluft zwischen den kulturellen Unterschieden auf einen für alle beteiligten friedfertigen Nenner zu bringen und zu lösen. Das gelingt ihr, ohne zu moralisieren oder gar mit dem erhobenen Zeigefinger zu drohen. Herausgekommen ist ein Film, der sicherlich für brisanten Gesprächsstoff sorgt.

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