LUCKY START: 08.03. 2018

Die Leinwand geht auf und „Präsident Roosevelt“ schleicht gemächlich durch die karge Wüstenlandschaft irgendwo im Nirgendwo. Es handelt sich um eine 100-jährige Landschildkröte, die von ihrem Besitzer Howard (David Lynch) schmerzlich vermisst wird. „Hätte ich doch bloss nicht das Gartentor vesehentlich offen gelassen“, lamentiert er unglücklich in seiner Stammkneipe, auf der Suche nach Trost und Antworten. Sein Freund Lucky versucht ihn, zu ermuntern, so gut es geht.

90 Jahre hat der Eigenbrötler und Sturkopf Lucky auf seinem schmalen „Buckel“. Im zweiten Weltkrieg war er auf einem Kriegsschiff der US-Navy stationiert und hatte das grosse Glück in der Küche als Koch arbeiten zu dürfen. Seit jener Zeit, trägt er den Spitznamen Lucky. Er haust in seinem kleinen Wüstenhäuschen und beginnt jeden Tag mit den gleichen Ritualen. Um Punkt 12:00 steht er auf. Waschen, Rasieren und macht eisern seine fünf verschiedenen Yogaübungen, die er 21 Mal! wiederholt und spielt auf seiner Mundharmonika. Dann macht er sich auf den Weg in immer denselben Diner, trinkt einen Kaffee, unterhält sich mit dem Inhaber Joe und der vertrauten Kellnerin Loretta und löst seine Kreuzworträtsel. Weiter geht`s zum kleinen Tante Emma Laden, um eine Flasche Milch zu kaufen.

Zuhause zurückgekommen, schaut er seine heissgeliebten Ratesendungen, die er mit trocken bissigem Humor kommentiert. Gegen Abend, macht er sich erneut auf den Weg in die Stadt, hockt in seiner Stammkneipe, bestellt ne Bloody Mary und führt mit seinen Freunden Howard und Paulie (James Darren)  seine von Altersweisheiten geprägten Gespräche. Sein spezieller Humor , bei dem er kein Blatt vor den Mund nimmt, macht ihn bei den Leuten im Ort sehr beliebt. „Ich bin auf meinen knochigen Arsch gefallen“ erzählt er so ganz nebenbei. Doch spätestens jetzt wird ihm klar, dass er am Ende seines Lebens steht und er sich der Frage stellen muss, ob er alles richtig gemacht hat. Er steht nicht um Punkt 12:00 auf, raucht nur eine halbe Zigarette und legt sich wieder hin.

Die Kellnerin macht sich Sorgen und schaut nach ihm. Er vertraut ihr ein Geheimnis an und gesteht ihr, dass er Angst hat. Er fängt an, sich an Dinge aus seiner Kindheit zu erinnern.

Nachdem sein Arzt (Ed Begley Jr.) ihm bestätigt hat, dass er besonders gute Gene hat und ein „tougher Hurensohn“ sei, geht es  ihm wieder besser. Auf einer Fiesta, zu der er eingeladen ist, singt er ein stimmungsvolles Lied, „Volver, Volver“.

Was „Roosevelt“ anbelangt, erklärt er Howard bei dem abendlichen Treffen seine besondere Philosophie: „Die Wahrheit für uns alle ist, das Alles eines Tages verschwinden wird“. Als Sein Freund ihn fragt, was er damit anfange, antwortet er lakonisch: „Ich lächle“.

Am nächsten Tag spaziert er wieder durch den Ort, weiter durch die karge Landschaft, bestaunt die riesigen Kakteen, raucht ne Zigarette, wobei es ihn nicht im geringsten stört, dass neben ihm ein NO SMOKING Schild steht. In der klirrenden Hitze geht er weiter und  ….. Roosevelt kommt zurück.

Regie-Debütant John Carroll Lynch hat ein kleines Meisterwerk auf die Leinwand gezaubert. Eine rührende Hommage an den Hauptdarsteller Harry Dean Stanton, der eine Woche nach den Dreharbeiten 90 Jahre alt wurde und am 15. September 2017 im Alter von 91 Jahren starb. Er konnte seinen Film nicht mehr sehen.

Jede noch so kleine Nebenrolle wurde von Lynch grandios besetzt. Die hinreissenden Dialoge begeistern  durch Wortwitz und sind gleichzeitig getragen von einer tiefen Melancholie, weise und schwermütig. Es grenzt an ein kleines Wunder, wie der 54-jährige Charakterschauspieler Lynch einem Film, indem scheinbar nur ganz wenig passiert, eine derartige Tiefe und Poesie zum Ausdruck bringen konnte. Für den 89-jährigen Stanton waren die Dreharbeiten bestimmt nicht leicht. Bei den Laufzeiten mit ihren Wiederholungen legte er an manchen Tagen fünf Kilometer bei 35 Grad Hitze zurück. Hätte er die Premiere noch erlebt, er wäre ganz sicher sehr stolz auf sich gewesen.

(Wie sagt Howard ganz ernst: „Es gibt Dinge im Universum, die größer sind als wir alle! Und eine Landschildkröte ist eines davon.)

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